10. Sonntag nach Trinitatis – Israelsonntag
Text: Mt 5,17-20
Thema: Wünschet Jerusalem Frieden
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

An Israel kommt man nicht vorbei. Nicht an Jakob, der seit dem Ringen mit dem unbekannten Mann am Jabbok [linker, aus Jordanien kommender Nebenfluss des Jordan] den Namen „Israel“ – „Gottesstreiter“ trägt. Nicht am Volk Israel, das der Herr aus Ägypten führt, das eine höchst wechselvolle Geschichte erlebt bis hin zur Shoah. Und nicht am Staat gleichen Namens, dessen Unabhängigkeitserklärung David Ben Gurion am 14. Mai 1948 im Stadtmuseum von Tel Aviv verliest.

Allein in der vergangenen Woche…beschäftigt uns das Andenken an die fröhlichen Spiele von München, die durch das Attentat palästinensischer Attentäter auf die israelische Olympiamannschaft traurige Spiele wurden; sorgt die Pressekonferenz mit dem Präsidenten des Palästinenserpräsidenten, Mahmud Abbas, für größte Erregung, spricht er doch in relativierender Weise oder gar Absicht vom zigfachen Holocaust, den der Staat Israel gegenüber den Palästinensern begangen habe. Und das im Kanzleramt.

An Israel kommt man nicht vorbei – nicht als Deutscher, aber auch und gerade nicht als Christ. Und nicht als Evangelist! Hier haben wir es heute mit Matthäus zu tun. Fast können wir ihm dabei über die Schulter schauen, wie er aus den Worten Jesu und überlieferten Erzählungen das Evangelium komponiert, das seinen Namen trägt. Jetzt sitzt er am 5. Kapitel, an der Bergpredigt. Eine Menge „Material“ wartet darauf, in einen Zusammenhang gebracht zu werden. „Material“, das sind Sätze, die Jesus gesagt hat. Gut überliefert tauchen sie ebenso bei anderen Evangelisten auf. Die Passage, die heute als Predigttext vorgesehen ist, hat man später mit der Überschrift versehen: „Jesu Stellung zum Gesetz“. Der Jesus, den Matthäus vorstellt, „wehrt hier in ausgesprochen feierlicher, apodiktischer Form zwei Missverständnisse ab: a) dass er gekommen sei, Tora und Propheten abzuschaffen, und b) dass seine Toratreue identisch sei mit der von Schriftgelehrten und Propheten.“ [Angelika Strotmann in: http://www.perikopen.de zu Mt 5,17ff.]

Er sagt: 5,17 Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. 18 Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht. 19 Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute so, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich. 20 Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.

Was sich wie eine Klarstellung liest (ohne dass es damit für uns mal eben klarer würde), das kommt bei uns als Echo eines im Hintergrund mit Verve und Geschrei ausgetragenen Konflikts an. Es geht um Jesus. Die Fragen spiegeln Sichtweisen und Möglichkeiten: Was ist das denn für einer? Ist der Jude, also einer von uns, oder ist der ein Irrlehrer? Hat er den tiefen Sinn der Weisungen verstanden, während andere an Äußerlichkeiten herumdoktern? Verlässt er den Pfad der Weisung oder befreit er ihre Auslegung von verderblichen Engführungen?

Zunächst: Das Gesetz und die Propheten – die gesamte Tradition der Überlieferungen von Gottes Weisungen – behält seine Gültigkeit. „Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht.“ [Mt 5,18]

Was ist das für ein Gesetz, was sind das für Weisungen, die solche Beachtung verdienen? Wissen wir nicht selbst am besten, was uns guttut? Brauchen wir dazu Vorgaben, Regeln, Weisungen und dergleichen? Oder sind die vielleicht nur für die da, die ohne sie nicht auskämen?

Wer sich und sein Leben im Griff hat, der lebt doch gut ohne dies. Vielleicht sogar besser. Ist es nicht das Höchste, tun und lassen zu können, was man will?

Für manche schon. Man braucht bloß auf der vollen Autobahn unterwegs zu sein. Rechts überholen, durchgezogene Linien überfahren, Blinken war mal, Geschwindigkeitsbegrenzungen ignorieren – nach dem Motto „ich weiß doch, was ich tue.“

Die Weisungen der Bibel gehen tiefer. Sie betreffen das ganze Leben des einzelnen und der Gemeinschaft. Das wollen sie fördern und schützen. Das oberste Ziel, so interpretiert es wohl Jesus und in seiner Folge auch Matthäus, ist, Leben möglich zu machen und zu erhalten. Ihre Regeln sollen Konflikte begrenzen, wenn nicht vermeiden helfen. Der Rest ist Auslegungssache, womit wir wieder schnell auf der Autobahn wären.

Was bedeutet es nun aber, „das Gesetz zu erfüllen“ [Mt 5,17]? Nach der jüdischen Tradition sind das so viele Gebote, wie der Granatapfel Kerne hat: 613! [vgl. Colum McCann: Apeirogon, 79/78. Hamburg 72021, S. 552/553]

Und die alle soll man erfüllen? Wie soll das zugehen? Und was ist das für eine Gerechtigkeit, die besser sein soll als die der Schriftgelehrten und Pharisäer? [vgl. Mt 5,20]. Noch dazu: Wie lässt sich eine irreführende und blockierende Auslegung vermeiden? Gibt es ein Gebot, das dazu taugt, die Auslegung insgesamt in die richtige Richtung zu lenken? Ein Gebot, in dem der Wille Gottes in komprimierter und trotzdem aussagekräftiger Form zu Wort kommt?

David hat all die Gebote in elf zusammengefasst [Ps 15], Micha nennt drei: „Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ [Mi 6,8] und Jesus lehrt uns das Doppelgebot: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt.“ … und: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ [Mt 22,37.39]

Und das müsste uns so in Fleisch und Blut übergehen, dass verwirklicht würde, was Gott durch den Propheten Jeremia in Aussicht stellt: „Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.“ […] [Jer 31,33]

Was das veränderte, das wird erfahrbar, wenn wir’s wagen. Dann gelingt das Zusammenleben. In der Familie, mit den Nachbarn, zwischen Staaten und Völkern, Juden, Christen und Muslimen. Dann bleibt „Wünschet Jerusalem Frieden!“ kein frommer Wunsch. Dann wird er wirklich.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.