Andacht zum Wochenspruch des vorletzten Sonntags des Kirchenjahres

„Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.“ 2. Korinther 5,10

Puh, denke ich. Da habe ich mir ja einen Wochenspruch für meine erste Andacht ausgesucht. Was kann mir bei meinen Gedanken und beim Verstehen helfen? Die Bibel selbst? Wäre bestimmt die richtige Wahl, aber so dick. Und schwierig, immer genau das zu finden, was man sucht. Vor allem, wenn man sich die Textstellen nicht merken kann. Was dann? Natürlich! Der Duden – im Internet leicht zugänglich. Mal sehen, was der Duden zum Wort „offenbar“ zu sagen hat: „dem Anschein nach“ oder „wie es scheint“. Als Beispiel steht hier u.a. „sie ist offenbar sehr begabt“, hmm… das bedeutet wohl, man ist sich nicht sicher, ob es wirklich so ist. Aber im Wochenspruch heißt es „Wir müssen alle offenbar werden…“ Hat es da wirklich etwas mit „Schein“ zu tun? Oder ist es nicht eher so, dass der „Schein“ von uns genommen wird? Interessant: Als Synonyme werden mir im Duden neben „augenfällig“ und „augenscheinlich, auch „deutlich [erkennbar]“ angeboten. Heißt „offenbar werden“ also nicht vielmehr „ich gebe mich zu erkennen“ oder „ich lege meine Kleider ab“, also „es zeigt sich, wer ich bin“? „Nackt sein“ bedeutet für viele von uns verletzlich sein. Aber tut es nicht auch gut, man selbst sein zu dürfen sich nicht verstellen zu müssen? Warum sonst fühlen wir uns im Kreise vertrauter Freunde und Familie besonders wohl.

Aber – wer bin ich wirklich? Wenn ich auf mein bisheriges Leben zurückblicke, fällt mir auf, wieviel mein Leben mit dieser Suche nach meinem Sein zu tun hat. Wieviel Neues, wie viele neue Wesenszüge, man immer wieder an sich selbst entdeckt. In der Kindheit geben die Eltern noch stark den Rahmen vor, später öffnet man sich für andere Werte von Freunden sowie gesellschaftlichen Normen und Reizen. Man erkennt die verschiedenen Erwartungen, die sich an einen richten, und entdeckt, welche vielfältigen Möglichkeiten es gibt. Man fragt sich, welche Wesenszüge und Fähigkeiten mag ich an mir. Im Berufsleben würde man sie als Stärken und Schwächen bezeichnen. Wie und wo muss ich an mir arbeiten? Einen Stillstand im „Sein“ gibt es „offenbar“/ „dem Anschein nach“ nicht. Aber wieviel an meinem alltäglichen Auftreten und Sein ist denn eigentlich „echt“? Wieviel von mir selbst „offenbare“ ich wirklich? Eine Frage, die ich mir öfters stellen sollte.

Im Wochenspruch heißt es „offenbar werden“, also „sich offenbaren“. Ich schlage den Begriff „offenbaren“ im Duden nach: Aha – diesem Verb wird eine ganz andere Bedeutung zugedacht als dem Adjektiv „offenbar“. Es bedeutet u.a. „sich jemandem anvertrauen“. Das wirkt erleichternd auf mich. Wir müssen nicht mehr lügen, wir dürfen ENDLICH die sein, die wir sind. Vor Gott müssen, brauchen und können wir uns nicht verstellen. Aber da steht auch als Bedeutung „beurkunden/ bezeugen“. Das heißt, ich muss Zeugnis ablegen. Erhalte ich ein Zeugnis? Werde ich bewertet? Vor einem Richterstuhl ist das wohl anzunehmen. ABER hier steht der Richterstuhl „Christi“ und nicht „Gottes“.  Der nächste Abschnitt des Korintherbriefes ab Vers 11 trägt in meiner Übersetzung die Überschrift „Der Dienst der Versöhnung.“. Ab Vers 17 heißt es „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen; siehe, es ist alles neu geworden! Das alles aber [kommt] von Gott, der uns mit sich selbst versöhnt hat durch Jesus Christus und uns den Dienst der Versöhnung gegeben hat; weil nämlich Gott in Christus war und die Welt mit sich selbst versöhnte, indem er ihnen ihre Sünden nicht anrechnete und das Wort der Versöhnung in uns legte.“

Erleichterung macht sich in mir breit. Haben wir Christen ein Glück. Vor Gott und seinen Geboten kann ich nicht bestehen, aber ich habe Jesus, der für mich einsteht. Das weiß sogar auch der Duden: Als Beispiel für das Verb „offenbaren“ steht hier: „Offenbaren seiner Liebe“ und es gibt sogar einen Link zum Wort „Liebeserklärung“.
Aber „bei aller Liebe“ – ich scrawle im Duden weiter nach unten – es steht dort auch „manifestieren – den Offenbarungseid leisten“ und „bezeugen“. Jesus liebt mich, darauf kann ich vertrauen und ich werde nicht allein vor dem Richterstuhl stehen. Aber „egal“ ist es Jesus, Gott und auch mir nicht, wie ich dort stehen werde und als „wer“ ich mich offenbare. Habe ich etwas aus mir und meinem Leben gemacht? Habe ich meine und vor allem Gottes Möglichkeiten genutzt? Gottesdienst und Hauskreis sind schon mal ein guter Ansatz, um herauszufinden, was Gott, Jesus und auch ich von meinem Leben erwarten. Zumindest hilft es mir, das zu verstehen. Aber habe ich schon angefangen etwas zu ändern und Jesus nachzufolgen? Angefangen habe ich sicherlich schon oft. Unterwegs ist mir meine Kraft und Konzentration oft ausgegangen. Ich werde es weiter versuchen und hoffen, dass Gott mir dabei hilft. Denn auch dafür bin ich ihm dankbar, ich muss es nicht aus eigener Kraft heraus schaffen.

Marie Sophie Schmidt

Dass du, Jesus Christus,
unsere Welt richtest,
ist uns ein fremder Gedanke geworden.
Dass wir einmal geprüft werden,
schürt in uns Unbehagen und Angst.
Wer wird vor dir bestehen können?
Wer deinen Ansprüchen genügen?
Wir sind doch alle verstrickt in Böses,
alle untauglich als deine Zeugen.
Wir versuchen, unserer Schuld ins Auge zu sehen,
sie nicht zu verharmlosen oder wegzureden.

Lass uns erkennen, wer wir wirklich sind,
und hilf uns von Herzen zu verstehen,
was du von uns erwartest.
Gib uns den Mut, den wir für Veränderungen brauchen,
und die Ausdauer und den Langmut weiterzumachen,
auch wenn wir merken, dass wir trotz guter Vorsätze immer wieder fehlen

Richte uns mit Barmherzigkeit!
Lass uns erkennen,
was wir versäumt und verschuldet haben,
aber vergib uns,
und bring uns in Einklang
mit deinem Willen.
Wir bitten dich:
erbarme dich unser.

Amen.