Totensonntag
Text: 5. Mos 34,1-8
Thema: Die Zukunft bleibt offen
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Als Mose von Moab hinauf auf den Berg Nebo steigt, geht er einen Weg, den er gehen muss. Er weiß, ahnt zumindest, was ihn erwartet. Hatte doch der Herr mit ihm geredet und gesagt: „Geh auf das Gebirge Abarim, auf den Berg Nebo, der da liegt im Lande Moab gegenüber Jericho, und schaue das Land Kanaan, das ich den Israeliten zum Eigentum geben werde.“ [5. Mos 32,48f.] Unser Predigttext setzt genau da ein. Wir lesen ihn im 34. Kapitel des 5. Buches Mose, in den Versen 1-8.

34,1 Und Mose stieg aus den Steppen Moabs auf den Berg Nebo, den Gipfel des Gebirges Pisga, gegenüber Jericho. Und der Herr zeigte ihm das ganze Land: Gilead bis nach Dan 2 und das ganze Naftali und das Land Ephraim und Manasse und das ganze Land Juda bis an das Meer im Westen 3 und das Südland und die Gegend am Jordan, die Ebene von Jericho, der Palmenstadt, bis nach Zoar. 4 Und der Herr sprach zu ihm: Dies ist das Land, von dem ich Abraham, Isaak und Jakob geschworen habe: Ich will es deinen Nachkommen geben. – Du hast es mit deinen Augen gesehen, aber du sollst nicht hinübergehen. 5 So starb Mose, der Knecht des Herrn, daselbst im Lande Moab nach dem Wort des Herrn. 6 Und er begrub ihn im Tal, im Lande Moab gegenüber Bet-Peor. Und niemand hat sein Grab erfahren bis auf den heutigen Tag. 7 Und Mose war hundertzwanzig Jahre alt, als er starb. Seine Augen waren nicht schwach geworden, und seine Kraft war nicht verfallen. 8 Und die Israeliten beweinten Mose in den Steppen Moabs dreißig Tage, bis die Zeit des Weinens und Klagens über Mose vollendet war.

Wir haben einen nüchternen Bericht gehört. Wer weiß, auf wie viele Berge Mose schon gestiegen ist? Jetzt also steigt er wieder hinauf auf einen Berg. Von dort, vom Nebo aus kann man in alle Richtungen schauen, aber der Herr lenkt seinen Blick, die Gegenden zu sehen, von denen er sagt: „Dies ist das Land, von dem ich Abraham, Isaak und Jakob geschworen habe: Ich will es deinen Nachkommen geben.“ [5. Mos 34,4]

Wenn im Text keineswegs von Gefühlen die Rede ist, so stellen sie sich doch bei mir ein. Das Gefühl, es ist geschafft. Nach so langem Weg durch Wüsten und Widrigkeiten, jetzt sind wir da. Es ist vielleicht sogar ein wenig Stolz oder wenigstens Genugtuung. „Bis hierher hat mich Gott gebracht“ [EG 329]. Der spricht: „Du hast es mit deinen Augen gesehen, aber du sollst nicht hinübergehen.“ [5. Mos 34,4] Kein kindlicher Protest – „das ist gemein, ich will auch“ – keine zähen Verhandlungen – „bitte, nur noch das, nur noch den Jordan überqueren, dann will ich nichts mehr wollen“ – er schickt sich. Das Leben ist kein Wunschkonzert. Es ist schön, aber es zeigt auch seine Härten. Mose weiß das. Ob ihm die Tränen rinnen? Oder schaut er ganz ruhig hinüber. In welches Hinüber? In das seines Volkes, das seinen Weg bald ohne ihn fortsetzen wird. Hinüber also auf die Westseite des Jordans, nach Jericho, der uralten Stadt, tiefunten am Fuße der Berge im Jordantal und auf die Landschaften, die die Israeliten einmal besiedeln werden? Oder schaut er hinüber in eine jenseitige Zukunft, von der er weiß und spürt, sie ist ihm nahe?

Von denen, die mit ihm aus Ägypten aufgebrochen waren, wird keiner das Land der Verheißung sehen [vgl. 4. Mos 14,22f.]. Im Alter, Mose soll 120 Jahre alt sein, als er stirbt, sieht man die Gefährten einen nach anderen ins Grab sinken. Eine schmerzliche Erfahrung. „Ach, ja, die lebt ja nicht mehr. Und der ist auch nicht mehr da.“

Aber Josua wird noch da sein – immerhin. Er wird das Volk anführen. Für ihn, Mose, ist hier oben der Weg zu Ende. Und er ist wieder einmal allein, obwohl all die anderen nahe bei ihm sind. So war das immer wieder an markanten Stellen seines Lebensweges. Er allein mit seinem Herrn. „So starb Mose, der Knecht des Herrn, daselbst im Lande Moab nach dem Wort des Herrn.“ [5. Mos 34,5]

Mag sein, dass wir darin jene Härte des Lebens verspüren, von der schon die Rede war. Wir setzen uns für Ziele ein,

die wir selbst nicht mehr erreichen. Wir säen und pflanzen, aber es ist erst die nächste oder übernächste Generation, die da erntet. Wir müssen loslassen, was unter unseren Händen entstanden ist. Das Haus, den Garten, die Firma – am Ende rücken sie in weite Ferne, so nah sie auch immer waren. Und wir müssen die loslassen, die uns die Nächsten waren, die uns vorweggingen, an denen wir uns orientieren und festhalten konnten.

Jeden Tag teilen die Nachrichtensprecherinnen routiniert mit, wie viele Menschen sich neu infiziert haben, wie sich darum der Hospitalisierungswert verändert hat und wie viele Menschen im Laufe des zurückliegenden Tages verstorben sind. Statistiken sind geduldig, das Virus ist es nicht und es nimmt zur Zeit täglich ca. 200 Menschen das Leben. Wieviel Leid, 200-fältig, kann ich mir vorstellen. Menschen, die sich in kleiner Zahl am Grab einfinden, um Abschied zu nehmen, bevor sie sich wieder in eine auch auferlegte Einsamkeit zurückziehen.

Wer begräbt eigentlich Mose? Sein Volk? Sein Nachfolger? Wir lesen: „Und er begrub ihn im Tal, im Lande Moab gegenüber Bet-Peor. Und niemand hat sein Grab erfahren bis auf den heutigen Tag.“ [5. Mose 34,6] Aus der Welt genommen. Ohne Ort der Erinnerung. Dafür Mutmaßungen bis heute, wo Mose bestattet sein mag.

Wie eine nüchterne Bilanz wirkt der nächste Vers: „Und Mose war hundertzwanzig Jahre alt, als er starb. Seine Augen waren nicht schwach geworden, und seine Kraft war nicht verfallen.“ [5. Mos 34,7] Würde man heute von einem „plötzlichen“ Tod sprechen wollen? Haben das die Leute, die mit ihm waren, so empfunden? Wir wissen das nicht, erfahren stattdessen, wie man den Tod der großen Leitfigur betrauert hat: „Und die Israeliten beweinten Mose in den Steppen Moabs dreißig Tage, bis die Zeit des Weinens und Klagens über Mose vollendet war.“ [5. Mos 34,8] Das bedeutet, man hat den Weg ins Gelobte Land einen Monat lang unterbrochen. Nach jüdischem Brauch gehören die ersten sieben Tage der Trauer dem „Schiwa-Sitzen“ der nächsten Angehörigen – die gibt es bei Mose nicht. Die dreißig – „Schloschim“ – Tage dauern bis zum 30. Tag nach der Beerdigung, bis der Grabstein gesetzt wird. Man schneidet sich nicht die Haare und rasiert sich nicht. Dann endet im Allgemeinen die Trauerzeit für die Angehörigen. Verstirbt Vater oder Mutter, trauern die Kinder zwölf Monate lang.

So sind die Rituale. Für einen persönlich, das wissen wir, wenn wir schon Grund zur Trauer hatten, kann das ganz anders aussehen, oft auch länger dauern. Was tröstet uns?

Mose ist nicht unvorbereitet gegangen. Der Herr hatte, als er ihn zum Nebo sandte, zu ihm gesagt: „Dann stirb auf dem Berge, auf den du hinaufgestiegen bist, und lass dich zu deinem Volk versammeln, wie dein Bruder Aaron starb auf dem Berge Hor und zu seinem Volk versammelt wurde;“ [5. Mos 32,50]

Du kommst zu denen, denen du zugehörst und die dir vorangegangen sind. Das wird sein, wenn du tot bist. Da ist nicht alles aus und vorbei. Da wartet nicht das Nichts, sondern die Gemeinschaft der Gotteskinder, die wir im Glaubensbekenntnis als die Gemeinschaft der Heiligen ansprechen. Mir fällt Jesu Rede zu seinen Jüngern ein: „Auch ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.“ [Joh 16,22] Die Zukunft bleibt offen. Das soll unser Trost sein, dieser Blick in die Weite des Jenseits.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.