4. Advent
Text: Phil 4,4–7
Thema: Freut euch!
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

So viel Freude! Sogar das Kind in Elisabeths Bauch hüpft, Johannes, den man dann den Täufer nennen wird, er hüpft, als er mithört, wie Maria Elisabeth begrüßt. So viel Freude bei den Kindern, die im Kindergarten Lieder und Texte zum bevorstehenden Fest eingeübt haben. So viel Freude auch bei den Alten, die so lange die müden Häupter gesenkt hielten und sie nun heben, weil die altbekannten Weisen wieder angestimmt werden: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit!“

Auch da, wo man mancherorts dem Weihnachtsmarkt so fantasievolle Bezeichnungen wie „Sternenmarkt“, unübertroffen in Wiesbaden der „Sternschnuppenmarkt“ oder „Wintermarkt“ verpasst hat, auch da will die Freude nicht weichen. Wie kommt’s?

Sind es die freien Tage? Hierzulande zieht der 24. Dezember für alle, auch die religiös längst unmusikalisch geworden sind, noch die zwei Feiertage des christlichen Hochfestes nach sich. Oder sind es die Geschenke? Deren Reiz dürfte sich bei denen, die „alles haben“, nach und nach verlieren. Bestimmt spielen die vielen Traditionen eine Rolle, die für Familien, Landschaften, ja, das ganze Land prägend gewesen sind. Unbestreitbar ist freilich die Entwicklung von den Inhalten weg zu weniger Hintergründigem wie Putz und Deko, Saus und Braus.

Erklärt das alles die Freude und den eigenartigen Zauber des Festes? Was wir ausschließen können, dass sich die Freude befehlen ließe. Selbst Paulus mit all seiner Autorität dürfte das nicht zuwege gebracht haben. Auch nicht, wenn er, wie im Philipperbrief – 4. Kapitel – zur Freude aufruft:

Phil 4,4 Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! 5 Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe! 6 Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden! 7 Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne bewahren in Christus Jesus.

An die Philipper denkt Paulus gerne. Dort hatte er die erste Gemeinde auf europäischem Festland gegründet. Von dort war er gen Westen weitergezogen, über das 100 km entfernte Thessaloniki bis schließlich nach Korinth. Der Brief an die Philipper ist von einem freudigen Grundton geprägt, der sich sogar dort hält, wo von schweren Erfahrungen und schwierigen Herausforderungen die Rede ist. „Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht“, lässt er die Philipper am Ende wissen [4,13].

So schreibt einer, der, dafür sprechen die Quellen, zu diesem Zeitpunkt im Gefängnis sitzt. Allein in den vier Versen unseres Predigttextes versammeln sich vier Aufrufe – Imperative: „Freut euch!“, „Eure Güte lasst kund sein!“, „Sorgt euch um nichts!“, „Lasst eure Bitten vor Gott kundwerden!“

Woher kommt diese Zuversicht, wo hat das erfüllte Sendungsbewusstsein seine Quelle?

Zwei einfache Aussagen beantworten unsere Fragen: „Der Herr ist nahe!“ und „Der Friede Gottes wird euch bewahren!“

Wer von diesen Aussagen als Grundlage ausgeht, der wird nicht von Freudlosigkeit und Sorgen angenagt, der fühlt sich so reich beschenkt, dass er selbst geben kann, und der weiß sich Gott so nahe, dass er sich an ihn wenden mag mit Bitten und mit Dank.

Hier also hat die Freude ein Fundament: „Der Herr ist nahe!“ Um das zu sagen und zu verstehen, bedarf es keines Fernrohrs, das die Weiten der Zeiten, die Griechen sprechen von Äonen, durchdringt. „Der Herr ist nahe!“ Das gilt für den gläubigen Christen immer. „Der Herr ist nahe“ das heißt auch, er ist immer vor dir, du lässt ihn nicht hinter dir, er kommt dir entgegen. Deshalb: „Freut euch im Herrn allewege!“ [4,1]

Ich höre Einwände. Ist solche Freude nicht allzu naiv? Oder gar zynisch? Wie kann man sich freuen angesichts all der Unbill des Lebens und unserer Zeit? Wie kann man sich freuen und zugleich in die Fratze menschlicher Niedertracht schauen? Wie kann man sich freuen in Anbetracht all des Tötens und Mordens unserer Tage? Die großen Katastrophen vor Augen, die die Menschen allein in diesem Jahr heimgesucht haben. Wie kann man sich freuen eingedenk der persönlichen Katastrophen, die viele in diesem Jahr oder gerade jetzt zu bewältigen haben?

Kann man das alles wegfeiern oder weglachen? Nein, das kann man nicht! Dazu müsste man das Offensichtliche ignorieren oder leugnen. Die „Freude“ von der Paulus spricht kommt ohne das aus. Sie kommt auch ohne Schenkelklopfen und Partystimmung aus. Freude ist mehr als Spaß. Sie kann auch leise und verhalten.

„Freut euch in dem Herrn!“ Die Worte stehen in einem Zusammenhang. Der ist ernst wie das Leben. Das ist nicht traurig und an sich kein Unglück, dass das Leben ernst ist. Vielmehr nimmt diese Sicht die Tiefe und die verschiedenen Dimensionen des Lebens auf. Dazu gehören selbstverständlich Vergnügen, auch Spaß, Hochgefühle und Heiterkeit, aber eben auch die Anstrengung, die Mühe, der Schmerz und die Trauer.

Was aber ist angesichts dessen dann die Freude, von der Paulus spricht? Er sagt ja nur: „Freut euch!“ und „freut euch in dem Herrn!“ Ich brauche zum einen mich, damit Freude entstehen kann. Das Tätigkeitswort für Freude legt das nahe. Das gibt es nur reflexiv, also mit Rückbezug auf die eigene Person: „Ich freue mich“. Sich-Freuen bedeutet deshalb auch Sich-Spüren, Sich-Erleben, sich als bejaht und wertgeschätzt erfahren.

Das liegt drin in mir, dieser Schatz, der Schatz der Freude. Er will nur gehoben werden. Er muss nicht erzeugt oder mir von außen angeheftet werden. Die rote Nase des Clowns macht aus mir noch einen fröhlichen Menschen. Nein, wenn es mir um die Freude geht, muss ich zulassen und mir eingestehen, dass es dann auch um mich selbst und um mein Verhältnis zu mir selbst geht. Da kann ich fündig werden.

Zum anderen rücken für Paulus Freude und Gott ganz nah zusammen. „Freut euch in dem Herrn allewege“. Gott ist nicht das Woraufhin meiner Freude, nicht das, woran ich mich freue, worauf ich mich freue, worüber ich mich freue – das mag’s auch alles geben – Gott ist vielmehr die Wirklichkeit, in der alles ist, was ist, auch meine Freude. Sie geschieht in Gott, weil er mein Leben insgesamt in sich trägt und hält und ich sein Resonanzraum bin.

Eine Aufgabe am vierten Advent: Machen wir uns auf nach innen auf die Suche nach der Freude. Beantworten wir die Frage, wie wir uns zu uns selbst verhalten, wie wir zu uns selbst stehen, ob wir uns selbst als geliebt und gewollt, als wertgeschätzt und gewürdigt erkennen, erleben und erfahren. Auf dieser Suche nach dem Grund der Freude werden wir Gott begegnen. Wir können nicht zu uns selbst kommen, ohne ihm zu begegnen. „Der Herr ist nahe!“ Sich freuen in Gott heißt, in sich gegangen zu sein und dort Gott erfahren zu haben.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.