14. Sonntag nach Trinitatis

Text: Jes 12,1–6
Thema: Dankbar für das, was kommt
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Es sind unsichere Zeiten. Die Menschen schauen sich um. Sie sehen große Probleme auf sich kommen. Die Feinde ihres bisherigen Lebens, das so sicher und unbehelligt seinen Lauf genommen hatte. Krieg ist dabei, angesichts dessen sich manche einst getroffenen Entscheidungen wie offensichtliche Irrtümer ausnehmen. Auch die Natur sendet Botschaften, die irritieren. Sie reichen von historischer Hitze bis zu geradezu biblischen Sintfluten, von bedrohlicher Krankheit nicht zu reden. Und in all dem drängt Mangel heran, ein ungeahntes Gefühl. Nicht mehr Überfluss, sondern Mangel. Der trifft die Armen in besonderer Weise. Sie haben keine Rücklagen. Ihre Speisekammer enthält nur das, was in den nächsten Tagen gebraucht wird.

Es sind unsichere Zeiten. Die Frommen in Jerusalems Gassen sagen: „Gott zürnt.“ Gründe hätte er genug. Alle wissen das. Ja, jeder einzelne ist Teil des Problems, trägt dazu bei, verschärft es womöglich. Selbstverständlich fehlt es nicht an abwiegelnden Reaktionen, die an Szenen im Sandkasten oder Kinderzimmer erinnern: „Wieso ich?“ „Das war doch“ – schnell hat der Zeigefinger sein Ziel gefunden.

„Zu der Zeit wirst du sagen: Ich danke dir, Herr!“ [Jes 12,1]

Da hat einer angefangen zu singen. Wie bitte? Singen in dieser Situation? Ja, mitten in die Schilderungen von Bedrängnis und Schuld setzt Jesaja ein Lied. „Zu der Zeit“ [Jes 12,1] – wann wird das sein? So wie Jesaja das sieht, wird das sein, wenn der Messias kommt – dieses „Reis … aus dem Stamm Isais“ [Jes 11,1]. Dann werden die Verbannten heimkehren, da werden die in „die vier Enden der Erde“ Vertriebenen aus Israel und Juda von den vier Enden der Erde eingesammelt werden, indem Gott selbst eingreift.

Davon ist noch nichts zu sehen. Im Gegenteil. Jesaja stimmt ein Lied an, das, so könnten Böswillige sagen, an das Pfeifen im dunklen Wald erinnert. Und wenn? Was will denn der ausrichten, der nichts zu hoffen hat? Die Macht der Hoffnung ist groß. Allabendlich sehen wir, wie der Präsident der Ukraine in seiner Fernsehansprache seinen Landsleuten eine Zukunft verheißt, für die es sich lohnt, Leid und Schmerz auf sich zu nehmen.

In Jerusalem und all den kleinen Orten auf den Hügeln Judas und unten im Tal des Jordan, erlebt man, was es heißt, wenn Gott zürnt. Gott lässt das Unrecht nicht durchgehen. Er zürnt. Am Ende ist man dem Untergang geweiht. Das Königreich sinkt in den Staub, das Volk wird seiner Heimat beraubt. Nötiger denn je braucht es einen, der darüber hinausblickt. Bis zu diesem Tag „zu der Zeit“. Dann wird das Volk Gott loben, sich zu ihm bekennen und ihm danken.

„Du bist zornig gewesen über mich. Möge dein Zorn sich abkehren, dass du mich tröstest.“ [Jes 12,1]

Zorn und Dank, das passt nicht zusammen. Soll ich dem, der meiner zürnt, dafür dankbar sein? Anders gefragt: Soll das Kind, dessen Eltern auch mit ihm zürnen, nicht dankbar sein? Dass sie die Konflikte ausgehalten haben, ja, sie mit ihm gelebt haben und ihm darin auch Weisung und Richtung zu geben suchten. Wäre es besser gewesen, sie hätten zu allem „Ja und Amen“ gesagt, hätten nie Zorn geäußert und Strafe verhängt? Wird nicht der Tag kommen, da das Kind, erwachsen geworden, die Wohltat im Handeln seiner Eltern erkennen wird?

Nun, ein Vergnügen ist es nicht, mit dem Zorn des anderen zu leben. Kein Wunder, dass der Prophet das Volk singen lässt: „Möge dein Zorn sich abkehren, dass du mich tröstest.“ [Jes 12,1] Als kleines Kind haben wir zu weinen angefangen, wenn wir im Zorn der Eltern ihre Unzufriedenheit erkannten. Verzweiflung und Wut ließen uns schluchzen, bis wir kaum noch Luft bekamen. Wie gefangen waren wir und auf keinen Fall bereit, die Eltern an uns heranzulassen. Wir wussten, dass wir falsch gelegen hatten und waren denen gram, die es uns aufgezeigt hatten. Erst nach einer Weile, konnten wir den Trost von Mama oder Papa zulassen. Ihre ruhigen Worte, ihre Zuwendung nahmen uns den Stein vom Herzen, konnten die Enge in der Brust beseitigen. Genau das meint das hebräische Wort [n-ch-m], das hier mit „trösten“ wiedergegeben ist.

Für Jesaja ist klar, dass ist eine Bitte und eine Hoffnung für die Zukunft, „dass du mich tröstest“ [Jes 12,1]. Kann man sich für etwas bedanken, das erst noch geschehen wird? Ja, man kann. Vorausgesetzt, man vertraut.

„Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn Gott der Herr ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil. [Jes 12,2]

Man meint, zu spüren, wie sich der Sänger, das Volk Israel, wieder aufrichtet. Es hat sein Fundament wieder gefunden. Anders gesagt, das Bekenntnis zu Gott – „Gott ist mein Heil“ – weiß um seine Begründung – „ich bin sicher und fürchte mich nicht, denn Gott der Herr ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil.“

Jeder im alten Israel, der das Lied liest oder hört, kann damit eine Geschichte verbinden. Nicht nur eine persönliche, sondern eine, die er mit allen seines Volkes teilt. Es ist die Geschichte, an die er sich an jedem Sabbat erinnert, wenn er das ungesäuerte Brot mit dem Salz und den Bitterkräutern isst. Aber auch wenn sich alle zum Laubhüttenfest einfinden und den Weg des Volkes aus Ägypten heraus, durch die Wüste über den Jordan ins Gelobte Land erinnern. Wie Mose an den Felsen geschlagen hatte, und eine Quelle herausfloss. Alle konnten daraus trinken, ihren Durst stillen und so überleben. Dann führt die Wasserprozession zum Brunnen.

„Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Brunnen des Heils.“ [Jes 12,3] Hier ist die Quelle des Lebens. Dafür steht das lebendige Wasser. Das ist Gott selbst. Seine Liebe, die sich schenkt. Ohne ihn sind wir nichts, soviel wir auch haben mögen. Wer das erkennt, der lobt und dankt Gott.

„Und ihr werdet sagen zu der Zeit: Danket dem Herrn, rufet an seinen Namen! Machet kund unter den Völkern sein Tun, verkündiget, wie sein Name so hoch ist!“ [Jes 12,4]

Nun treten zu dem einen Sänger andere hinzu. Aus dem „Ich“ wird ein „Ihr“, oder besser noch ein „Wir“. Wie in einer der grandiosen Fugen Johann Sebastian Bachs oder Georg Friedrich Händels tritt eine Stimme zur anderen, um dasselbe Thema aufzugreifen.

„Lobsinget dem Herrn, denn er hat sich herrlich bewiesen. Solches sei kund in allen Landen!“ [Jes 12,5]

Das Lobgesang verbleibt nicht im Jerusalemer Tempel und nicht in unseren Gotteshäusern, er geht hinaus und ist zu hören „in allen Landen“. Auch da, wo Kummer und Leid eingezogen sind? Auch da! Auch da, wo die Hoffnung im Schwinden ist, und die Bedrängnis wächst? Auch da! Auch da, wo das Recht mit Füßen getreten wird und der Gewalt weichen musste? Auch da!

Nirgends ist die Hoffnung notwendiger als gerade dort! Dass Gott einzieht und da wohnt, wo die Tränen zu trocknen sind, wo Tod, Leid, Geschrei und Schmerz hausen. [vgl. Off, 21,4f.]

„Jauchze und rühme, die du wohnst auf Zion; denn der Heilige Israels ist groß bei dir!“ [Jes 12,6]

Jesaja zeigt uns, was Tagores Wort meint: „Glaube ist der Vogel, welcher singt, wenn die Nacht noch dunkel ist.“ Er zwitschert in den heller werden Tag hinein. Er singt die Zukunft herbei. Er nimmt vorweg, was kommen wird. Gut so!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.