Christi Himmelfahrt

Text: Joh 17,20-26

Thema: Und jetzt ist er da

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

„Und jetzt ist er weg“, fasst einer zusammen, was alle denken, die sich jetzt umdrehen und zurückgehen in den Alltag ihres Lebens. Eben hatten sie ihm noch hinterhergesehen, da gehörte er noch dazu. Jetzt ist er weg. Nach und nach wird ihnen das bewusst. Und es ändert sich etwas. Sie selbst sind nicht mehr die, die sie waren. Zumindest nicht mehr die, die sie in seiner Anwesenheit und unter seinem Einfluss gewesen waren.

Ein Sprichwort sagt: „Kaum ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse.“ Aus der Geschichte fallen uns Beispiele ein, wie das war, wenn ein Großer abgetreten war. Alexander, zum Beispiel, „der Große“ genannt. Als er stirbt, fällt sein Reich unter die Räuber. In dem Fall sind es seine Nachfolger, die einander bis auf’s Blut bekämpfen. Als Karl, auch er „der Große“ genannt, nicht mehr ist, halten die Nachfolgeregelungen nicht allzu lange und das große Vermächtnis zerfällt. Was da in den oberen Etagen der Macht geschieht, das kennt manche Familie als Form der Erbstreitigkeiten. Die guten Manieren und vor allem der familiäre Zusammenhalt stürzen gleichsam in das Loch, das mit dem Weggang des einen gerissen wurde.

Ob eine Nachfolgeregelung Bestand hat, hat meistens derjenige, der sich um sein Vermächtnis sorgt, nicht in der Hand. Wohl aber die, die es übernehmen und der Umstand wes Geistes Kind sie sind.

Wie wird das einmal sein, wenn Jesus nicht mehr im Kreis der Jünger ist? Wenn sie da stehen und sagen: „und jetzt ist er weg“?

Im Hohepriesterlichen Gebet, wir finden es bei Johannes im 17. Kapitel, stellt Jesus fest: „Ich bin nicht mehr in der Welt, sie aber sind in der Welt“ [Joh 17,11]. Wie geht’s jetzt weiter? Nicht nur mit den Jüngern, sondern mit all den anderen, die ihnen folgen werden, bis hin zu uns? Jesus bittet den Vater: „Erhalte sie in deinem Namen“ [ebd.] und „heilige sie in der Wahrheit“. Ich sage es so: Die Verbindung, die Jesus zwischen uns und Gott geschaffen hat, soll nicht abreißen. Im Gegenteil, sie soll noch inniger werden: „dass sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein“ [Joh 17,21]. Kein ausgefallener Gottesdienst, keine ausgefallene Reli- oder Konfistunde  in diesen Coronazeiten, aber auch keine verbotene Predigt und kein untersagter Gottesdienst, wie man das in manchen Ländern hat, soll diese Gemeinschaft zerstören. Gott selbst soll dafür sorgen, darum bittet Jesus. Wer auch sonst sollte all diese Hürden und Hindernisse überwinden?

Die entstehen und kommen aber nicht nur von außen. Wenn wir auf die Kirchengeschichte sehen, erkennen wir über weite Strecken eine Konfliktgeschichte. So unterschiedliche Weisen gibt es, den eigenen Glauben zu leben. Als wir in Jerusalem waren und die Grabeskirche besuchten, war uns bewusst, dass ausgerechnet sie auch ein Ort ist, an dem die Spaltungen der Christenheit präsent sind. Dabei formuliert Jesus im Gebet sein Vermächtnis, „dass sie eins seien“ [Joh 17,22] – lateinisch: „ut unum sint“ – manche erinnern noch die gleichnamige Enzyklika von Papst Johannes Paul II.. Selbst wenn die Distanz der Konfessionen in vielen Fragen mittlerweile kleiner geworden ist, der Weg zusammen ist noch weit.

Aber machen wir uns klar, wenn wir uns heute unter freiem Himmel versammeln, dass das der Himmel für uns alle ist. Unverstellt vor Augen, je nach Perspektive zum Greifen nah und doch nicht in unserer Hand. Es ist eben dieser Himmel, von dem die Bibel spricht, kein in Koordinaten bestimmbarer Ort. Wer weiß, sonst wäre Elon Musk schon unterwegs dorthin, nein, der Himmel ist da, wo Gott ist. Und Jesus bittet ihn um nichts weniger, als dass Gott mit uns sein und uns den Himmel auf Erden bringen soll.

Dann zieht die Liebe bei uns ein. Dann denken wir nicht zuerst an uns und unser Wohlergehen, sondern kümmern uns um das Wohl unseres Nächsten. Dann beanspruchen wir nicht nur für uns den hoffentlich bald entwickelten Impfstoff gegen das Corona-Virus, sondern sehen darauf, dass er auch in Brasilien oder in Nigeria das Leben der Menschen bewahren hilft. So will es Gott, dass wir unseren Nächsten lieben wie uns selbst. Manch einem kommt das „spanisch“ vor. „Die Welt kennt dich nicht“, sagt Jesus [Joh 17,25]. Er erfährt es am eigenen Leib.

Aber er ist es auch, der Gott uns nahebringt und umgekehrt uns Gott nahebringt. Die Himmelfahrt Christi unterstreicht die Gemeinschaft, für die Jesus in die Welt gekommen war. In dieser Himmelfahrt nimmt er vorweg, was er denen verheißen hat, die mit ihm durch das Leben gegangen sind. Sie sollen, sie werden ihm auch dorthin folgen, dorthin wo Gott ist.

„Und jetzt ist er da,“ sagen wir und drehen uns um und gehen in den Alltag unseres Lebens, um dort zu entdecken, wo und wie der Himmel über uns aufgeht – und auf uns übergeht.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.