Invokavit
Text: Joh 13,21–30
Thema: Petrus und Judas
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Joh 13,21 Als Jesus das gesagt hatte, wurde er erregt im Geist und bezeugte und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten. 22 Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete. 23 Es war aber einer unter seinen Jüngern, der zu Tische lag an der Brust Jesu, den hatte Jesus lieb. 24 Dem winkte Simon Petrus, dass er fragen sollte, wer es wäre, von dem er redete. 25 Da lehnte der sich an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist’s? 26 Jesus antwortete: Der ist’s, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. 27 Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn. Da sprach Jesus zu ihm: Was du tust, das tue bald! 28 Niemand am Tisch aber wusste, wozu er ihm das sagte. 29 Denn einige meinten, weil Judas den Beutel hatte, spräche Jesus zu ihm: Kaufe, was wir zum Fest nötig haben!, oder dass er den Armen etwas geben sollte. 30 Als er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus. Und es war Nacht.

Eben noch hat er ihnen die Füße gewaschen. Dienersache, eigentlich, nichts für Herren, eigentlich. Noch als er das Wasser in die Schüssel goss, hatte Petrus dagegen protestiert. Jesus hatte sich nicht beirren lassen, sondern im Gegenteil am Schluss noch gesagt: „Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe.“ [Joh 13,15] Das soll noch einer verstehen. Es sind Andeutungen. Auch die: „Der Knecht ist nicht größer als der Herr und der Gesandte nicht größer als der, der ihn gesandt hat.“ [V. 16] Es sind Andeutungen, in denen mehr steckt, als die Jünger jetzt verstehen. Andeutungen, die Beziehungen und Rollen vermessen. „Der Gesandte [ist] nicht größer als der, der ihn gesandt hat“ – muss man das Petrus und den Jüngern ausdrücklich sagen? Muss man das auch deren Nachfolgern ins Stammbuch schreiben?

Wenig später sehen wir die Jünger versammelt um einen Tisch. Jesus in ihrer Mitte. So ungewöhnlich war das nicht, heute aber war es anders. Jesus war anders. „Erregt im Geist“ [Joh 13,21], nennt Johannes der Evangelist das. Ob er für einen Moment nach innen gesehen hatte? War er dabei der aufgewühlten Seele begegnet, die schon wusste, was bevorstand? Leise sagt er: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten.“ [Joh 13,21] Mit einem Mal ist alles mucksmäuschenstill. „Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete.“ [V. 22] Betroffenes Schweigen. Die ungeheuerliche Ankündigung liegt wie ein gewaltiger Fels, der jederzeit herabstürzen und alles unter sich begraben kann, über dieser Runde Vertrauter. Aber wir sind doch die Jünger! Wir haben doch buchstäblich alles für IHN stehen- und liegenlassen. Wer von uns sollte solchen Verrat üben? Blicke werden gewechselt. „Ich doch nicht!?“ fragend und hoffend. „Und ich doch auch nicht!“ Wer soll das Schweigen brechen? „Es war aber einer unter seinen Jüngern, der zu Tische lag an der Brust Jesu, den hatte Jesus lieb.“ [V. 23] Wir denken dabei an Johannes, der Jünger, „den er lieb hatte“ [Joh 19,26], der am andern Tag bei ihm unterm Kreuz stehen wird. „Dem winkte Simon Petrus, dass er fragen sollte, wer es wäre, von dem er redete.“ [V. 24]

Alle anderen bleiben im Hintergrund. Nur Jesus, Johannes und Petrus sind bislang ins Licht der Aufmerksamkeit getaucht. Der Jesus in diesem Moment am nächsten ist, Johannes, „…lehnte…sich an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist’s?“ [V. 25]. Alle hören gespannt in die Stille hinein. „Wer ist’s?“ Weiß der Betreffende schon, dass er gemeint ist? Oder könnte es nicht tatsächlich jeder aus der Runde sein? So wie jeder von uns Verrat begehen kann – auch an Jesus, dessen Name wir tragen. „Wer ist’s?“ – „Jesus antwortete: Der ist’s, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot.“ [V. 26]

Ich möchte nicht in der Haut es Judas stecken. Nicht weil ich im Urteil der Späteren so schlecht wegkommen würde, nein, sondern weil ich diese unerträgliche Spannung zwischen Nähe und äußerster Entfernung in mir selbst spürte. Wer weiß denn, wie es in diesem Moment wirklich in diesem Sohn des Simon Iskariot aussieht. Dargestellt wird er oft als Unsympath. Ein verschlagener Blick, ein geducktes Wesen, eine zwielichtige Gestalt, einer, dem die Aufrichtigkeit fehlt, ja, der auch den Pakt mit dem Teufel nicht scheut. „Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn.“ [V. 27] Die Augen der anderen Jünger haben den Weg der Hand Jesu verfolgt, sie haben gesehen, es ist tatsächlicher einer von ihnen, es ist Judas, der das Brot aus Jesu Hand genommen hat. Wer nun erwartete, dass sich die Spannung in Empörung Luft machte, wird enttäuscht. Ganz ungestört fährt Jesus an Judas gerichtet fort: „Was du tust, das tue bald!“ [V. 27] „Niemand am Tisch aber wusste, wozu er ihm das sagte.“ [V. 28] Johannes verliert in seiner Darstellung kein Wort darüber, wie die Jünger auf das Ungeheuerliche reagiert haben. Man sieht nur die fragende Blicke und vernimmt die Vermutung, die einige anstellten. „Einige meinten, weil Judas den Beutel hatte, spräche Jesus zu ihm: Kaufe, was wir zum Fest nötig haben!, oder dass er den Armen etwas geben sollte.“ [V. 29] Den Beutel hat Judas also schon. Mit dem Beutel kennen wir ihn von unzähligen bildlichen Darstellungen: Judas und sein Beutel und darinnen die berühmten dreißig Silberlinge, sein „Judaslohn“. „Als er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus. Und es war Nacht.“ [V. 30]

Und all das verstehen die Jünger nicht, können es nicht einordnen, empfinden die Andeutungen und Aussagen so dunkel wie die Nacht, in die Judas entweicht. Sind sie so begriffsstutzig, dass sie auch Jesu Anspielung auf Psalm 41,10 „Auch mein Freund, dem ich vertraute, der mein Brot aß, tritt mich mit Füßen“, nicht erkennen? Ja, so begriffsstutzig sind sie, und wir erkennen uns in ihnen wieder. Sie sind ganz normale Menschen, diese Jünger. So wie Petrus eben bei der Fußwaschung nicht begriff, warum Jesus selbst ihnen die Füße wäscht, so wenig begreifen er und die anderen nun die Situation und ihre Tragweite. Elf Jünger rätseln, nur einer, Judas, weiß, was hier gespielt wird.

Was bringt ihn dazu, so wirkmächtig in das Geschehen, ja, in die Geschichte einzugreifen? Wer ist dieser Judas überhaupt? „Iskariot“ ist sein Beiname. Gehört er vielleicht zu den Sikariern? Sica – lat. der Dolch. Sikarier – das sind die Messerstecher, Messerschwinger, Dolchträger. Das sind die, die in den bewaffneten Widerstand gegen die römischen Besatzer gegangen sind. Mit Hass und Mordanschlägen begegnen sie den Mitläufern und Funktionären Roms. Will er deshalb Jesus zu einer entscheidenden bewaffneten Auseinandersetzung zwingen – nachher unten im Garten Gethsemane? Oder ist Judas Iskariot einfach der Mann aus Kariot? Wir wissen wenig. 

Aber ausgerechnet Judas und Petrus ragen hinsichtlich der Rolle, die sie spielen, und der Aufgabe, die sie übernehmen aus dem Kreis der Jünger hervor. Wir machten es uns aber zu einfach, wenn wir in den beiden nur Antipoden, Vertreter gegensätzlicher Positionen, sähen. Sieht Judas die reine Verschwendung am Werk, als Miriam das teuerste Öl für Jesu Salbung verwendet, so kann Petrus der Fußwaschung, in der Jesus seinen Jüngern dient, nichts abgewinnen. Beide sehen nicht, was Jesus in dieser und für diese Welt bedeutet. Für Johannes, den Evangelisten, sind beide negative Zeugen der Gemeinde gegenüber, für die er schreibt. Beide erkennen nicht, in welch besonderer Weise Jesus der Messias ist. Im Garten Gethsemane wird sich Judas kaum wundern, dass Petrus zum Schwert greift, als die Bewaffneten Jesus gefangen nehmen wollen. So geht das in der Welt – normalerweise. Und so verstehen beide die Welt. Aber es ist nicht das Schwert, was die Welt ändern wird. Es ist die Umkehrung von Herrschaft, es ist Lebensfreude und Wertschätzung wie durch die Salbung und es ist die schärfste Attacke auf gewalttätige Macht und Herrschaft, auf Rom und deren Kollaborateure, auf den dröhnenden Militärstiefel, wenn der Sohn Gottes den Menschen die Füße wäscht.

Und doch, während Petrus zwischen Schwäche und Stärke mäandert, fordert Judas die Entscheidung heraus. Damit kommt ihm die Rolle des Anstoßgebers zu, die den Stein ins Rollen bringt, der am Ende das Grab Jesu verschließen wird. Auch für ihn, den „Verräter“ Genannten, trägt Jesus das Kreuz. Auch für ihn stirbt er. Ja, Judas ist einer von uns, auch wenn wir das Bedürfnis haben sollten, möglichst zu ihm auf Distanz zu gehen. Jesus bekräftigt das im Garten Gethsemane, so erzählt es Johannes: „Ich habe keinen von denen verloren, die du mir gegeben hast.“ [Joh 18,9]

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.