Sexagesimae

Text: Hebr 4,12–13
Thema: Was hat es auf sich mit Gottes Wort?
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Wohin geht’s mit uns? Wie wird das enden? Solche Fragen hört man jetzt häufiger in Kirchenkreisen. In den Nachrichten ist immer wieder zu hören vom Schwund der Mitglieder. In Hanau steht die große Kreuzkirche zum Verkauf an. Allerorten wird beraten, wie mit der Verkleinerung der Gemeinde umzugehen sein wird. Den Zahlenmenschen schreibt das Geschehen Sorgenfalten ins Gesicht. In diesem Jahr wird erstmals die Mehrheit der Menschen in unserem Land keiner Kirche mehr angehören. Was ist, wenn nicht nur sonntags keine Glocken mehr läuten und keine Geistlichen mehr da sind, die Predigt zu halten? Wenn auch sonst die Menschen fehlen, nicht zuletzt die im Ehrenamt, die die Kinder- und Jugendarbeit übernehmen, Kranke und Alte besuchen, dort helfen, wo die Ämter eine lange Leitung haben? Ja, wohin geht’s mit uns? Wie wird das enden?

Wer in der Zeit unterwegs ist, wandert wie das Gottesvolk auf dem Sinai auch immer wieder im Ungewissen. Prognosen sind das eine, Tatsachen das andere. Kein Mensch sieht vorher, wie der Lauf der Dinge sich am Ende darstellen wird. Sind die Aussichten trübe, geht das freilich auch auf die Stimmung der Wandernden. Davon weiß auch der Hebräerbrief, der die junge christliche Gemeinde an das wandernde Gottesvolk erinnert. Bei allen möglichen äußeren Gründen, ausdauerndes Desinteresse der Zeitgenossen oder gar eine feindlich gesinnte Umgebung, von ganz wesentlicher Bedeutung ist die innere Haltung derer, die in der Zeit unterwegs sind. Halten sie es wie das Volk auf dem Sinai, das sich anschickt, hochgemut seines Glückes Schmied sein zu wollen, das auch deshalb so sehr mit sich beschäftigt unterwegs ist, dass es nicht mitbekommt, wenn Gott zu ihm spricht und ihm Wegweisung gibt?

Daran erinnern einige Verse in Psalm 95, die Der Hebräerbrief aufgreift, wenn er mahnt: „Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verstockt eure Herzen nicht.“ [Hebr 3,7f.]. Der Autor des Briefes weiß, seine Leute haben es schwer. Sie sind dessen auch müde. Und auch wenn sie in blühenden Landschaften unterwegs sind, stehen sie in der Gefahr, in die Wüste zu gehen, dorthin, wo man sich verirren und verrennen kann, wo man am Ende auf der Strecke bleibt.

Sollte uns das etwa bevorstehen? Dass wir ausgelaugt und niedergeschlagen unterwegs sind, zugetextet von denen, die vorgeben mehr zu wissen, deren Text aus Buchstaben besteht, während der Geist fehlt? Dass wir zumachen und gar nicht mehr, was Gott uns verheißt. Und was soll das sein?

Dass wir ankommen, dass unsere Wanderung auch die Rast kennt – „Es ist also noch eine Ruhe vorhanden für das Volk Gottes.“ [Hebr 4,9] – und das Ziel weiß – „So lasst uns nun bemüht sein, in diese Ruhe einzugehen“ [Hebr 4,11] – von der ich Augustinus sagen höre: „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in Dir“ [Confessiones 1,1]. Da finden wir Ruhe, da sind wir am Ziel.  

Noch sind wir unterwegs. Noch brauchen wir die kleine Rast, die Besinnung am Tag, die Andacht, das freie Wochenende, den ruhigen Sonntag, um die vor uns liegenden Wegstrecken zu bewältigen. Hier, aber auch sonst in jeder unvorhersehbaren Weise kann uns das Wort des Herrn treffen. Vielleicht steht es in der Zeitung. Oder ich schlage morgens die Losung auf, und die trifft den Nagel auf den Kopf. Vielleicht sagt es meine Nachbarin. Vielleicht lese ich es in einem Brief oder einer Mail. Oder ganz ohne Ankündigung, ist mir etwas klar, der weitere Weg, das rechte Wort, die Entscheidung. Wie eine Eingebung, die keinen Zweifel erlaubt und alle Müdigkeit wegwischt, versetzt es mich in Schwingung und macht mich zum Resonanzraum. Unabweisbar. „Wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund“ [Lk 6,45].

Wovon sprechen wir eigentlich täglich?

Im Hebräerbrief heißt es im 4. Kapitel, in den Versen 12-13:

Hebr 4,12 Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. 13 Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen dessen, dem wir Rechenschaft geben müssen.

Ganz im Unterschied zu den vom langen Weg Müden zeigt sich das Wort Gottes „lebendig und kräftig“. Ja, es schafft Leben: „Und Gott sprach …“ [1. Mos 1,3 u.a.m.]. Seine Kraft ist schiere Vitalität. Es macht keinen Halt vor den Ausreden und Fassaden, die die Wahrheit verbergen sollen. Es hält nicht ein vor den falschen Gedanken, Reden und Taten. Es ist „schärfer als jedes zweischneidige Schwert“ [Hebr 4,12].

So wie das Filettiermesser millimetergenau das schiere Fleisch von der Sehne trennt. Wer oft in der Küche steht, weiß das scharfe Messer zu schätzen. Eines, das nicht quetscht, sondern schneidet. Eines, dessen Schnitt den Unterschied macht. So können wir uns dieses ausgesprochen scharfe zweischneidige Schwert vorstellen. Kritisch, nämlich zutreffend und unzutreffend scheidend, nach bei-den Seiten, so dringt das Wort Gottes durch. Wo es uns trifft, trifft es uns ganz: Seele und Geist, Mark und Bein. Das muss nicht vergnüglich sein, das kann treffen und schmerzen, und es kann heilen und aufrichten. Aber es gibt kein Reservat, wo dieses Wort nicht Anspruch hätte, gehört zu werden. Ich zitiere die erste These der Barmer Theologischen Erklärung vom 31. Mai 1934: „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“ Vor diesem Wort müssen wir uns verantworten, was wir denken und sinnen. Alles wird daran gemessen: Verstand und Instinkt.

Der Anspruch ist umfassend. Auch jetzt, da wir verunsichert sein mögen angesichts der Zeitläufte, oder müde geworden nach langen Jahren der Auseinandersetzung, oder resigniert, weil ins Hintertreffen geraten. Vergessen wir nicht, „das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns“ [Joh 1]. Gott mischt sich ein. So steht er neben uns und so steht er uns bei: nicht halb, sondern ganz. Und so ist sein Anspruch, nicht halb, sondern ganz. Alles, so beschreibt es der Brief an die Hebräer, allem ist er so nah, dass nichts vor ihm verborgen bleibt. Wie sollte auch der, der uns geschaffen, uns ins Leben gerufen hat, uns nicht kennen so gut, dass „alles bloß und aufgedeckt vor den Augen dessen [ist], dem wir Rechenschaft geben müssen.“ [Hebr. 4,13]

Vor den Augen Gottes und der Tatsache, dass sie sehen, was sie sehen, brauchen wir keine Angst zu haben. Im Gegenteil. Stellen wir uns nur den Augenblick vor, da Jesus am Kreuz zu seiner Mutter sagt: „Frau, siehe das ist dein Sohn!“ und dann zu seinem Jünger: „Siehe, das ist deine Mutter!“ [Joh 19,26] … Sieh und nimm wahr! Sein Blick, Jesu Blick, öffnet uns die Augen für Zusammenhänge. Unter seinen Augen entstehen gelingende Beziehungen. Vielleicht sollten wir diese Augen, die mit uns sympathisieren – ja, auch mitleiden und sich mitfreuen, vielleicht sollten wir sie gar nicht scheuen, sondern suchen, sollten mit den Au-gen Gottes liebäugeln, statt ihnen auszuweichen.

Und wir, die wir – wie alle vor uns – in eine ungewisse Zukunft gehen, dürfen auch auf dieses Wort Gottes hören, auf dass es uns erreiche und erfülle: „Ich will dich unterweisen und dir den Weg zeigen, den du gehen sollst; ich will dich mit meinen Augen leiten.“ [Ps 32,8]

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.