Buß- und Bettag

Text: Spr 14,34
Thema: Auf der Suche nach dem Maßstab
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Es ist lange, dass die Menschen in unserem Land eine Abhängigkeit von Gegebenheiten verspürten, auf die sie keinen direkten Einfluss hatten. Dass der Winter kein Ende nahm und der Bauer im Märzen kein Rösslein einspannen konnte. Dass der leichte Landregen nach der Frühjahrssaat ausblieb, es dagegen bald zu sintflutartigen Regengüssen kam. Dass die Kartoffeln krank wurden und im Acker verfaulten. Immer wieder kam es so derlei Krisen, die die Menschen nicht nur in große Not stürzten, sondern auch fragen ließen: Was haben wir falsch gemacht? Sind wir schuld an der verheerenden Flut?

Dann kam die Zeit der Buße. Oft als Strafe missverstanden, zielt die Buße aber auf etwas ganz anderes: Eine innere und äußere Umkehr. Eine Veränderung, an deren Beginn die neue Frage nach Gottes Willen stand. Was willst Du von uns, Gott?

Heute haben wir allen Grund danach zu fragen. Wir sind in einer Not. Und täglich fragen wir: Was haben wir falsch gemacht?

War es verkehrt, die Welt so weitgehend zu vernetzen, dass auch der sprichwörtliche Reissack, der in China umfällt, uns kümmern muss?

War es verkehrt in weltumspannender Arbeitsteilung große Teile der Produktion pharmazeutischer und medizinischer Artikel hierzulande dichtzumachen, um bei Bedarf in China einzukaufen?

War es verkehrt jedes Jahr zu Tausenden in die Welt zu reisen als Missionare der frohen Botschaft vom eigenen Wohlstand, die anderen den Weg ins gelobte Land nahelegte?

War es verkehrt in besinnungsloser Weise zu feiern, sei es in Ischgl oder Berlin, sei es in Arenal oder Frankfurt, und hemmungslos den Götzen Spaß und Fun zu huldigen, die uns das Virus zur pandemischen Verbreitung mit auf den Weg gaben?

War es verkehrt, den eigenen Wohlstand bis in schwindelnde Höhen voranzutreiben und dabei das Elend vieler in Kauf zu nehmen, die für Hungerlöhne und unter unbeschreiblichen Umständen für uns Fronarbeit leisten?

War es verkehrt, zum Shoppen mal eben zur Londoner Oxford Street fliegen oder gar den Big Apple und den Times Square als Revier für die Schnäppchen-Jagd zu nutzen?

Kann man machen. Wir leben in einer freien Gesellschaft. Dazu passen allerdings nicht die gesellschaftlichen Erregungszustände, die uns wechselnde Fieberkurven bescheren, wenn es mal wieder um die Globalisierung, die Digitalisierung, modernen Kolonialismus, Konsumrausch und ihre Folgen für das Klima geht.

Was denn jetzt? So oder so? Dies oder das? Die radikale Zuspitzung ist nicht das, was wir schätzen. Wir wissen alle, wir brauchen die Kompromisse. Sonst müsste man sich womöglich noch selbst an Bäume ketten, Straßen blockieren, Vegetarier werden und den wohnzimmerlichen Winter im Woll-Kokon verbringen.

Wir sind Meister im Sowohl-als-auch. Es soll jeder was kriegen, was ihn zufriedenstellt. So geht Kompromiss. Schwierig, wenn dazu die Ressourcen fehlen. Geschichten davon rücken uns auf die Pelle. Sie kommen uns buchstäblich näher und machen uns Angst.

Was ist denn, wenn die Intensivstationen voll sind und die Entscheidung getroffen werden muss, wer die Chance noch bekommt – der oder die?

Was ist denn, wenn es um die Verteilung der Impfstoffe in den nächsten Monaten geht? Erwarten wir nicht selbstverständlich, dass unsere Regierung uns mit erheblichem finanziellen Aufwand Kontingente sichert, die andere in ärmeren Verhältnissen nicht in der Lage sind zu zahlen?

Gut gebrüllt, Löwe! Es gäbe sicherlich noch mehr und ganz andere Schieflagen anzuprangern. Aber nichts würde dadurch besser.

Wir müssen nachdenken. Auch das gehört zur Buße und zu einem Buß- und Bettag. Wir müssen nachdenken darüber, wie wir morgen Leben wollen, in welcher Welt, auf welche Weise. Wir müssen nachdenken über den Maßstab unserer Entscheidungen und unseres Handelns. Suchen wir ihn nur bei uns und unseren Interessen? Was kann vor Dir und mir und zugleich vor allen anderen – es sind rund 7,8 Milliarden Menschen – bestehen?

Allein Lippenbekenntnisse reichen nicht mehr aus. Es brennt – nicht nur in Australien oder Kalifornien. Unsere Gesellschaften fallen auseinander, sehen wir auf uns, aber auch auf die Vereinigten Staaten von Amerika oder auf Frankreich.

Manches müssen wir anders machen. Ehrlicher und wahrhaftiger uns und anderen gegenüber. Als Christen können wir dabei wichtige Beiträge leisten. Und wir sollten das tun.

Angefangen beim Ton der Debatten auf der Straße oder der digitalen Plattform. Das Herabsetzende, das Destruktive, das Lieblose kann nicht unsere Sache sein, im Gegenteil. Aber auch im Prozess der Veränderungen, dass sie kommen und kommen müssen, wissen wir alle, auch können wir mitwirken und darauf achten, dass möglichst viele, am liebsten alle mitkommen können. Dass wir niemanden zurücklassen und auf dem Altar unserer „neuen“ Erkenntnisse opfern. Und in der Ungewissheit einer offenen Zukunft haben wir einen Maßstab, kennen wir ein Ziel, wissen wir Wege, die wir gehen können.

„Gerechtigkeit erhöht ein Volk; aber die Sünde ist der Leute Verderben“ [Spr 14,34], heißt es in einem Wort der Weisheit. Das Gegenüber ist Gott. Seine Gerechtigkeit ist der Maßstab. Sie triumphiert nicht über den anderen, sie geht ihm nach, sie sucht sein Bestes. Sie tut das, wofür uns Jesus immer wieder Beispiel ist. Sie verzeiht, sie richtet auf, sie heilt Wunden, sie gibt sich hin.

Sünde schafft das Gegenteil. Sünde, zugegeben das Wort hat für viele seinen Sinn verloren, Sünde heißt all das, die Gerechtigkeit, die bei Gott gilt, Gott selbst außer Acht zu lassen. Davor sind wir nicht gefeit. Darum rufen wir in jedem Gottesdienst: „Herr, erbarme dich!“ Das haben wir nötig. Darum bitten und dafür beten wir.

Von da her kommt uns der Impuls und die Kraft zu verändern, nicht einfach weiterzumachen, umzukehren. Das macht uns erst recht frei, das Rechte zu tun. Das muss ich lernen und üben. Am besten praktisch, wie Jesaja empfiehlt: „Lernet Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schafft den Waisen Recht, führet der Witwen Sache!“ [Jes 1,17]

Umkehr muss konkret werden. Ich laufe in die andere Richtung, gehe und stelle mich dem Falschen entgegen, ja, ich entgegne ihm.

Den neuen Weg zu gehen, das ist anspruchsvoll, manchmal sogar schwierig. Es hilft, dabei nicht allein zu sein, sich in einer Gruppe oder Gemeinschaft auf den Weg zu machen. Und es hilft einen Coach zu haben. Ich empfehle den Unaussprechlichen, den wir Gott nennen. Das Gespräch mit ihm. Daraus Vergewisserung und Ermutigung wachsen. Dieser Gott überlässt uns nicht unserem Schicksal. Er ist für uns da, und das auch in größter Finsternis. Auch das weiß der Prophet seinem Volk auszurichten. Bald werden auch wir es hören:

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Denn uns ist ein Kind geboren, Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des Herrn Zebaoth. [Jes 9,1.5-6]. 

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen