4. Advent
Text: Lk 1,26–38
Thema: Ankündigung
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

In diesen Tagen sind die Zeitungen dicker als sonst, das Mail-Fach quillt über, ist voller Annoncen. „Ankündigungen“ heißt das, wenn man’s wörtlich nimmt. Ankündigungen von Genuss, Qualität, Erleichterung, Freude und wer weiß was sonst noch.

Wie so vieles, was uns heute in säkularem Gewand begegnet, hat auch die Annonce eine religiöse Ahnin, die Ankündigung. Sie gehört zum Wesen jeder prophetischen Rede. „Siehe“, lässt Jesaja wissen, „eine junge Frau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel“ [Jes 6,14b]. Und Jeremia kündigt an: „In jenen Tagen und zu jener Zeit will ich dem David einen gerechten Sproß aufgehen lassen; der soll Recht und Gerechtigkeit schaffen im Lande“ [Jer 33,15]. Und wo das geschieht, weiß Micha: „Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her ge-wesen ist“ [Mi 5,1].

Ankündigungen. Aber jetzt kommt die Folgenschwerste. Lukas berichtet von einer Ankündigung, die in ihrer Unmittelbarkeit und Direktheit alles Gewesene in den Schatten stellt. Wir haben davon in der Lesung des Evangeliums gehört. Unzählige Male ist die Szene gemalt worden. In Italien tragen die Bilder den bezeichnenden Namen: „L’annunziata“. Die macht ein Engel, an sich schon eine erstaunliche Geschichte. Aber das ist nicht alles, worüber Maria, der der Engel gegenübergetreten ist, erschrickt. Worüber denn?

Es ist nicht der Engel! Es ist seine Rede – von Anfang an! „Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir!“ [28] Aus heiterem Himmel treffen diese Worte auf eine junge Frau, vielleicht auch Jungfrau, wer will das wissen?, für die das völlig überraschend kommt. Weder wurde sie, wie bei Königskindern üblich auf Rolle und Aufgabe vorbereitet, noch hat sie sich in anderer Weise dafür qualifiziert. Und trotzdem kündigt der Engel an, was einem jeden die Sprache verschlagen müsste: „Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben.“ [30f.] So weit sind wir schon. Auch der Name steht schon fest! „Jahwe ist Rettung“ – Jesus, das ist Programm und auch das wird mitgeteilt: „Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.“ [32f.]

Sind Zweifel erlaubt? Maria hat sie. „Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß?“ [34] Das ist die Frage. „Übersetzungsfehler!“ lautet ein Lösungsvorschlag. Die „Jungfrau“ ist eine „junge Frau“ – parthenä. Die Erklärung bleibt defizitär. Bei uns wird sie meist in aufklärererischer Haltung und mit überlegenem biologischem und gynäkologischem Wissen gestellt und beantwortet. „Geht doch gar nicht!“

Aber hier geht es nicht um ein ärztliches Bulletin, obwohl gerade das Lukas zuzutrauen wäre. Es geht auch nicht um biologische Sonderheiten. Hier geht’s um theologische Wahrheiten. Im Falle der Bibel sollte man damit gelegentlich rechnen. Genauer gesagt, hier geht’s nicht um Gynäkologie, sondern um Pneumatologie! Statt „Jungfrauengeburt“ eine „Geistschöpfung“.

So antwortet und erklärt es der Engel in andeutenden Bildern: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden“ [35].

Es ist Gott selbst, der hier handelt. Und sein Handeln ist ein der souveräne Akt einer Selbstentäußerung. Nichts Geschöpfliches. So erklärt es das Bekenntnis von Nicäa-Konstantinopel, wenn es über diesen Christus sagt: „Gott von Gott. Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater.“ Karl Barth, der große Schweizer Theologe, fasst es so zusammen: Dieses Kind ist „geboren, wie sonst keiner geboren wurde und wie es biologisch so wenig deutlich zu machen ist wie die Auferweckung der Toten“ [Karl Barth, KD I/2, 202]. Was hier geschieht, ist nicht gemacht. Aber es ist gewollt, gesagt und getan.

Die theologische Aussage ist: Gott handelt souverän. Darauf läuft alles hinaus – auch der noch folgende Hinweis, dass die hochbetagte Elisabeth gleichfalls guter Hoffnung sei! – auf dieses Résumé: „Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich“ [38]. Luther hat das griechische Wort [to rhäma] mit „Ding“ übersetzt. Es fasst Wort und Tat zusammen, steht für das gesprochene Wort und das Ereignis gleichzeitig. („Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.“ [1. Mos 1,3])

Was bei der Betrachtung zu kurz kommt, ist die „soziale Indikation“. Hat jemand das Mädchen namens Maria gefragt, ob sie will, was mit ihr geschieht und geschehen soll? Hat sich jemand die Mühe gemacht zu überlegen, ob das für sie annehmbar sein wird, oder ob sie vielleicht in diesen Josef, mit dem sie verlobt ist, auch verliebt ist? Und wie sie ihm gegenüber dasteht? Und was sie ihm sagen soll? Und wie’s dann weitergehen soll – mit ihr, allein, oder mit Josef zusammen und diesem Kind von – wie soll man sagen – von Gott? Ist sie Opfer? wie Gerd Lüdemann ganz im Sinne des Zeitgeistes behauptet? [Jungfrauengeburt. Die wirkliche Geschichte von Maria und ihrem Sohn, Stuttgart 1997, S. 140].

So unmittelbar und unwiderstehlich wie das Ereignis, für das die Ankündigung der Geburt in der Begegnung mit dem Engels steht, genauso unmittelbar und unwiderstehlich schlicht ist die Reaktion Marias. Sie empfängt, was ihr von Gott zukommt. Sie ordnet sich in diese Beziehung ein und stellt sich und ihre persönlichen Belange hintan: „Siehe, ich bin des Herrn Magd“, sagt sie, „mir geschehe, wie du gesagt hast“ [38]. Das greift dem bewegenden Jesuswort im Garten Gethsemane vor: „Nicht wie ich will, sondern wie du willst“ [Mt 26,39 parr.] – und stellt uns eine bewusste Haltung Gott gegenüber vor. Sie beantwortet die Liedfrage: „Wie soll ich dich empfangen und wie begegn ich dir?“ [Paul Gerhardt]

Luther sagt das in einer Predigt von 1521 so: „Deshalb, wenn diese Geburt uns soll zu Nutze kommen und das Herz wandeln soll, müssen wir das Exempel der Jungfrau in unser Herz bilden und ihr nachfolgen, denn es gibt keine andere Weise, es muss in unserem Herzen auch also zugehen, wie es ihr geschehen ist. (…) Also werden auch wir schwanger vom Heiligen Geist und empfangen Gott geistlich“ [Luther Deutsch: die Werke Martin Luthers in neuer Auswahl für die Gegenwart. Von Martin Luther, Michael Welte, S. 67].

Wie es Angelus Silesius kurz zusammengefasst hat: „Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren, doch nicht in dir, du gingest ewiglich verloren!“ Bereiten wir uns also auf die Geburt vor.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.