6. Sonntag nach Trinitatis

Text: 5. Mose 7,6–12

Thema: Erwählt

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Gegen das, was wir die „Geschichte Israels“ nennen, bietet ein „Tatort“ die reinste Langeweile. Zu klein, um eine wirksame Rolle im Theater der Mächtigen zu spielen. Zu widerständig, um sich unter dem Einfluss der vielen Eroberer und Beeinflusser in Nichts aufzulösen. Und jetzt reiben sich die Überlebenden einer Katastrophe die Augen. Es gibt uns noch. Das muss Erstaunen hervorrufen, angesichts der Tatsache, dass die Geschichte und vor allem die Mächte in ihr wie Wirbelstürme über das kleine Land und sein auch kleines Volk hinweggegangen ist – und das nicht einmal, sondern immer wieder. Und trotzdem: Wir sind noch da. „Hetiter, Girgaschiter, Amoniter, Kanaaniter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter“ [5. Mos 7,1], sie alle sind von der Bildfläche verschwunden, obwohl sie „größer und stärker sind als du“ [ebd.]

Man fragt sich, wie kommt das? Die Antwort im 5. Buch Mose ist nicht „Glück gehabt“, sondern „Denn du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind.“ [5. Mos 7,6] Als Antwort reicht das nicht aus. Wieso soll ausgerechnet dieses arme Häuflein, in allen Jahrhunderten zerzaust und oft beinahe vernichtet, „ein heiliges Volk“ sein? Sind sie in irgendeiner Hinsicht besser als die anderen? Haben sie etwas an sich, was dazu führte, sie zu bevorzugen? Davon kann keine Rede sein. „Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –“ [5. Mos 7,7] Wie dann? „Weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte“ [5. Mos 7,8].

Wenn ich recht verstehe, heißt das, Gott hat es getan, weil ER es so wollte. Dafür stehen Verben wie „erwählen“ und „lieben“. Es gibt keine Notwendigkeit. Es gibt keinen Verdienst auf Seiten der Erwählten. Sie können nichts dafür. Es ist, hart gesagt, Willkür. Freilich, es ist die Willkür der Liebe.

Gott hat sich Israel aus freien Stücken verpflichtet und dafür von ihm den Gehorsam gegenüber seinen Geboten erwartet. Das Volk erkennt das staunend. So haben wir es eben im Psalm 139 gebetet: „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen“ [VV. 5f.]. Aber genauso vergisst es das und tanzt im nächsten Moment um das Goldene Kalb [vgl. 2. Mos 32]. Dann holt Gott es zurück auf den rechten Weg. Geduldig und manch-mal auch mit harter Hand. Auch das ist Teil der Erwählung. „So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust“ [5. Mos 7,11].  

Geben und nehmen, das gehört auch zu dieser besonderen Beziehung. Es gehört zu jeder Beziehung. Nun lesen wir solche Dinge an einem Sonntag, der thematisch dem Taufgedenken verpflichtet ist. Wurden die Verse in der neuen Perikopenordnung für diesen Sonntag ausgesucht, weil zu der bleibenden Erwählung des Volkes Israel nun durch Jesus Christus eine weitere Liebeserklärung Gottes ergangen ist, eine, der sich die Christen in besonderer Weise verpflichtet fühlen?

Auch hier folgt die Liebe keiner Vorleistung, nein, sie ist freies Geschenk und so gesehen ein Akt liebender Willkür. Damit ist auch klar, hier wie da, beim erwählten Volk und seitens der Getauften gibt es keinen Grund, die Nase hoch zu tragen und sich als etwas Besseres zu verstehen. Aber:  Wer um seine               Erwählung, um sein Geliebt-Sein weiß, der wird deshalb andere Menschen nicht hassen und töten, sondern von dieser Liebe Zeugnis ablegen und sie an andere weitergeben. Alles andere, Fanatismus, Hass, religiöse Intoleranz, widerspricht der liebenden Hingabe Gottes.

Wie Paulus an die Römer schreibt: „Oder ist Gott allein der Gott der Juden? Ist er nicht auch der Gott der Heiden? Ja gewiss, auch der Heiden“ [Rm 3,29].

Die Rede von der Erwählung macht deutlich: Wie bei Israel, dem erwählten Volk, gibt es auch bei der Taufe keine Bedingung für die Zuwendung und Liebe Gottes. Die Taufe besiegelt die Zugehörigkeit zu Gott. Sie ist der Beginn eines Lebens im Namen des dreieinigen Gottes, die Besiegelung eines Bundes, der ewig Bestand hat. Und dieser Bund zielt auf Wirkung ganz im Sinne dessen, der uns das Geschenk seiner Liebe gemacht hat. So lesen wir es im Johannesevangelium, wo Jesus sagt: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt, damit ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibt“ [Joh 15,16].

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.