2. Sonntag nach Epiphanias

Text: Jer 14,1.3-4.7-9

Thema: Die Wahrheit kommt ans Licht

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Wissen Sie noch letzten Sommer. Tagelang steht die Sonne am Himmel und treibt die Temperaturen auf die 40° C-Marke zu. Keine Wolke weit und breit. Regen eine Erinnerungssache. In Mecklenburg-Vorpommern treibt der Wind die staubtrockene Krume vor sich her. Es gibt dort anstelle von Schneewehen Erdverwehungen. Ende Juni fängt der Wald bei Lübtheen an zu brennen. Obwohl die Brandbekämpfung mit jeweils 750 Leuten in vier Schichten erfolgt, kommt man den Flammen nicht bei. Die im Boden des ehemaligen Truppenübungsplatzes liegende Alt-Munition sorgt für immer neue Brandherde. Naheliegende Ortschaften werden evakuiert. Am Ende sind 944 Hektar Wald zerstört.

Man könnte meinen Jeremia, ein Mann des 6./5. Jhs. v. Chr., kommentierte: „Dies ist das Wort, das der HERR zu Jeremia sagte über die große Dürre: Juda liegt jämmerlich da, seine Städte verschmachten. Sie sinken trauernd zu Boden, und Jerusalems Wehklage steigt empor [Jer 14,1f.]

Dürre auch in Australien. Bei Tageshöchsttemperaturen von 40-50° C fehlt es überall an Wasser. Wildbrände fressen sich durch’s Land. Mittlerweile haben sie ein Gebiet größer als die Niederlande verheert. Pflanzen und Tiere sind in unvorstellbarer Zahl den Flammen zum Opfer gefallen. 250.000 Menschen mussten evakuiert werden. Selbst in den Metropolen des Landes kann man zeitweilig kaum mehr atmen. Der Rauch beißt in Augen und Lungen.

Und kein Wasser über Wochen. „Die Großen schicken ihre Diener nach Wasser; aber wenn sie zum Brunnen kommen, finden sie kein Wasser und bringen ihre Gefäße leer zurück. Sie sind traurig und betrübt und verhüllen ihre Häupter.  Die Erde ist rissig, weil es nicht regnet auf das Land. Darum sind die Ackerleute traurig und verhüllen ihre Häupter.  Selbst die Hirschkühe, die auf dem Felde werfen, verlassen die Jungen, weil kein Gras wächst. Die Wildesel stehen auf den kahlen Höhen und schnappen nach Luft wie die Schakale; ihre Augen erlöschen, weil nichts Grünes wächst.“ [Jer 14,3-6] So lesen wir bei Jeremia im 14. Kapitel.

Wie kommt’s? Was ist die Ursache für diese Unbilden der Natur, die sich messbar schlimmer denn je bemerkbar machen? Auf die Dürre folgt dann oft sintflutartiger Regen, den der zementharte Boden nicht aufzunehmen vermag.

Es kommt noch etliche, die dem Phänomen mit Achselzucken begegnen. „Kommt halt vor“, sagen sie. Und tatsächlich kennt man gerade down under solch extreme Wetterlagen, aber doch nicht so, nicht so katastrophal. Was ist es dann? Das Lösungswort ist in aller Munde: Der Klimawandel ist es. Aber das Klima taugt nicht als Schuldiger. Es muss doch Gründe geben für diesen Klimawandel? Die meisten Klimaforscher sind sich einig, es ist der Mensch und sein Lebenswandel. Die Vokabeln haben wir alle drauf – von CO²-Ausstoß, Klimakatastrophe, Klimaflüchtlinge bis Energiewende. Je länger die Diskussion anhält und vor allem, je näher das Problem uns auf den Pelz rückt, sehen wir selbst uns und unsere Lebensumstände in der Kritik. Sind wir etwa Schuld an der Misere?

Jeremia schildert seinerseits eine Wetterkatastrophe. Kein Wasser vom Himmel, kein Wasser aus der Erde, nur noch Dürre. Aber Jeremia stellt gar nicht die Frage nach dem Warum. Aus seiner Sicht illustrieren die beklagenswerten Phänomene ein ganz anderes Problem: „Ach, HERR, wenn unsre Sünden uns verklagen, so hilf doch um deines Namens willen! Denn unser Ungehorsam ist groß, womit wir wider dich gesündigt haben“ [Jer 14,7]. Die Menschen sind abgeschnitten von der Quelle, die da „Gott“ heißt. Sie suchen das, was sie zum Leben brauchen, an den falschen Quellen. Die aber tun dem Leben nicht gut, am Ende bedrohen sie es. Die Wassernot lässt das sichtbar und erlebbar werden. Die Menschen sind von Gott getrennt. Weder hören sie ihn, noch wenden sie sich ihm zu. Er nennt das Sünde.

Kein Wort von einzelnen Taten. Es geht um’s Ganze. Und da ist er selbst dabei, spricht folglich von „unseren Sünden“. Auch er hat zu Zeiten Gott einen guten Mann sein lassen. Das sieht er und bekennt es in diesem Sündenbekenntnis: „Unser Ungehorsam ist groß, womit wir wider dich gesündigt haben“ [Jer 14,7]. Dabei führt nicht etwa Gott gegen ihn und seine Leute Klage, sondern „unsre Sünden verklagen uns“ [ebd.]. Das Leben, so wie wir es gelebt haben, das verklagt uns.

„Wieso? War doch gut!“ sagen wahrscheinlich auch einige seiner Zeitgenossen. „Und wenn, wir haben uns nichts zuschulden kommen lassen.“ „Andere wahrscheinlich schon, aber wir doch nicht.“ Und vielleicht fügen sie noch an: „Sollen die doch erstmal was ändern.“

Es fällt uns ja auch nicht gerade leicht, im Rückblick die eigenen Fehler zu sehen. Ob wir nun Eltern sind und auf den inzwischen erwachsenen Nachwuchs sehen, dem wir uns angewöhnt hatten, alle Steine aus dem Weg zu räumen. Oder ob wir noch die Schulbank drücken und am Tag der Klausur erkennen, dass das, was wir zur Vorbereitung aufgewendet hatten, sich nun als beklagenswert ungenügend herausstellt. Oder ob wir uns eingestehen müssen, dass unser Konsumverhalten uns mittlerweile die Luft zum Atmen verpestet, das Wasser vergiftet oder die Gefäße verstopft. Was aber wird erst mit uns, wenn die gestiegene Wassertemperatur der Weltmeere die Pole schmelzen und die gigantischen Meeresströme abreißen lässt? Die Angst davor bemächtigt sich vieler Menschen, und viele junge sind darunter, die ihre eigene Zukunft und die ihrer Kinder bedroht sehen.

Jeremia wendet sich an Gott. „Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer“ [Jer 14,8]. Gott kann, was wir nicht vermögen, davon ist er überzeugt und davon spricht auch das Evangelium heute, die Geschichte der Hochzeit von Kana. Wo alle zu Ende ist, eröffnet Gott neue Möglichkeiten.

Der aber stellt sich offenbar taub. „Warum stellst du dich, als wärst du ein Fremdling im Lande und ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt? Warum bist du wie einer, der verzagt ist, und wie ein Held, der nicht helfen kann?“ [Jer 14,8f.]

Was soll man da machen? Wie soll man den, auf den man nicht hören wollte, nun dazu bringen, die Hilfeschreie zu hören und aus der Not zu retten? Und kann Gott überhaupt helfen bei dem Schlamassel, den wir selbst angerichtet haben?

Bei Jeremia gibt es darauf keine große Antwort, keine ausführliche Argumentation mit Begründungen, auf die wir selbst Bezug nehmen könnten. Er nimmt stellvertretend für alle anderen eine andere Haltung ein. Statt wegzuhören, statt von Gott abzusehen, wendet er sich ihm erst recht zu: „Du bist ja doch unter uns, HERR, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht!“ [Jer 14,9]

Er praktiziert, was wir „Umkehr“ nennen, und wirft sein ganzes Vertrauen auf den Gott, nach dessen Namen wir heißen, und bittet: „Verlass uns nicht!“ [ebd.]

Und das ist alles? Mehr nicht? Ja, das ist alles. Es ist eine Wende, eine wirkliche, eine, die wirkt. Und zur Wende gehört einerseits die Hinwendung, und sich abzuwenden andererseits. Es ist an der Zeit zu erkennen, dass wir gut daran tun, uns Gott zuzuwenden. Das aber nicht etwa, um damit in Passivität und Nichtstun zu verfallen, sondern um zu erkennen, was das Rechte ist und was an uns ist zu tun. Dann geht’s uns, wie den Dienern und dem Speisemeister zu Kana. Die einen tun, was Jesus ihnen sagt, füllen die leeren Krüge mit Wasser und bringen sie dem Speisemeister. Der aber kostet den Inhalt und schmeckt den Wein, von dem er „nicht wusste, woher er kam“ [Joh 2,9].

Heißt das, es ist an uns zu hören, was aus aufgetragen wird, so wie die Diener ihren Auftrag bekommen, um den „nach Gehör“ – gehorsam auszuführen? Dass wir fragen, was will Gott von uns? Dass wir lesen, die Bibel lesen, mit dieser Frage? Dass wir dann tun, was zu tun ist, und uns dann womöglich wundern, was geworden ist, nicht wissend, woher es kam. Ja.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.