7. Sonntag nach Trinitatis

Text: 1. Kön 17,1–16
Thema: Gott sorgt für uns
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Am Horizont sind dunkle Wolken aufgezogen. Wie gewaltige Berge türmen sie sich auf. Aber die, die unten im Tal ihrer Arbeit nachgehen, haben dafür kein Auge. Ihre Aufmerksamkeit gilt dem, was unmittelbar vor ihnen liegt. Hier bückt sich ein Bettler und hebt auf, was andere unachtsam weggeworfen haben. Dort betrachtet sich eine Schöne im Spiegel, während der Reiche nebenan sein Geld zählt.

Aber einer ist da, der hat die Wolken gesehen und weiß, was kommen wird. Wenn er’s sagt, lachen die anderen: „Was verstehst du schon davon?“ Oder sie werden zornig: „Kümmere dich um deine Angelegenheiten und lass uns in Ruhe mit deinem Geschwätz.“ Schicksal eines Propheten. Er weiß, was andere nicht wissen oder nicht wissen wollen, weil er offen ist, seine Antennen auf den gerichtet hat, der über allem ist. Elia ist so einer. Jetzt steht er vor dem König. Im 17. Kapitel des 1. Buches der Könige hören wir davon.

Und es sprach Elia, der Tischbiter, aus Tischbe in Gilead zu Ahab: So wahr der Herr, der Gott Israels, lebt, vor dem ich stehe: Es soll diese Jahre weder Tau noch Regen kommen, ich sage es denn. [1. Kön 17,1]

Das sind die dunklen Wolken über dem Nordreich des 9. Jahrhunderts vor Christus. Eine Dürre steht bevor. Aber will das wissen, wer kümmert sich darum? Der König nicht. Bevor der Anstoß nehmen kann an diesem jungen Mann, der ungefragt gesprochen hatte, „kam das Wort des Herrn zu ihm: 3 Geh weg von hier und wende dich nach Osten und verbirg dich am Bach Krit, der zum Jordan fließt. 4 Und du sollst aus dem Bach trinken, und ich habe den Raben geboten, dass sie dich dort versorgen sollen. 5 Er aber ging hin und tat nach dem Wort des Herrn und setzte sich nieder am Bach Krit, der zum Jordan fließt. 6 Und die Raben brachten ihm Brot und Fleisch des Morgens und des Abends, und er trank aus dem Bach.“ [1. Kön 17,3-6]

Elia wird geführt und er folgt der Führung. Er macht die Erfahrung, dass er sich darauf verlassen kann, was ihm geboten und zugesagt wird. Und es geschah nach einiger Zeit, dass der Bach vertrocknete; denn es war kein Regen im Lande. [1. Kön 17,7]

Offenbar bewahrheitet sich, was der Prophet zuvor dem König des Nordreiches angekündigt hatte. Damit nicht genug. „Da kam das Wort des Herrn zu ihm: 9 Mach dich auf und geh nach Sarepta, das zu Sidon gehört, und bleibe dort; denn ich habe dort einer Witwe geboten, dass sie dich versorge.“ [1. Kön 17,8]

Das bedeutet das Exil für Elia, aber keineswegs Sicherheit. Denn Sarepta, das wir auch unter dem Namen „Zarpat“ kennen, gehört zur Herrschaft des Königs von Sidon, dessen Tochter Isebel inzwischen Ahabs Frau geworden ist. Als solche verschafft sie dem Baals-Kult ihres phönizischen Volkes auch im Nordreich Geltung. Der eine Gott Israels konkurriert mit den verschiedenen Gottheiten, die alle als Baal angesprochen werden. Und Elia wird zum wichtigsten Gegenspieler Isebels avancieren – aber das ist eine andere Geschichte, die übrigens Felix Mendelssohn-Bartholdy in seinem Oratorium „Elias“ großartig vertont hat.

Elia macht einmal mehr die Erfahrung, dass auf die Zusage seines Gottes Verlass ist. „Und er machte sich auf und ging nach Sarepta. Und als er an das Tor der Stadt kam, siehe, da war eine Witwe, die las Holz auf. Und er rief ihr zu und sprach: Hole mir ein wenig Wasser im Gefäß, dass ich trinke! 11 Und als sie hinging zu holen, rief er ihr nach und sprach: Bringe mir auch einen Bissen Brot mit! [1. Kön 17,10f.]

Ein Flüchtling, der Bestellungen aufgibt. Und noch dazu ein Mann, der die Versorgung durch eine Frau, eine Witwe überdies, einfordert. Sollte es nicht umgekehrt sein? Sollte nicht er ihr dienen und sie versorgen. Verkehrte Welt. Kein Wunder, dass die Angesprochene so reagiert. „Sie sprach: So wahr der Herr, dein Gott, lebt: Ich habe nichts Gebackenes, nur eine Handvoll Mehl im Topf und ein wenig Öl im Krug. Und siehe, ich habe ein Scheit Holz oder zwei aufgelesen und gehe heim und will’s mir und meinem Sohn zubereiten, dass wir essen – und sterben. [1. Kön 17,12]

Längst hat die Dürre offenbar Mangel und Not hervorgebracht. Nicht erst seit letzter Woche, aber seitdem steht uns unabweislich vor Augen, dass auch Regen Mangel, Not und Tod mit sich bringen kann. Und auch da hat es an Ansagen nicht gefehlt angesichts drohender dunkler Wolken am Horizont.

Nun sieht diese Frau für sich und ihren Sohn keine Zukunft mehr, wie soll sie dem eine geben, der als Fremder vor ihr steht?

Elia sprach zu ihr: Fürchte dich nicht! Geh hin und mach’s, wie du gesagt hast. Doch mache zuerst mir etwas Gebackenes davon und bringe mir’s heraus; dir aber und deinem Sohn sollst du danach auch etwas backen. [1. Kön 17,13]

Sonst noch Wünsche? mag sich die Angesprochene gedacht haben. Setzt sich noch vor meinen Sohn und mich, statt sich hintenanzustellen. Wo kommen wir denn da hin? Und außerdem habe ich selbst fast nichts mehr. Wie soll das jetzt für drei reichen, was schon für zwei zu wenig ist? Sie wundert sich und hört den Fremden sagen: „Denn so spricht der Herr, der Gott Israels: Das Mehl im Topf soll nicht verzehrt werden, und dem Ölkrug soll nichts mangeln bis auf den Tag, an dem der Herr regnen lassen wird auf Erden.“ [1. Kön 17,14]

Ist das nicht ein bisschen viel verlangt. Jetzt soll sie, die die Gottheiten ihres Volkes verehrt, auf den Gott Israels hören, auf den einen, über den Isebels Propheten sich lustig machen. Und sie soll sich dessen Fürsorge anvertrauen, wo die eigenen Gottheiten sich als taub oder, daran wagt sie wohl kaum zu denken, ohnmächtig herausgestellt haben? Ist es Elias Überzeugungskraft oder führt hier ein anderer Regie? „Sie ging hin und tat, wie Elia gesagt hatte. Und er aß und sie auch und ihr Sohn Tag um Tag.“ [1. Kön 17,15]

Und, oh Wunder, „das Mehl im Topf wurde nicht verzehrt, und dem Ölkrug mangelte nichts nach dem Wort des Herrn, das er geredet hatte durch Elia.“ [1. Kön 17,16]

Gott, dieser Gott, der Gott Israels, erweist sich als der Treue und Zuverlässige. Wer sich auf ihn verlässt, ist nicht verlassen. Anlass daran zu zweifeln, werden diese Witwe aber auch Elia selbst noch haben. Und uns geht’s damit womöglich nicht anders. Sind denn die Gemeinden im Ahrtal, an Rur (ohne „h“) und Erft Sodom und Gomorrha? Gibt’s dort niemanden, der auf Gott vertraut hat und ihm treu gewesen ist? Wieso trifft es die Menschen dort so hart und unerbittlich? Dann steht die Frage im Raum: „Wie kann Gott so etwas zulassen?“

Als die Truppen Assurs später die Stadt Sarpeta/Zarpat einnehmen, plündern und dem Erdboden gleichmachen, als dort kein Stein auf dem anderen bleibt, werden sie ähnlich gefragt haben, während sie verzweifelt auf das Unheil und die Trümmer sahen.

Paolo Coelho lässt den Propheten sagen: „Ich begreife deine Ratschlüsse nicht. Ich sehe keine Gerechtigkeit in Deinem Handeln. Ich kann das Leiden, das Du mir auferlegt hast, nicht ertragen. Entferne Dich aus meinem Leben, denn auch ich bin nur noch Trümmer, Feuer und Staub.“ [Paolo Coelho, Der fünfte Berg. Zürich 1998, S. 158]

Enttäuscht, der eigenen Ohnmacht begegnend, wendet sich der Mensch von Gott ab, ahnt vielleicht, dass er ohne ihn keine Zukunft haben wird, weil er angewiesen ist auf Gnade und Barmherzigkeit, ja, auf den Trost des Höchsten. Am Ende gilt das für Sarpeta, wie auch für die Orte, die das Hochwasser verwüstet hat, aus deren Mitte Menschen in den Tod gerissen wurden.

„Elia sah nach Akbar (Sarpeta) hinüber und erinnerte sich an das Gespräch mit dem Engel. Das Unabwendbare geschieht immer. ‚Man braucht Disziplin und Geduld, um es zu überwinden.‘ ‚Und Hoffnung. Ohne sie gibt man den Kampf gegen das Unmögliche lieber gleich auf.‘“ [Paolo Coelho, Der fünfte Berg. Zürich 1998, S. 169]

In tiefer Not, in unendlich erscheinender Ausweglosigkeit steht uns Gott zur Seite, der Gott, der uns in Jesus Christus begegnet und mit seiner Liebe unsere Wunden geheilt hat. Darauf vertrauen wir. „Denn so spricht der Herr, der Gott Israels: Das Mehl im Topf soll nicht verzehrt werden, und dem Ölkrug soll nichts mangeln bis auf den Tag, an dem der Herr regnen lassen wird auf Erden.“ [1. Kön 17,14]

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.