Ostermontag

Text: Jes 25,6-9

Thema: Gott verschlingt den Tod

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Ostern ist eine Freude. Nicht nur für den Einzelhandel und die Reisebranche! Ostern ist Freude, erst recht, wenn, wie in diesem Jahr, die Feiertage in einer ausgedehnten Hochdruckzone zu liegen kommen. Keine Gefahr der Unterkühlung, sei es beim Frühgottesdienst am Osterfeuer, sei es beim traditionellen österlichen Spaziergang. Ostern ist eine Freude, weil es einfach so schön ist. Ostern ist vielleicht schön, aber ganz gewiss nicht einfach!

Dass Christus lebt, dass das Leben den Tod besiegt, das steht gegen so viel Beobachtung und Erfahrung. Der Gedanke mag gefallen, drum färben wahrscheinlich auch Leute unverdrossen ihre Ostereier, die mit dem christlichen Auferstehungsglauben nichts am Hut haben. Manch einer wird Gedanken anhängen, wie sie der schwedische Autor Henning Mankell formulierte, als er schon schwer erkrankt war [vgl. Wenn Sie Flügel haben, fliegen Sie. DIE ZEIT, Nr. 13 vom 26.3.2015, S. 45]. „Wir kommen aus dem Dunkel, wir gehen in das Dunkel. Das ist das Leben. … Das Leben hat ein Ende. Es gibt kein Zurück, nie. Nicht eine Stunde. Ich denke an all die Menschen, die vor uns gegangen sind. … Die absolute Mehrheit der Menschen, die vor uns gelebt haben, ist vergessen. Sie kamen aus dem Dunkel, lebten, gingen zurück in das Dunkel. So wird es uns auch gehen.“

Unser wohlstandsgesättigter Hedonismus ist eine Antwort auf diese nüchterne Betrachtung von Werden und Vergehen. Dabei bleibt sich Mankell wenigstens eine gedankliche Inkonsequenz, wenn er wenig später sagt: „Ich habe nur eine Furcht, und die ist ganz merkwürdig: davor, dass ich so lange tot sein werde. … Ich werde Millionen von Jahren tot sein, was ziemlich lange ist.“ Er denkt ein Ich, das im Tode weiter existiert, lange, ja, Millionen von Jahren. Wie das sein kann, nüchtern betrachtet, bleibt offen.

Solch nüchterne Blicke auf Werden und Vergehen auch des menschlichen Lebens sind alles andere als unbiblisch. In Psalm 88 klagt der Beter: „Ich lieg unter den Toten verlassen, wie die Erschlagenen, die im Grabe liegen, derer du nicht mehr gedenkst“ [Ps 88,6]. Selbst Gott schert sich nicht mehr um die Toten? Der Prediger stellt fest: „Denn es geht dem Menschen wie dem Vieh: Wie dies stirbt, so stirbt auch er, und sie haben alle einen Odem, und der Mensch hat nichts voraus vor dem Vieh; denn es ist alles eitel. Es fährt alles an einen Ort. Es ist alles aus Staub geworden und wird wieder zu Staub“ [Pred 3,19-20]. Und Jesaja weiß: „Tote werden nicht lebendig, Schatten stehen nicht auf“ [Jes 26,14]. Unersättlich ist der Tod, der am Ende jedes Leben verschlingt. Hastig und wahllos, wie ein gieriger Esser. Wenn dem so ist, müssen wir nicht weiter darüber reden. So ähnlich sehen das auch die beiden, die unterwegs sind nach Emmaus. Vorbei ist vorbei und aus ist aus.

Aber auch die, die so denken, verlangen nach Hoffnung. Die biblischen Texte zeichnen dementsprechend tröstliche Hoffnungsbilder. Der Prophet Jesaja, der erste der drei unter diesem Namen Vermuteten, versichert: „Es wird nicht dunkel bleiben über denen, die in Angst sind“ [Jes 8,23], um das Kind anzukündigen, das der Welt zu Gerechtigkeit und Frieden verhelfen wird. Und eines Tages werden die Völker zum Zion aufbrechen, wir lesen davon bei Jesaja im 25. Kapitel: „Und der HERR Zebaoth wird auf diesem Berge allen Völkern ein fettes Mahl machen, ein Mahl von reinem Wein, von Fett, von Mark, von Wein, darin keine Hefe ist“ [Jes 25,6]. Für Menschen, zu deren Alltagserfahrung der Hunger gehört, sind das rosige Aussichten. Aber jetzt kommt bei Jesaja ein Gedanke hinzu, der ist neu. Er denkt Gott anders als bisher. Er denkt Gott nicht mehr nur als den Verwalter von Leben und Tod. Im Verhältnis dieser beiden Leben und Tod behält der Tod das letzte Wort. Letztlich hat er selbst im Leben das Sagen. Unersättlich verschlingt er das Leben. Er kann Menschen über Monate und Wochen hin aushöhlen und verzehren. Er kann sie, wie gerade in Sri Lanka geschehen, in einem Moment von der Erde hinwegfegen. Er kennt viele Rezepturen und sein Appetit ist grenzenlos. Ist dann nicht der Tod Gott und nicht unser Gott, denn der Tod behielte ja das letzte Wort!

Und der spätere Jesaja, von dem wir hier lesen, er gehört dem 2. Jahrhundert vor Christus an, lässt uns wissen: „Und er wird auf diesem Berge die Hülle wegnehmen, mit der alle Völker verhüllt sind, und die Decke, mit der alle Heiden zugedeckt sind“ [Jes 25,7]. Schwer lastet diese Decke bislang auf den Menschen. Es ist der Vorbehalt, unter dem ihr Leben steht, der Vorbehalt des Todes. Dann aber schreibt er einen Satz auf, einen Gedanken, der den Spieß umdreht. „Er [Gott] wird den Tod verschlingen auf ewig. Und Gott der HERR wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen und wird aufheben die Schmach seines Volks in allen Landen; denn der HERR hat’s gesagt“ [Jes 25,8]. Das ist ein österlicher Gedanke: Was, wenn nicht der Tod das Leben verschlingt, sondern Gott der Herr den Tod verschlingt? Wenn Gott einfach den Spieß umdreht? Was, wenn Gott mit dem großen Taschentuch umhergeht und die Tränen trocknet, weil der Tod verschlungen ist!

Lange bleibt diese Sicht des späten Jesaja eine kaum aufgegriffene Vorstellung. Und dann geschieht, was wir in diesen Tagen erinnern und feiern. Und die Zeugen von Kreuz und Auferstehung kleiden ihre Erfahrung in die Worte des Propheten. So schreibt Paulus: „Der Tod ist verschlungen vom Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“ [1. Kor 15,54f.] Und der Johannes der Offenbarung verheißt: „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein“ [Apk 21,4].

Gott verschlingt den Tod. Damit fällt der Vorbehalt, unter dem jedes Leben steht, in dem der Tod das letzte Wort hat. Gott verschlingt den Tod. Jesus lässt den Tod an sich heran, nimmt ihn in sich auf, scheint ihm zum Opfer gefallen zu sein, um sich, und das ist Ostern, als Auferstandener und Überwinder des Todes zu zeigen. Luther kommentiert in einer Predigt von 1532: „Das soll unser Trost sein: Er ist lebendig und lebt im ewigen Leben und besiegt den Tod und ist herausgekrochen aus dem Loch, wo er begraben war, und hat dem Teufel den Bauch zerrissen. … Die Hälfte vom Sterben ist schon weg“ [WA 36, 544+553]. Der Herr verschlingt den Tod, auch unseren, auch den Tod derer, um die wir trauern.

Jesaja kommt zu dem Schluss: „Zu der Zeit wird man sagen: ‚Siehe, das ist unser Gott, auf den wir hofften, dass er uns helfe. Das ist der HERR, auf den wir hofften; lasst uns jubeln und fröhlich sein über sein Heil‘“ [Jes 25,9].

Genau so haben wir gestern am Osterfeuer gesungen. Was aber ändert sich im Licht von Ostern? Was nehmen wir mit über die Feiertage hinaus?

Sinn tut sich auf. Es ist sinnvoll, sich für gelingendes Leben einzusetzen. Zu forschen, zu arbeiten, zu ringen, zu kämpfen für ein gesünderes, gebildetes, friedliches, gerechtes Leben. All das wird eben nicht am Ende dem Tod anheimfallen. Und zugleich vermittelt die Osterbotschaft eine Gelassenheit, die uns aufatmen lässt: Es ist nicht an uns, Vollkommenheit ins Werk zu setzen, wir dürfen unsere Grenzen akzeptieren, denn das Vollkommene kann warten, es kommt von dem, der den Tod verschlungen hat.

Unser zerbrechliches Leben ist geborgen bei dem, der den Tod verschlungen hat. Halleluja!

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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