14. Sonntag nach Trinitatis

Text: 1. Mose 28,10–19a(19b–22)

Thema: Gottes Güte

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Wenn am Donnerstag die Müden, die am frühen Morgen gen Israel aufgebrochen waren, in Tel Aviv ihr Haupt betten, werden sie das, so ist zu hoffen, auf einer guten Matratze und einem angenehmen Kissen tun. Die Andeutung reicht für die meisten unter uns, um zu wissen, von wem und welcher Begebenheit zu reden ist. Wir hören davon im 1. Buch Mose 28,10–22:

10 Aber Jakob zog aus von Beerscheba und machte sich auf den Weg nach Haran 11 und kam an eine Stätte, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an der Stätte schlafen. 12 Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder. 13 Und der HERR stand oben darauf und sprach: Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. 14 Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. 15 Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe. 16 Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht! 17 Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels. 18 Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goss Öl oben darauf 19 und nannte die Stätte Bethel; vorher aber hieß die Stadt Lus. 20 Und Jakob tat ein Gelübde und sprach: Wird Gott mit mir sein und mich behüten auf dem Wege, den ich reise, und mir Brot zu essen geben und Kleider anzuziehen 21 und mich mit Frieden wieder heim zu meinem Vater bringen, so soll der HERR mein Gott sein. 22 Und dieser Stein, den ich aufgerichtet habe zu einem Steinmal, soll ein Gotteshaus werden; und von allem, was du mir gibst, will ich dir den Zehnten geben.

Jakob schläft unruhig. Er ist aber offenbar müde genug, sich auf einem Stein ausruhen zu wollen und zu können. Er ist auf der Flucht und ohne Obdach. Seine Situation hat eine Vorgeschichte. Jakob, der Held, hat keine weiße Weste. Er hat seinen Bruder um den Erstgeburtssegen betrogen. Er hat ihm also seine berechtigte Stellung nicht nur streitig, sondern abspenstig gemacht. Der Zorn des Bruders ist erklärlich und so groß, dass er beschließt, Jakob umzubringen [1. Mos 27,41].

Den ganzen Tag war Jakob unterwegs. Er hat eine große Ebene durchquert, der es an markanten Punkten fehlt. Die Stelle, an der er sich nun niedergelegt hat, ist eher ein zufälliger Ort, der Ort, wo die Nacht kam, die sehr rasch kommt in diesen Breiten – auch das werden wir bemerken.

Er markiert den Ort des Zufalls durch einen Stein, schafft sich einen Traumraum.

Dass er überhaupt schlafen kann. Seine Arglist hat ihn alle familiären Bindungen gekostet. Er ist auf sich allein gestellt, nichts birgt ihn, nur dieser Stein. Weiß er, dass die Sonne, die hier untergeht, erst zwanzig Jahre später wieder aufgehen wird? Solange wird er für seinen Schwiegervater Laban zu schuften haben. Und ob und wie diese Geschichte für ihn ausgehen wird, das steht in den Sternen, die schon bald funkelnd vom schwarzen Himmel grüßen.

Aber diese Nacht wird sein Leben verändern. Er schläft – ich verstehe das als Ausdruck der Untätigkeit, in dem ihm auch der Traum zukommt, ohne sein Zutun. Und da sieht ausgerechnet er den Himmel offen. Ausgerechnet dieser Typ, mit dem ich lieber nichts zu tun haben würde, hört eine Zusage, wie sie großzügiger nicht sein könnte: „Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten“ [V. 15]. Nicht nur Esau könnte sich fragen, ist das gerecht? Wie kommt Jakob, der Betrüger, zu solch göttlicher Güte?

Die Wahl Gottes ist souverän. Sie bedarf keiner Begründung. Gnade ist Geschenk und ganz gewiss nicht die Erfüllung eines Rechtsanspruchs. In den Tiefen der Konfliktgeschichte, die auch jetzt noch den Nahen Osten, Palästina, Israel bestimmen, hat auch diese Erwählungsgeschichte ihren Platz. Jakob – dann Israel genannt – legt mit seinem Traumraum sozusagen den Grundstein für das Land der Väter, das Gelobte Land, Eretz Israel – das Land Israels. Und er tut es, ohne zu wissen, was er tut, mit geradezu traumwandlerischer Sicherheit.

Und in dem Zorn, der den Konflikt der Palästinenser mit dem Staat Israel befeuert, meint man den Zorn Esaus zu spüren: Warum Jakob? Und warum nicht Esau?

„Ich werde dich nicht verlassen“ [V. 15] – kaum zu glauben auf dem harten Boden Tatsachen. Kaum zu glauben da in Bethel. Kaum zu glauben 597 v.Chr. als die Israeliten ins Babylonische Exil ziehen, kaum zu glauben im Jahr 70 n.Chr. als Jerusalem zerstört und das Volk in die Diaspora zerstreut wird. Kaum zu glauben in den Pogromen des Mittelalters und erst recht nicht zu glauben in der Hölle der Shoah. Aber der Satz, dort gesprochen, einmal gesagt, er gilt: „Ich werde dich nicht verlassen“.

Und Jakob bekommt neue Wege gewiesen. Er, der Unrecht tat, wird von Gott, gegen dessen Gesetze er verstieß, ausgewählt. Gott segnet ihn und seine Nachkommen und sagt ihm seine Begleitung zu, bis seine Verheißungen erfüllt sein werden. Jetzt ist Jakob verbunden, ja eingebunden in Gottes Pläne. Jetzt arbeitet er nicht mehr auf eigene Rechnung. Jetzt gilt die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt.

Den Ort der Veränderung, der Ort, an dem der Himmel offenstand, Jakob nennt ihn „Pforte des Himmels“ – sein Traumraum, er wird nun, Haus Gottes – Bethel. Jakob schafft für sich und seine Nachkommen einen neuen Raum – einen Raum der Zuflucht? – das Haus Gottes.

Und das ist, wo immer es steht zur Erinnerung an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, ein Ort der Verbindung zwischen Himmel und Erde, ein Ort, an dem Menschen die Verbindung, ja, den Bund mit Gott in ihren Gottesdiensten feiern und bekräftigen.

Und dabei möge uns die Hoffnung nicht ausgehen, dass Gott den Frieden schafft, den wir uns wünschen, aber nicht zustande bringen. Den Frieden zwischen Israelis und Palästinensern. Und wer weiß, am Ende geht der betrogene Esau auf seinen Bruder zu, umarmt ihn und schließt Frieden mit ihm [1. Mos 33,4].

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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