Ansprache am Osterfeuer

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Die Frauen vor dem leeren Grab. Man ist geneigt, den Kopf zu schütteln, „so was gibt’s doch nicht“, mindestens jedoch sich zu wundern oder von einem „Wunder“ zu sprechen. Großer Forscherdrang hat sich folgerichtig darauf konzentriert, Licht ins Dunkel der österlichen Geschichte zu bringen. Dabei hat man ein zweites „Wunder“ außer Acht gelassen, ohne das aus dieser Geschichte eines frühen Morgens keine Ostergeschichte geworden wäre.

Und das ist die Rückkehr der Jünger zu ihrem Jesus. Immerhin waren sie ja davongelaufen, hatten sich aus dem Staub oder in Verrat gerettet, als ihr Jesus am Kreuz hing und starb. Zu der Verzweiflung, die sich ihrer bemächtig hatte, gehörte ganz gewiss auch der Zweifel. So dunkel, wie die Nacht war, in der ihr „Meister“ im Tode lag, war doch nur zu fürchten, dass damit alles vorbei und alles Vorausgegangene vergebens war.

Die Nacht ist ein starkes Bild. Das Zum-Stillstand-Kommen, die Stille und das Dunkel. Kein Wunder, dass man Schlaf und Tod als Geschwister betrachten konnte: „Komm, o Tod, du Schlafes Bruder“ heißt es in einem Choral. Wir alle haben vermutlich schon die Erfahrung gemacht, dass Probleme, die wir nachts wälzen, uns übermannen, während sie bei Licht betrachtet auf ein handhabbares Maß schrumpfen. Nicht zu reden, dass nachts alle Katzen grau sind, will sagen, unsere Wahrnehmung stark beeinträchtigt ist. Kommt dann noch hinzu, dass unsere nächtliche Betrachtung um uns selbst im Dunkel kreist, gibt es kein Entrinnen. Wir sind gefangen in wachsender Verzweiflung.

Dieses nächtliche Kreisen durchbrechen die Frauen. Sie geben ihm eine Richtung, die über sie selbst hinausführt. Sie gehen zum Grab. Und siehe da, im Licht des frühen Morgens finden sie es leer und dafür Wegweisung: „Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.“ [Mk 16,7]

Diese Weisung erweist sich mächtiger als die Konfusion des Schreckens und der Furcht. Und nach und nach kommt es zu Erfahrungen, die erzählt und reflektiert werden. Sie münden ungefähr zehn Jahre später in eine Art Merksatz, den Paulus im 2. Brief an die Korinther zitiert: „3 Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; 4 und dass er begraben worden ist; und dass er auferweckt worden ist am dritten Tage nach der Schrift; 5 und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen. 6 Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, einige aber sind entschlafen. 7 Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln.“ [1. Kor 15,3-7]

Das erste Wunder spiegelt sich in diesem zweiten Wunder. Die Anhänger Jesu, die ihm den Rücken gekehrt hatten, wenden sich und ihre Gedanken dem wieder zu, der für sie gestorben war. Es geht ihnen auf, dass Jesus am Kreuz nicht gescheitert ist, sondern Recht behalten hat. Und dass er nicht nur Gottes Willen neu erklärt und gepredigt hat, sondern dass er als Bevollmächtigter Gottes gehandelt und Gott selbst verkörpert hat.

Das verstehen sie, als fielen ihnen die Schuppen von den Augen. Und sie verwenden jetzt Titel auf Jesus, die in der jahrhundertealten Tradition der Juden deren Erlösergestalten trugen. „König“, also Christus bzw. Messias, nennen sie ihn, „Gottes Sohn“, aber auch „Menschensohn“ und vor allem „unsern Herrn“. Diese neue Sicht ist so wichtig, dass sie den Kern eines eigenen Bekenntnisses bildet. Wo man sich zuvor auf die Befreiung des Volkes Israel aus der Gefangenschaft in Ägypten berufen hat, da spricht man nun von dem Gott, „der unsern Herrn Jesus auferweckt hat von den Toten“ [Rm 4,24b u.a.a.O.]

Die Nacht ist vergangen. Die Sonne schenkt ihr Licht und ihre Wärme. Was grau zu sein schien, bekommt Farbe. Was tot war, lebt auf. Aus Angst und Schrecken werden Zuversicht und Vertrauen.

Und selbst die, denen die Worte fehlten, die in Kummer und Verzweiflung verstummt waren, fangen an zu erzählen. Aus den Erinnerungen steigen Erfahrungen und Erlebnisse empor, die vom Leben erzählen und dem Geschenk, dass es neu wird dem, der darauf vertraut.

Alle zusammen werden zu einer Erzählgemeinschaft. Die weiß von Gott zu erzählen, der alles, was ist, geschaffen hat; der immer wieder einen Bund mit seinem Volk geschlossen, der es schließlich aus der Gefangenschaft geführt und befreit hat; der sich in der Stimme der Propheten vernehmen ließ – oft genug vergeblich; der als Mensch geboren unter uns wohnte; der Blinde sehend, Lahme gehend, Taube hörend macht. Zu dieser Erzählgemeinschaft der Jünger und Nachfolgerinnen Jesu gesellen wir uns hinzu. Im Licht des Ostermorgens können wir uns davon erzählen, wie unser Leben aus dem Dunkel ins Licht, aus Verzweiflung und Verwirrung zu Richtung und Klarheit geführt wurde.

Und wenn wir einander davon erzählen, sparen wir nicht die Nacht aus, nicht das Kreuz, nicht unsere Furcht und nicht unseren Zweifel. Im Gegenteil, vor all dem müssen wir nicht die Augen verschließen. Auch das gehört zu uns und unserem Leben. Aber vom Licht des Ostermorgens lassen wir uns aufschließen, dem Auferstandenen zu begegnen: Wenn wir Brot und Wein teilen, Gemeinschaft erleben, Hilfe und Unterstützung erfahren, uns Vergebung gewährt wird, Beziehungen gelingen, wir aus der Ausweglosigkeit geführt werden und wir Wege finden, bis wir sagen können: „Es ist vollbracht“ [Joh 19,20].  

Davon zu erzählen, einander und anderen, damit dürfen wir nicht aufhören. Die Frohe Botschaft ist uns ans Herz gelegt. Als solche, die getauft sind auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, ist es an uns, „zu verkündigen das Evangelium den Armen, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und die Zerschlagenen zu entlassen in die Freiheit 19 und zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.“ [Lk 4,18] Amen.

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