Buß- und Bettag – 20.11.2019

Text: Röm 2,1-11

Thema: „Buße“

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

„Schau mal, wie die rumläuft!“ „Wundert dich das? Du weißt doch, wo die herkommt!“ Die zwei, die sich hier unterhalten, haben die Straße im Blick, wenigstens im Augenwinkel, und sie verstehen sich prächtig, während sie über die andere urteilen. Über „die da oben“ hat er hier unten schon längst den Daumen gesenkt. Wenigstens jetzt fühlt er sich obenauf. „Die kriegen ja nichts hin“, weiß er, „außer für sich selber sorgen.“ Wenn er das bei seinen Kumpels sagt, nicken die nur. Das funktioniert übrigens auch jünger und aktueller beispielsweise entlang der klimapolitischen Streitlinien. „Die machen uns die Wirtschaft kaputt.“ „Noch nichts geschafft im Leben, aber alles besser wissen“, hört man von den einen, denen es entgegenschallt: „Ihr seid Klimasünder, ihr mit eurem Benzin im Blut, ihr Vielflieger mit eurem elefantösen ökologischen Fußabdruck!“

Paulus bemerkt dazu: „Darum, o Mensch, kannst du dich nicht entschuldigen, wer du auch bist, der du richtest. Denn worin du den andern richtest, verdammst du dich selbst, weil du ebendasselbe tust, was du richtest“ [Röm 2,1].

Meist lebt das Urteil über die anderen von der Annahme, dass ich wenigstens ein wenig besser bin, als die anderen. „Ich bin nicht perfekt; aber die anderen sind es erst recht nicht!“ Mehr ist es nicht. Aber da komme ich meistens ganz gut weg. Da kann ich doch stolz auf mich sein!

„Nein, das kannst du nicht! Du täuschst dich“, sagt Paulus in unserem heutigen Predigttext aus dem Römerbrief, Kapitel 2,1-11:

1 Darum, o Mensch, kannst du dich nicht entschuldigen, wer du auch bist, der du richtest. Denn worin du den andern richtest, verdammst du dich selbst, weil du ebendasselbe tust, was du richtest. 2 Wir wissen aber, dass Gottes Urteil zu Recht über die ergeht, die solches tun. 3 Denkst du aber, o Mensch, der du die richtest, die solches tun, und tust auch dasselbe, dass du dem Urteil Gottes entrinnen wirst? 4 Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut? Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Buße leitet? 5 Du aber, mit deinem verstockten und unbußfertigen Herzen, häufst dir selbst Zorn an für den Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes, 6 der einem jeden geben wird nach seinen Werken: 7 ewiges Leben denen, die in aller Geduld mit guten Werken trachten nach Herrlichkeit, Ehre und unvergänglichem Leben; 8 Zorn und Grimm aber denen, die streitsüchtig sind und der Wahrheit nicht gehorchen, gehorchen aber der Ungerechtigkeit; 9 Trübsal und Angst über alle Seelen der Menschen, die das Böse tun, zuerst der Juden und auch der Griechen; 10 Herrlichkeit aber und Ehre und Frieden allen denen, die das Gute tun, zuerst den Juden und ebenso den Griechen. 11 Denn es ist kein Ansehen der Person vor Gott.

Du kannst dich nicht entschuldigen, wer du auch bist, der du richtest [Röm 2,1]. Paulus hält uns den Spiegel vor: Du tust dasselbe, was du verurteilst. Dabei hat er eine grundsätzliche, allgemeine Anrede gewählt: „O Mensch!“ Das, was er hier schreibt, betrifft jeden Menschen. Eben noch hat er das Treiben der Menschen beschrieben, die von Gott abgekommen sind. Alle möglichen Dinge verehren sie an seiner statt und die Lebensführung lässt erkennen, dass sie sich um Gottes Gebote nicht scheren. Irgendwie erinnert mich das an die medialen Reflexe eines x-beliebigen Tages: Menschen tun, „was nicht recht ist, voll von aller Ungerechtigkeit, Schlechtigkeit, Habgier, Bosheit, voll Neid, Mord, Hader, List, Niedertracht; Zuträger, Verleumder, Gottesverächter, Frevler, hochmütig, prahlerisch, erfinderisch im Bösen, den Eltern ungehorsam, unvernünftig, treulos, lieblos, unbarmherzig“ [Röm 1,28-31].

Wenn dem so ist, müssen wir ja nur darauf achten, dass wir nicht auch so sind, oder? Paulus widerspricht. Du darfst nicht meinen, du seist entschuldigt, wenn du das alles verurteilst. „Die andern!“ Oder: „Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner“ [Lk 18,11] – erinnern Sie sich an den Pharisäer? Und an Jesu Resümee: „Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“ [Lk 18,14]?

„Mach dich nicht selbst zum Richter über andere. Das ist Gottes Recht, und nicht deines, Mensch. Wenn du einen andern verurteilst, entkommst du dadurch nicht dem Urteil Gottes. Gott „wird einem jeden geben nach seinen Werken“ [2,6]

Zwischenfrage: Haben wir nicht gepredigt und gehört, dass der Glaube an Christi Tod und Auferstehung, die für uns geschehen sind, uns vor Gott gerecht macht? Hieß es nicht immer, es komme auf diesen Glauben an und nicht auf die Werke?

Aber kann ich denn im Glauben dem Auferstandenen und der Güte Gottes begegnen und dann alles so lassen, wie es ist, den ganzen alten Adam, mit all dem, was Paulus aufgezählt hatte? Wird nicht diese Verbundenheit mit Gott mich und mein Leben verändern – peu à peu in Richtung des gelebten Gotteswillens?

Andernfalls bedeutete es doch, wie Paulus vermutet, „den Reichtum seiner [Gottes] Güte, Geduld und Langmut“ [2,4] verachten. Die sind ja gerade sein Entgegenkommen, das es mir ermöglichen soll, von schlechten Angewohnheiten, falschen Entscheidungen, Irrwegen abzukommen und umzukehren. Nicht irgendwohin, sondern zu Gott, von dem wir uns abgewandt hatten und zu seinem Entwurf von Leben.

Also prüfen wir uns lieber. Nehmen wir den Bußtag als Ermutigung zur Selbstkritik. Die mag uns nicht zuletzt deshalb leichter fallen, weil jeder Mensch Anlass hat selbstkritisch zu sein – „die Juden zuerst und ebenso die Griechen“ (Rm 1,16; 2,10), wie Paulus das zu sagen pflegt.

Ohne Frage gehört Mut dazu, zu eigenem Versagen zu stehen und der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Lese ich in der Bibel, verstehe ich, wie menschlich sowohl die Frucht vor der Wahrheit und dem Bekenntnis eigener Schuld ist, als auch wie sehr Gott daran gelegen ist, dass es uns gelingen möge aufrichtig zu sein. Da begegnet mir Jakob mit seinen Tricksereien und dem schlechten Gewissen, ein andermal sind’s die Brüder Josefs oder König David, der den Reizen der Bathseba erlegen ist oder eben Petrus, den im entscheidenden Moment der Mut verlässt.

Sie alle können bestehen, weil sie, mitunter nach längeren Irrungen und Wirrungen den Weg gefunden haben, umzukehren, zurück zur Wahrhaftigkeit und zur Bitte um Vergebung. Prüfen wir also uns selbst – individuell und als Gesellschaft. Lebe ich und leben wir als Gesellschaft so, dass dieses Zusammensein gelingt?

Aus unseren Erfahrungen im Leben wissen wir doch längst, dass alles irgendwie oder irgendwann seine Wirkung entfaltet – das Gute ebenso wie das Böse. Und zu unseren Erfahrungen gehört die Einsicht, dass das, was Zusammensein langfristig, meinetwegen auch „nachhaltig“ ermöglicht, gut ist. So fasst es der Tübinger Systematiker Eberhard Jüngel zusammen und behauptet: „Leben ist nur möglich als Zusammensein.“

Ist es gut, dass wir im Herzen widersprechen, wenn Unrecht geschieht, aber den Mund nicht aufmachen? Ist es gut, dass wir gerne zuerst an uns denken, weil wir Angst haben zu kurz zu kommen? Ist es gut, dass wir nachfolgenden Generationen einen Haufen Hypotheken hinterlassen – ökologische, soziale, politische? Ist es gut, dass wir für eigenen Wohlstand und Luxus das Elend anderer in Kauf nehmen?

Viele solcher Fragen sind zu stellen. Jede richtet gleichsam einen Scheinwerfer auf einen Aspekt unseres Lebens. Und diese Situation der Wahrhaftigkeit, wenn das Licht der Wahrheit den fraglichen Vorgang ausleuchtet, das ist das, was ich unter „Gericht“ verstehe.

Ohne Gericht gibt es keine Gnade. Ohne Anklage, keine Begnadigung. Wo nichts ist, wird auch nichts gerichtet. Gericht und Gnade gehören zusammen.

Die Gnade Gottes ruft uns zur Besinnung und zur Umkehr: „Kehret um, kehret um, und ihr werdet leben!“ [Hes 18,32]

Nicht nur heute. Buße ist kein einmaliger Akt, denn nach Luthers 1.These vom 31.Okt.1517 soll das ganze Leben des Christen eine fortwährende Buße sein, nicht niedergeschlagen und bitter, sondern aufrecht und frohgemut, weil wir uns orientieren können an dem, der uns den Weg zu Gott und in ein unangefochtenes Leben ein für alle Mal gebahnt hat: Jesus Christus.

Er hat uns gezeigt, dass wir Gott recht sind – trotz allem. Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

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