4. Advent
Text: 1. Mose 18,1–2.9–15
Thema: Überraschender Besuch
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Am vergangenen Donnerstag vor 250 Jahren wurde Ludwig van Beethoven in Bonn getauft. Kein Standesamt hat sein Geburtsdatum beurkundet, das Pfarramt immerhin seine Taufe. Einen „Titanen der Musikgeschichte“ hat man ihn später genannt, als er als Schöpfer großer Orchesterwerke, Klavierkonzerte und Kammermusik berühmt geworden war. Ganz zu schweigen von der einzigen Oper, die er schrieb, Fidelio, in der er der Sehnsucht seiner Zeit nach Freiheit eine Stimme verlieh. Beethovens Neunte kennt jedes Kind. Als er sie 1824 vollendet, ist er stocktaub. Am 26. März 1827 stirbt er in Wien.

Für einen Komponisten und Interpreten, Beethoven war ja auch ein ausgezeichneter Pianist, ein Starpianist würden wir heute sagen, ist der Verlust des Gehörs ein einziges Verhängnis. Man kann sein Leiden daran nachempfinden. Ich kann nicht mehr, wie ich will und, meinem inneren Drang folgend, muss. Ich kann meiner Bestimmung nicht mehr gerecht werden. Dass Beethoven diese Beschränkung, die gewiss geblieben ist, gleichwohl immer wieder, wenn auch unter größten Mühen zu überwinden wusste, bewundern wir.

Was hätte er sonst tun sollen? Außer aufgeben, sind keine weiteren Möglichkeiten in Sicht. Dafür ist er in diesen Weg in seinem Leben schon viel zu lang und zu weit gegangen.

Ganz anders aber in dieser Hinsicht ähnlich verhält es sich bei der Frau, von der heute im Predigttext die Rede ist. Sie ist in die Jahre gekommen, dabei treu ihrem Mann folgend, der einst weit im Osten aufbrach, um für sich und seine Familie neues Land und auskömmliche Bleibe zu finden. Die beiden, als sie noch jung waren, hatten von vielen Kindern geträumt, erst recht, als er, damals noch Abram, erfuhr, dass er ein neues, großes, zahlreiches Gottesvolk begründen sollte. Aber der Kindersegen blieb aus. Jahr für Jahr. Nichts tat sich, nur das Unglück blieb. Aber die beiden haben durchgehalten und haben ausgehalten, was sich ihnen an Widrigkeiten in den Weg stellte. Es war buchstäblich ein Weg durch die Wüste gewesen.

Jetzt haben sie sich unter einigen Bäumen am Rande der Wüste niedergelassen. Müde und alt. Immerhin den Weisungen des Herrn folgend sind sie dort angekommen, wohin er sie leiten wollte. Mamre heißt der Ort, im Westen des Jordans bei Hebron gelegen.

Es ist heiß, die Hitze lässt die Luft flimmern. Im 18. Kapitel des ersten Mosebuches lesen wir: 1 Und der Herr erschien ihm im Hain Mamre, während er an der Tür seines Zeltes saß, als der Tag am heißesten war. 2 Und als er seine Augen aufhob und sah, siehe, da standen drei Männer vor ihm. Und als er sie sah, lief er ihnen entgegen von der Tür seines Zeltes und neigte sich zur Erde.

Als guter Gastgeber lässt Abraham Wasser bringen, um seinen Gästen die Füße zu waschen und sie zum Sitzen aufzufordern. Gleich wird er ihnen eine Stärkung reichen wollen. Schnell geht er zum Zelt und erteilt Anweisungen, was zu backen und zuzubereiten ist. Ob Sara, als sie das Mahl zubereitet, über die Rolle nachdenkt, die sie spielt, spielen muss? Längst weiß sie von Hagar, der einstigen Magd, mit der ihr Mann einen Sohn gezeugt hat – Ismael. Ob sie darüber bitter geworden ist? Aber die Zeit, ein Kind zur Welt zu bringen, ist für sie ohnehin vorbei.

Die drei Gäste haben unterm Baum Platz genommen und lassen es sich schmecken. Ich lese weiter den Predigttext:

9 Da sprachen sie zu ihm: Wo ist Sara, deine Frau? Er antwortete: Drinnen im Zelt. 10 Da sprach er: Ich will wieder zu dir kommen übers Jahr; siehe, dann soll Sara, deine Frau, einen Sohn haben. Das hörte Sara hinter ihm, hinter der Tür des Zeltes. 11 Und sie waren beide, Abraham und Sara, alt und hochbetagt, sodass es Sara nicht mehr ging nach der Frauen Weise. 12 Darum lachte sie bei sich selbst und sprach: Nun, da ich alt bin, soll ich noch Liebeslust erfahren, und auch mein Herr ist alt! 13 Da sprach der Herr zu Abraham: Warum lacht Sara und spricht: Sollte ich wirklich noch gebären, nun, da ich alt bin? 14 Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein? Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen übers Jahr; dann soll Sara einen Sohn haben. 15 Da leugnete Sara und sprach: Ich habe nicht gelacht –, denn sie fürchtete sich. Aber er sprach: Es ist nicht so, du hast gelacht.

Abraham schweigt. Die Drei haben einen wunden Punkt berührt, bei ihm und seiner Ehe. Was soll man dazu schon sagen. Ismael immerhin ist sein Sohn. Das muss reichen. Und immerhin ist er dort angekommen, wo Gott ihn hinführen wollte. Man kann nicht alles haben im Leben. Sara dagegen nimmt’s mit Humor. Darin liegt eine gute Portion Skepsis. „Sollte ich wirklich noch gebären, nun, da ich alt bin?“ [V. 13]. Was sie sagt, orientiert sich an der Realität. Und die steht im Widerspruch zur Ankündigung: „Ich will wieder zu dir kommen übers Jahr; siehe, dann soll Sara, deine Frau, einen Sohn haben.“ [V.10] „Ich“, wieso ich? Das waren doch drei, die da am Tisch saßen – Marc Chagall hat’s 1966 so schön gemalt?! Die christlichen Theologen haben darin einen frühen Hinweis auf die Dreifaltigkeit Gottes gesehen. Es ist ja tatsächlich merkwürdig, dass die drei Männer nun mit einer Stimme sprechen.

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Sara kann’s nicht glauben. Alles Gelebte und Erlebte spricht dagegen. Dem anderen entgeht weder ihr Lachen, noch ihre Skepsis. „Warum lacht Sara und spricht: Sollte ich wirklich noch gebären, nun, da ich alt bin?“ [V. 13] Offenbar hat sie nicht verstanden, wer zu ihr spricht. Der aber fragt: „Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein?“ [V.14] Eine rhetorische Frage, jedenfalls für alle, die den Herrn kennen.

Wir nehmen sie mit, diese Frage. „Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein?“ [V.14] In ihr klingt eine grenzenlose Hoffnung. Als Kind war sie uns vielleicht noch gegeben, seitdem haben unsere Erfahrungen ihre Klarheit eingetrübt. Kaum getrauen wir uns noch so grenzenlos zu hoffen, zu oft sind wir eines Besseren belehrt worden. Trotzdem ertappe ich mich immer wieder dabei, die Frage, „Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein?“ [V.14] in mir klingen zu lassen. Wie könnte ich sonst in auswegloser Situation um Rettung bitten? Woher nähme ich sonst in der Wüste die Gewissheit, dass Schatten und Wasser auf mich warten? Ich wüsste die Erfahrungen der Corona-Wüste nicht zu ertragen. Nicht die Trauer um die vielen Toten, die die Problem-Leugner Lügen strafen. Nicht die veranlasste Einsamkeit der Alten, nicht die gebremste Lebensfreude der Jungen, nicht das Schweigen der zum Lobe Gottes versammelten Gemeinde. Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein? [V. 14] das ist machtvoller Widerspruch gegen allen Fatalismus. Ich denke, wir tun gut daran ihn in uns aufzunehmen und weiterzutragen.

Und noch etwas lehrt uns diese wunderbare Geschichte. Wir müssen, wie Sara und Abraham immer damit rechnen, dass es anders kommt, als wir es wollten, hofften und planten. Es gibt weiß Gott Dinge, die sich unserem lenkenden Zugriff entziehen. Und – es kommt darauf an, den Weg, der uns gewiesen wird, tatsächlich zu gehen. So macht es der taube Beethoven, der auch so seine Töne zum Klingen bringt. So machen es Sara und Abraham. So werden sie Eltern und nennen ihren Sohn Isaak – „Er lacht.“.

So wollen wir beim vor uns liegenden Weihnachtsfest den uns gewiesenen Weg gehen. Der wird uns in diesem Jahr durch ungewohnte Erfahrungen führen. – Wir müssen manche familiäre Tradition aussetzen. Wir kommen nur in kleiner Zahl zusammen und achten zuvor darauf, kein Infektionsrisiko einzugehen. Wir halten Abstand, trotz allen Bedürfnisses nach Nähe. Wir verzichten, wo möglich, auf alles, was das Risiko erhöht. Wenn Sie so wollen, wird das unser Weg durch die Wüste. Wir gehen diesen Weg begleitet von der Frage: „Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein?“ [V. 14] und getragen von der Hoffnung, die in Psalm 126 so klingt: „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein.“ [Ps 126,1-2]

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.