2. Sonntag nach Trinitatis

Text: Mt 11,25-30

Thema: Mit dem Ungewissen leben

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Matthäus lässt uns im 11. Kapitel, in den Versen 25-30 wissen:

25 Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart. 26 Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen. 27 Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will. 28 Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. 29 Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. 30 Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

Haben Sie das, habt Ihr das gehört? Jesus betet. Und ist allen der Anfang noch in Erinnerung, bevor alles so versöhnlich ausklingt? Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart [Mt 11,25].

Zu welcher Gruppe rechnen wir uns selbst? Zu den Weisen und Klugen oder zu den Unmündigen? Auch über „dies“ wird noch zu reden sein. Jetzt schon irritiert, dass den Weisen und Klugen verborgen ist (und bleibt), was den Unmündigen offenbart wird. Das heißt doch, dass denen, die weniger wissen, etwas aufgeht, was den anderen verborgen bleibt. Sollte man nicht meinen, dass es umgekehrt ist? Hat doch das zunehmende Wissen um die Dinge dieser Welt zu mehr Gewissheit und damit zu mehr Sicherheit geführt. Was wären wir ohne die bahnbrechenden Erkenntnisse der Wissenschaften? Und wo stünden wir ohne die exzellenten Kenntnisse unserer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler? Wie wichtig ihr Wirken ist, das wird uns gerade in dieser Zeit bewusst. Jetzt, da wir den Weg aus der Dunkelheit tiefer Unkenntnis des allgegenwärtig erscheinenden Virus und seiner Verbreitung Schritt für Schritt zu Erhellung und wachsendem Verständnis tun.

Und doch gab (und gibt) es immer wieder gerade auf dem Weg dieses Erkenntnisprozesses Momente, in denen die Ratlosigkeit der Wissenden uns irritiert, erschreckt oder sogar erbost hat. Bei Licht betrachtet, sind diese Irritationen von außerordentlicher Bedeutung. Sie hindern die Suchenden und Forschenden daran, sich (selbst-)zufrieden zurückzulehnen in der irrigen Annahme, „jetzt haben wir’s“. „Alles klar!“ Von wegen! Der Forschende und um Wissen Bemühte wird immer sagen müssen: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ [Sokrates]

Wen hat Jesus im Sinn, als er zum Vater sagt, „dies (hast du) den Weisen und Klugen verborgen“? Vielleicht die, die mit Eifer (studium) und Fleiß Gott zu ergründen suchen. Manchmal bin ich das selbst. Oder vielleicht sind Sie’s? Wenn wir wissen wollen, wer ist dieser Gott und was er vorhat mit uns. Wenn wir ihn festnageln wollen auf das, was wir erkannt zu haben meinen. Es ist das „Dies“, von dem schon die Rede war. Was das ist, sagt Jesus selbst: „Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will“ [Mt 11,27].

Kein Wissender, kein noch so Kluger, kein Schriftgelehrter, kein mit allen theologischen Wassern Gewaschener, kein Beamteter und kein Geweihter kann sich Zugang zum Innersten Gottes verschaffen. Das bleibt verborgen. Nur einer hat den Schlüssel zu verstehen und das Verständnis zu eröffnen, das ist der Sohn selbst, Jesus, der Christus.

Jede Frage, die wir beantworten, wirft neue Fragen auf. Tut sie’s nicht, so sind wir der Selbstgewissheit in die Falle gegangen. Matthäus predigt das Ungewisse. Das ist vor allem dann schier unerträglich und wirkt als niederdrückendes Joch, wenn es aus dem Nichts kommt. Wenn es aber einem zugeschrieben werden kann, wenn es, ich drücke es traditionell aus, wenn es aus Gottes Hand kommt, wird es annehmbar. Denn dann stirbt die Hoffnung nicht, dass auch das Ungewisse getragen, ja ertragen werden kann und sich zum Sinn hin öffnet.

Das ist die Haltung des Gläubigen. Der weiß, dass er nichts weiß. Der macht seinen Frieden mit dem Ungewissen – übrigens geht ihm oder ihr das auch nicht leicht von der Hand. Es kostet Überwindung und verlangt eine Demut, die nicht aufgibt, sondern vertraut. Und das ist das Joch des Glaubens, das dem zur schweren Last wird, der noch nicht bereit ist, sich dem Glauben hinzugeben, dessen Herz noch unruhig ist. Aber auch dieser hört den Ruf Jesu: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. 29 Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. 30 Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht“ [Mt 11,28-30].

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.