Okuli

Text: 1. Kön 19,1–8(9–13a)
Thema: Steh auf und iss!
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Eine furchtbare Dürre liegt über dem Land. Es fehlt nicht nur Wasser, sondern auch Geist. Ahab, der König Israels, hatte sich Isebel, die Tochter des Sidoniers Etbaal zur Frau genommen. Der König und seine Frau dienten Baal und beteten ihn an. In Samaria errichteten sie ihm einen Tempel. Und Isebel verfolgte und rottete die Propheten Jahwes aus [vgl. 1. Kön 18,4]. Nun, da das Land trockenliegt, das Vieh verdurstet und die Ernte verdorrt, wird, das kennt man ja aus gegenwärtigen Propagandaschlachten, erst mal ein Schuldiger gesucht. Also spricht König Ahab einen der letzten verbliebenen Propheten Jahwehs an: „Bist du es, der Israel ins Unglück stürzt?“ [1. Kön 19,17] Der Angesprochene ist Elia. Der antwortet: „Nicht ich stürze Israel ins Unglück, sondern du und deines Vaters Haus dadurch, dass ihr des Herrn Gebote verlassen habt, und du den Baalen nachgelaufen bist.“ [1. Kön 19, 18]

Dann fordert dieser Elia den König und seine Propheten heraus. Diese – es sind vierhundert – sollen ihre Gottheiten anrufen, damit sie der Dürre ein Ende machen. Und er, Elia, er allein wird den Gott Israels, Jahwe, anrufen. Dann wird man sehen, auf wen Verlass ist. Auf dem Karmel, dem Gebirgszug an der Küste im Norden des heutigen Staates Israel, treffen die Konkurrenten aufeinander. Hier Baal und seine Anhänger, dort Jahwe und sein Prophet. Beide rufen inbrünstig den Gott ihres Glaubens an. Nichts tut sich – „da, war keine Stimme noch Antwort, noch einer, der aufmerkte“ [1. Kön 19,29], als die Vierhundert ihren Baal bitten. Als aber Elia seinen Gott anruft, handelt der. Es ist offenkundig und das Volk bekennt es sofort: „Der Herr ist Gott, der Herr ist Gott!“ [1. Kön 19,39] Damit nicht genug. Im Ringen der Propheten konkurrierender Gottheiten hat man die Samthandschuhe abgelegt. Elia lässt keinen der vierhundert Propheten des Baal entkommen.

Es ist wie Krieg. Grausam sind seine Gesetze. Grausam sind seine Folgen. Täglich haben wir das vor Augen. Fast müssen wir befürchten, uns daran zu gewöhnen, wie wir uns offenbar daran gewöhnt haben, dass jeden Tag über 200 Menschen infolge einer Corona-Infektion versterben.

„Und Ahab sagte Isebel alles, was Elia getan hatte und wie er alle Propheten Baals mit dem Schwert umgebracht hatte.“ [1. Kön 19,1] Isebel holt zum Gegenschlag aus. „Da sandte Isebel einen Boten zu Elia und ließ ihm sagen: Die Götter sollen mir dies und das tun, wenn ich nicht morgen um diese Zeit dir tue, wie du diesen getan hast!“ [1. Kön 19,2]

Jetzt bleibt keine Zeit zu verlieren. Fast spürt Elia den Atem seiner Verfolger im Nacken. „Da fürchtete er sich, machte sich auf und lief um sein Leben und kam nach Beerscheba in Juda und ließ seinen Diener dort.“ [1. Kön 19,3] Er läuft um sein Leben. Ich sehe ihn inmitten der vielen Menschen, die ihre zerstörten Wohnungen und Städte verlassen mussten, die nun ihrerseits um ihr Leben laufen. Das eine Kind an der Hand, das andere auf dem Arm. Ich sehe neben dem flüchtenden Elia die vielen Flüchtlinge dieser Tage, die Angst in ihren Augen, Trümmer und Tod überall, Verzweiflung und Entsetzen. Vor nichts und niemand macht die Gewalt des Aggressors halt. Wie weit muss man laufen, wie weit muss man fahren, um zu entkommen? „Er aber ging hin in die Wüste eine Tagereise weit und kam und setzte sich unter einen Ginster“ [1. Kön 19,4] – erschöpft, sinkt er nieder, erschöpft an Leib und Seele. Er kann nicht mehr. Am liebsten würde er sterben, nur damit das Grauen ein Ende hat. Und dann spricht er Worte, die Felix Mendelssohn-Bartholdy in einer Arie vertont hat. „Es ist genug, so nimm nun, Herr, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter.“ [1. Kön 19,4]

Konstanze Henrichs spielt die entsprechende Arie an.

„Und er legte sich hin und schlief unter dem Ginster.“ [1. Kön 19,5] Wie tot liegt er da. Nur der Ginster schützt ihn, kein Dach über dem Kopf, keine Zuflucht. Leer und ausgebrannt, liegt er hingestreckt. Isebel und ihre Häscher haben schon erreicht, dass er sich aufgegeben hat. Was gibt’s jetzt noch zu hoffen? Was soll das Blatt noch wenden? Wird er die Augen noch einmal öffnen? Und wozu?

„Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iss!“ [1. Kön 19,5] „Und siehe“ – wer hätte gedacht, dass er noch einmal etwas anderes sehen als Blut, Verderben und Tod? Ein Engel rührt ihn an, ein von Gott geschicktes Wesen. Vielleicht trägt es heute die bunte Weste einer Hilfsorganisation: Vielleicht breitet es heute auch nur die Arme aus und sagt: „Komm! Komm mit!“

„Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser.“ [1. Kön 19,6] Tatsächlich, da hat einer etwas für mich übrig. Da ist jemand, der für mich sorgt auch jetzt in der größten Not. Noch aber ist die Erschöpfung mächtiger als all das. „Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen.“ [1. Kön 19,6]

War es das wert gewesen, was er auf sich genommen hatte. War es das wert gewesen, so weit zu gehen für seine Überzeugung? Wäre es nicht einfacher gewesen, gar keine Überzeugung zu haben und sich denen zu beugen, die die Macht haben, andere unter ihr Joch zu zwingen? Hätte er mit denen nicht einen Deal aushandeln können zu seinem eigenen Vorteil? War er nicht selbst daran schuld, dass das Leben ihm jetzt so übel mitspielte und er sich in einer Sackgasse gefangen sah? Sollte er nicht gleich liegenbleiben, ausgebrannt, verbraucht, ausgeliefert?

„Und der Engel des Herrn kam zum zweiten Mal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.“ [1. Kön 19,7] Den braucht’s, diesen zweiten Impuls. Er versichert glaubhaft, dass er nicht verloren ist, ja, dass er eine Zukunft hat: „Du hast einen weiten Weg vor dir.“ Sein Glaube und seine Zuversicht erwachen. Sie geben seiner Seele Halt und Richtung. „Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb.“ [1. Kön 19,8]

Vierzig Tage und vierzig Nächte bleibt Mose auf dem Sinai beim Herrn. Vierzig Tage und vierzig Nächte fastet Jesus in der Wüste. Sie, wie auch Elia, gehen an die Quelle ihres Glaubens. Da, wo nichts mehr ist, ist Gott. Da wartet er. Da wartet er auch auf uns. Und er sorgt dafür, dass Elia dort hinkommt. Er lässt sein „Steh auf und iss!“ auch zu denen sagen, die voller Elend im Herzen auf der Flucht erschöpft zu Boden sinken, die nach Wochen und Monaten kräftezehrender Pflege ihre Liebsten bestatten mussten. Allen, die auf Gottes Wegen wandelnd ans Ende ihrer Möglichkeiten gekommen sind, sagt der Bote Gottes: „Steh auf und iss!“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.