3. Sonntag nach Epiphanias
Text: Röm 1,13–17
Thema: Motivation
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Den Predigttext lesen wir im Brief des Paulus an die Römer.

Rm 1,13 Ich will euch aber nicht verschweigen, Brüder und Schwestern, dass ich mir oft vorgenommen habe, zu euch zu kommen – wurde aber bisher gehindert –, damit ich auch unter euch Frucht schaffe wie unter andern Heiden. 14 Griechen und Nichtgriechen, Weisen und Nichtweisen bin ich es schuldig; 15 darum, soviel an mir liegt, bin ich willens, auch euch in Rom das Evangelium zu predigen. 16 Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen. 17 Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht (Hab 2,4): »Der Gerechte wird aus Glauben leben.«

Wann schreibt man einen Brief? Zunächst meist, wenn man sich nicht dort aufhält, wo der Adressat sich befindet. Paulus ist offenbar nicht in Rom und er war noch nicht dort. Nun also bahnt er den Kontakt an. Das kann der Brief. Wir erfahren, Paulus hatte sich nicht nur einmal vorgenommen, nach Rom zu reisen. Es kam bislang nicht dazu. Dabei zieht es ihn geradezu in die Hauptstadt des Römischen Reiches. Er nennt den Grund: „Damit ich auch unter euch Frucht schaffe wie unter andern Heiden.“ [Rm 1,13]

Wie hören wir diese Worte? Hören wir da etwa eine gewisse Abschätzigkeit, wenn Paulus von „andern Heiden“ spricht? Und haben diese es vielleicht auch so empfunden? Im Gegenteil. Für alle, die nicht der jüdischen Gemeinde angehörten und dennoch als Christen leben wollten, signalisieren diese Worte eine Art Befreiung: Ihr müsst nicht erst jüdisch werden, bevor ihr Christus folgen und euch taufen lassen könnt!“ „Griechen und Nichtgriechen, Weisen und Nichtweisen bin ich es schuldig; darum, soviel an mir liegt, bin ich willens, auch euch in Rom das Evangelium zu predigen.“ [Rm 1,14f.] Die Hauptstadt der Welt, der damals bekannten Welt, ist Rom. Und die Welt soll hören, was er zu sagen hat: Die Botschaft Christi, das Evangelium gilt universal – „urbi et orbi“.

So steht nun der Brief, den die Gemeinde in Rom vermutlich im Jahre 57 vChr. erhalten hat, für den noch nicht angekommenen Briefschreiber. Vermutlich hat er das Schreiben im Jahr 56 nChr. noch in Korinth verfasst. Den Weg von Palästina an den Tiber wird er als Gefangener zurücklegen. Denn in Jerusalem wird er auf Betreiben seiner Gegner inhaftiert und muss befürchten, Opfer einer Lynchjustiz zu werden. Man nimmt ihn in Schutzhaft. Als römischer Bürger appelliert Paulus an den Kaiser. In Rom soll er dann seinen Prozess bekommen.

Zurück zum Brief des Paulus, wo Paulus jetzt den tiefen, intrinsischen Grund nennt, der ihn antreibt nach Rom zu kommen: „Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht.“ [Rm 1,16] Warum sollte er sich schämen? Weil es Leute gibt, die ihn der Lüge bezichtigen oder Torheit? Weil es Leute gibt, die auf das Evangelium pfeifen, es verächtlich machen? Weil er damit den Mainstream seiner Zeit verfehlt, wo es auf Konformität ankommt. Der Kaiser befiehlt, wir gehorchen. Wer aber das Evangelium vertritt, ist sich bewusst, dass er eine Sache vertritt, die den Interessen und Maßstäben der Umwelt nicht entspricht. Damit erregt er Anstoß.

Hat sich das geändert? Ja, wir müssen nicht mit bedrohlichen Konsequenzen rechnen, wenn wir uns zu Christus bekennen! Fällt es uns deshalb leichter? Bei aller Freizügigkeit in unserer Gesellschaft kostet es doch auch manchmal Mut, den schiefen Blick, das spöttische Lächeln der Umgebung zu ertragen, wenn man mit dem Evangelium kommt. Und wer von uns kommt denn auch noch mit dem Evangeli-um? Ist das Evangelium noch das Kennzeichnende der Evangelischen?

Dieses Evangelium aber, die Botschaft von Jesus Christus, nimmt ihn, Paulus, in die Pflicht. Demgegenüber hat er sein Leben und seine Predigt zu verantworten. „Denn es ist eine Kraft Gottes“ – „dynamis theou“ [Rm 1,16].

Wir halten fest: Das Evangelium ist nicht zuerst Schrift oder Schriftstück, nein, es ist das Handeln Gottes, wie es sich in Jesus Christus offenbart. Die Schrift, die einzelnen Evangelien, reflektieren dieses Heilshandeln Gottes. Darin kommt eine Kraft – dynamis – zum Ausdruck, die alles Menschliche übersteigt. Es ist eine Kraft zum Heil, zur Rettung oder wie Luther übersetzt: eine Kraft, die selig macht. Dabei denkt Paulus an die Auferweckung Jesu. An ihr zeigt sich in ganz unerhörter Weise die schöpferische Kraft Gottes, in der er “die Toten auferweckt und das Nichtseiende ins Sein ruft” [Rm 4,17]. Daran hat teil, wer daran glaubt. Jetzt gilt kein exklusives Recht mehr. Jetzt sind nicht wenige Auserwählte angesprochen, diese Botschaft gilt allen Menschen, so wie die Liebe Gottes allen gilt, „die Juden zuerst und ebenso die Griechen.“ [Rm 1,16] Die beiden Gruppen – Juden und Griechen – stehen für alle Menschen.

Nicht nur der Tod behandelt alle gleich. Auch vor dem Evangelium verlieren die Einteilungen der Menschen ihre Gültigkeit. Wer auch immer, aus welchen Gründen auch immer, auf wen auch immer herabblickt oder über wen auch immer die Nase rümpft, sich besser oder gottgefälliger dünken mag, nichts davon gilt angesichts des Evangeliums. Denn hier „wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt.“ [Rm 1,17]

Mit solchen Formulierungen tun wir uns schwer. Was heißt das – „die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt“? Wie oder worin wird diese Gerechtigkeit offenbar? Und wieso ist sie ansonsten verborgen?

Was Paulus unter der Gerechtigkeit Gottes versteht, hat er wenige Verse zuvor klargemacht. Immer und ein für alle Mal: „Jesus Christus, geboren aus dem Geschlecht Davids nach dem Fleisch (also als Mensch), nach dem Geist eingesetzt als Sohn Gottes, in Kraft durch die Auferstehung der Toten.” [Rm 1,3]

Jesus Christus ist die Offenbarung, in ihm zeigt sich „die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt.“ Durch ihn schafft Gott Recht, wie Menschen das nicht vermögen. Diesem von Gott geschaffenen Recht entspricht, wer an den Gekreuzigten und Auferstandenen glaubt. So kommt es zu der Gerechtigkeit, „welche kommt aus Glauben in Glauben” [Rm 1,17].

Im Glauben kommt wieder die Unterscheidung zwischen Gott und Mensch zur Geltung. Glauben meint sich mit allem ganz und gar Christus anvertrauen und sich darin bescheiden und wieder werden, wozu wir bestimmt sind: Mensch zu sein. Nicht Über-Mensch und erst recht nicht Gott. Nur Mensch. Diesem „Nur-Mensch“ ist Leben verheißen aus der “Kraft Gottes, die die Toten auferweckt und das Nichtseiende ins Sein ruft.” [Rm 4,17]

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.