15. Sonntag nach Trinitatis
Text: 1. Mose 2,4–9.15
Thema: Der Traum vom Garten
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Sie sitzen am Feuer. Es ist Nacht und kalt. Am Himmel über der Steppe stehen die Sterne, tiefe Ruhe umgibt sie. Da beginnt ein alter Mann zu erzählen. Jedes Wort sitzt. Wer weiß, wie oft die Geschichte schon erzählt wurde, wenn sie an diesem Abend irgendwann im 10. oder 9. Jahrhundert vor Christus einmal mehr vorgetragen wird? Gebannt lauschen die Jüngeren, als er erzählt:

4 Dies ist die Geschichte von Himmel und Erde, da sie geschaffen wurden. Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte. 5 Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen. Denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; 6 aber ein Strom stieg aus der Erde empor und tränkte das ganze Land. 7 Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen. 8 Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. 9 Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. 15 Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.

Der Erzähler hat vor seinen Hörern eine Situation beschrieben. Als „Gott der Herr Erde und Himmel machte“ [1. Mos 2,4b]. Darüber wie Gott das gemacht hat, verliert er kein Wort. Er hat’s getan, das reicht. Die Beschreibung dieser Situation läuft zielstrebig auf die Geburtsstunde des Menschen zu. Es ist noch nicht viel zu sehen von der Schöpfung – keine Sträucher, kein Kraut, es hatte noch nicht geregnet – „aber ein Nebel stieg auf und befeuchtete das Land“ [1. Mos 2,6]. Darin liegt ein Geheimnis, die Möglichkeit des Lebens. Der Nebel, der sich niederschlägt und der Erde Feuchte bringt.

„Da machte Gott der HERR den Menschen aus Erde vom Acker…“ [1. Mos 2,7] Aus nichts anderem ist der Mensch, als alles andere, was ist. Kein materieller Unterschied unter-scheidet den Menschen von allem andern. Von Erde genommen – adama – ist der Mensch, und Erde wird er wieder sein: „Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zum Staube.“ Aber da ist mehr, Unterscheidendes. Der Erzähler des zweiten Schöpfungsberichtes hat davon keine genauere Auffassung. Und doch deutet er einen geheimnisvollen Zusammenhang an, der den Menschen erst recht zum Menschen werden lässt. Da ist er nun aus Erde vom Acker gemacht und Gott „und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.“ [1. Mos 2,7] Das Leben, sagt der Alte den Jungen, hast Du nicht von Dir selber oder von einem von uns. Das Leben gibt Dir ein anderer, der Herr ist über Leben und Tod. Das ist Gott. Du, Mensch, bist es nicht. Aber die Erzählung betont nicht das Herrschaftliche, sondern eher die Intimität der Zuwendung. Gott haucht dem Menschen das Leben ein. Dieser Odem aber zeichnet dich als Mensch aus, er ist, in aller Naivität sei es gesagt, das Wirken des lebendigen Gottes in Dir.

Ob alle in der Hörerrunde die Konsequenzen des Gedankens ermessen? Das Leben ist von Gott. Wer gegen das Leben handelt, begehrt gegen Gott auf. Wer Leben zerstört, mordet, macht sich zum Widersacher Gottes. Das Leben ist heilig – Gott selbst spricht oder scheint hindurch.

Und wozu lebt der Mensch? Davon spricht der Erzähler nun. Der Mensch hat einen Platz. Den hat Gott ihm zugewiesen und damit seine Aufgabe. Gott „pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte.“ [1. Mos 2,8] „Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.“ [1. Mos 2,15] Er soll pflegen und bewahren, was Gott geschaffen hat. Dafür ist er da. Das ist seine Bestimmung. Leben aus dem Atem Gottes und neues Leben ermöglichen. Der Mensch als Gärtner. Nicht wenige spüren diesen Impuls in sich. Unter uns sind genug, die viel Leidenschaft und Energie in die Gestaltung ihres Gartens investieren aber auch etliche, die anlässlich jedes Busch- und Beettages hier rund um’s Haus den Auftrag zur Pflege erfüllen – so wie gestern auch. Ich denke auch an das Phänomen des „Urban Gardenings“, wo auf Dächern auch Hochhausdächern Salat und Gemüse gedeihen. Ohne Mühe geht’s allerdings nicht. Nicht zum Vergnügen sind wir da, sondern zur Freude. Und die stellt sich ein, wenn’s wächst und blüht oder Früchte zu ernten sind.

Vieles lässt der alte Mann in seiner Erzählung offen. Das ist klug, denn vieles weiß man nicht. Aber die Sehnsucht nach dem Garten und einer Welt, die heil ist, bewegt ihn so sehr wie seine Zuhörer. Später werden sie vielleicht von diesem Garten mit seinen wunderbaren Bäumen träumen. Zu jeder Zeit tragen sie Früchte. Welch‘ Vorstellung! Welch‘ Sehnsucht! Verloren, seit dem fatalen Griff nach der Erkenntnis, wie das die Paradiesgeschichte im Weiteren ausführt. Der Mensch wird des Feldes verwiesen und fristet seitdem ein Dasein, wie wir es kennen. Blaise Pascal fasst zusammen: „In einem Garten ging die Welt verloren, in einem Garten ward sie erlöst“ [zit. nach Wolfgang Teichert: Gärten. Paradiesische Kulturen. Stuttgart 1986, S. 39]. Vergessen wir nicht: Jesu Grab befand sich in einem Garten. Der Stein, der vor das Grab gerollt wurde, war gleichsam Ausdruck des vollstreckten Todesurteils. Als am Morgen des dritten Tages Maria Magdalena zum Grab kommt, findet sie den Stein weggerollt. Sie begegnet einem Mann, den sie für den Gärtner hält, ein Versehen, das eine tiefere Wahrheit beinhaltet: Christus, der Gärtner (Emil Nolde) stellt den Zugang zum Paradies wieder her. So wie wir es in einigen Wochen singen oder, das ist wahrscheinlicher, still summen werden: „Heut schleußt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis“ [EG 27,6]. Es ist die himmlische Stadt mit diesem schönen Garten in ihrer Mitte. Welch‘ Aussicht!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.