9. Sonntag nach Trinitatis

Text: Phil 3,7–14

Thema: Glaubend das Leben wagen

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Phil 3,7-14 Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. 8 Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, auf dass ich Christus gewinne 9 und in ihm gefunden werde, dass ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz, sondern die durch den Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott kommt durch den Glauben. 10 Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleich gestaltet werden, 11 damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten. 12 Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich’s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin. 13 Meine Brüder und Schwestern, ich schätze mich selbst nicht so ein, dass ich’s ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist, 14 und jage nach dem vorgestreckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.

An Paulus scheiden sich die Geister. Er sei ein eifernder, religiöser Scharfmacher, sagen manche. Und wirklich, voller Eifer und Härte, verfolgt er Leute, die einerseits zur jüdischen Gemeinde gehören, und andererseits aber dem Nazarener huldigen, den sie Jesus Christus nennen. Für Paulus, der sich jetzt noch Saulus nennt, geht das nicht zusammen. Entweder, oder. Jude oder Nicht-Jude. Punkt. Dann aber bricht etwas in sein Leben ein, was eine tiefgehende Wende nach sich zieht. Ausgerechnet er wird entschiedener Anhänger dessen, den er für falsch hielt, wie auch die Leute, die ihm nachgingen. Aus Saulus wird Paulus. Der Eifer, mit dem er sich seiner Sache hingibt, ist kaum geringer als zuvor. So zu brennen, das scheint zu Paulus dazuzugehören. Manche sagen, diese Wendung habe ihn doch tiefgreifend verändert.

Bis zu dieser Wende war es ihm vor allem darum zu tun, „richtig“ zu sein, dem Gesetz zu folgen, der Weisung zu entsprechen. Darin war er richtig gut gewesen, so gut, dass er meinte, andere beurteilen zu können oder sogar zu müssen. Hier hatte sein Leben seinen Sinn und seinen Motor. Und jetzt das! Jetzt ist ihm das alles plötzlich nichts! Er will nicht mehr „seine Gerechtigkeit“. Die meinte er zu haben, indem er alles richtig machte. Kein Fehler und kein Tadel bei der Einhaltung der Gebote bzw. der Weisung! Ein echter Saubermann.

Ob das eine reizvolle Möglichkeit für unsereinen wäre, ich weiß nicht. So hoch sind religiöse Fragen derzeit nicht im Kurs.

Aber das Muster des Gedankens, das erkenne ich auch an anderer Stelle. Man muss eigentlich nur die „Gerechtigkeit“ durch den Begriff „Erfolg“ austauschen. Ist nicht das Mantra der Erfolgreichen, dass man dem alles unterzuordnen habe? Bis hin zu „der Zweck heiligt alle Mittel“. Nur keinen Fehler machen. Nichts sagen und nichts tun, nichts versäumen und nichts unterlassen, was den Erfolg beeinträchtigen könnte. Denn in dieser Welt ist nichts wichtiger als der Erfolg.

Dafür kann man schon mal rechts überholen, zwielichtige Geschäfte machen, sieben gerade sein lassen, es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen und die Moral den Träumern überlassen.

Ist da was dran, oder können wir das als reines Klischee abtun? Und wie sähe das aus, wenn wir an Stelle von „Gerechtigkeit“ oder „Erfolg“ den Begriff „positive Ökobilanz“ setzten?

Sie wissen, die Ökobilanz, das ist der Zusammenhang von Lebensführung und ökologischem Fußabdruck. Den hinterlässt man unweigerlich, wenn man lebt, sich bewegt, erst recht sich diverser Verkehrsmittel bedient, konsumiert und Müll produziert. Wie um alles in der Welt, soll da was Positives rauskommen. Ein SZ-Leser schreibt:

„Ich versuche ein moralisch richtiges Leben zu führen. Dazu gehören für mich Veganismus und das Bemühen, den ökologischen Fußabdruck so klein wie möglich zu halten.“ [SZ Magazin vom 25.02.2013] Was ist der tiefere Beweggrund, das fragt sich der Schreiber selbst und kommt zu dem Schluss: „Ich fühle mich besser, wenn ich mich so verhalte, frage mich aber manchmal: Liegt meinem Verhalten damit nicht doch ein selbstsüchtiger Antrieb zugrunde, der meiner Zufriedenheit dient und nicht meiner Umwelt?“

Wie auch immer, was Saulus und die beiden Beispiele gemeinsam haben, ist, dass sie zuerst und vor allem auf sich setzen. Dafür nehmen sie einiges in Kauf, nicht nur Rücksichtslosigkeit, sondern auch Verzicht.

Was macht Paulus anders als Saulus? Und springt da etwas für uns heraus? Etwas, was wir selbst versuchen und umsetzen könnten?

Immer noch streitet Paulus für die Sache Gottes und den rechten Glauben. Und er tut’s mit Eifer. Und doch hat sich etwas entscheidend verändert: Er setzt nun nicht weiter auf eigenes Tun und Stärke, sondern er verlässt sich darauf, dass Gott selbst wirkt, auch im Verborgenen. Diesem Gott will Paulus Raum geben und dazu ist er bereit, sich selbst weit zurückzunehmen – aber gerade das macht ihn groß. Denn Paulus weiß sich von dem Gott bewegt und ergriffen, der nicht mit Gewalt von oben herab seine Herrschaft erzwingt, sondern der scheinbar ohnmächtig den tödlichen Hochmut der Menschen durchleidet, – der aber gerade so dessen Lüge, Kraftlosigkeit und Verkehrtheit entlarvt und bezwingt. Jesus von Nazareth, der am Kreuz starb, den bezeugt Paulus nun als Christus, als den Messias und Retter der Welt. Als den auferstandenen Herrn.

Gut wir haben auch unseren Glauben. Manche, so kriege ich immer mal zu hören, gehen dem im Wald nach, andere kommen sogar zum Gottesdienst und bekennen dort laut und vernehmlich ihren Glauben. Aber das ist noch nicht das, worauf Paulus zielt.

Ziel seines Lebens sei es, so betont er, in Christus gefunden zu werden. Er will nicht auf die Gerechtigkeit setzen, die seinem gesetzeskonformen Tun und Lassen erwächst. Er will auf die Gerechtigkeit bauen, die ihm von Gott zukommt, die Gott ihm auf Grund seines Glaubens zurechnet. Paulus verlässt sich also darauf, dass ihm der Wert und die Größe seines Lebens von Gott zukommen, und so will er allein aus seinem Vertrauen darauf leben, dass Gott ihn liebt. Ohne doppelten Boden möchte er dies tun, also so, dass er die Grundlagen seines Lebens nicht zugleich und parallel absichert durch Vertrauen in eigene Leistung und in eigenes Vermögen.

Aus Glauben leben heißt demnach, nicht eigene Pläne zu entwerfen und dann eine Religion und einen Glauben in diese Lebenspläne mit einzuweben und mitzutragen oder ihn gar zu benutzen, um eigene Ziele religiös zu rechtfertigen und zu erhöhen. Aus Glauben Leben heißt vielmehr, den Glauben allem zugrunde zu legen, auf Gottes Wort zu hören und sich von ihm tragen und führen zu lassen, und dann zu entdecken, wohin Gottes Zuspruch und Anspruch führen.

Das ist es, was aus Saulus einen Paulus macht. Und das bringt eine Offenheit und Freiheit des Glaubens mit, wie sie einem Christen wohl anstehen.

Aber machen wir uns nichts vor. Der alte Adam schleicht sich auch immer wieder in ein solches Leben ein. Immer wieder gerät uns Göttliches und Menschliches und auch Allzu-Menschliches durcheinander. Immer setzen wir uns selbst und unseren Willen an die Stelle Gottes und schlagen so im Namen Gottes Christus ans Kreuz, immer wieder.

Und immer wieder müssen wir uns an die Reihenfolge erinnern lassen, um genau hinzuhören und Empfangende zu sein von Gottes Wort und Gaben.

Drei Grundzüge dieser neuen, christlichen Lebensweise nennt Paulus in seinem Brief an die Philipper: Leben aus Kraft der Auferstehung Jesu, Gemeinschaft mit seinem Leiden zu haben und so seinem Tode gleichgestaltet zu sein.

Bequem wird das nicht, glaubend das Leben wagen. „Leben im Kraftfeld der Auferstehung“ – das kann heißen: getrost sein im „Schatten des Todes“ (selbst im Schatten des vom religiösen Eifer gesäten Todes) und es heißt, auch angesichts des Todes aus Hoffnung leben und handeln zu können. „An seinem Leiden teilhaben“ – das drängt hin zu einem Leben, das sich verbunden weiß mit den Leidenden und Erniedrigten, mit den Gefangenen und Flüchtlingen. Und „seinem Tode gleichgestaltet zu sein“, das mahnt zur Vergebung, zum Mitleiden, zur Gewaltfreiheit und zur Bereitschaft einen Preis zu zahlen, wo diese Lebensweise einen solchen verlangt.

Glaubend das Leben wagen, das setzt den Glauben an die erste Stelle. „Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist, 14 und jage nach dem vorgestreckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.“ [3,13f.].

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Menü schließen