Ostermontag
Text: Jona 2,1-11
Thema: Es ist nie zu spät
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Ich lese den Predigttext aus dem Buch des Propheten Jona, dort im 2. Kapitel die Verse 1-11:

Jona 2,1 Aber der Herr ließ einen großen Fisch kommen, Jona zu verschlingen. Und Jona war im Leibe des Fisches drei Tage und drei Nächte. 2 Und Jona betete zu dem Herrn, seinem Gott, im Leibe des Fisches 3 und sprach: Ich rief zu dem Herrn in meiner Angst, und er antwortete mir. Ich schrie aus dem Rachen des Todes, und du hörtest meine Stimme. 4 Du warfst mich in die Tiefe, mitten ins Meer, dass die Fluten mich umgaben. Alle deine Wogen und Wellen gingen über mich, 5 dass ich dachte, ich wäre von deinen Augen verstoßen, ich würde deinen heiligen Tempel nicht mehr sehen. 6 Wasser umgaben mich bis an die Kehle, die Tiefe umringte mich, Schilf bedeckte mein Haupt. 7 Ich sank hinunter zu der Berge Gründen, der Erde Riegel schlossen sich hinter mir ewiglich. Aber du hast mein Leben aus dem Verderben geführt, Herr, mein Gott! 8 Als meine Seele in mir verzagte, gedachte ich an den Herrn, und mein Gebet kam zu dir in deinen heiligen Tempel. 9 Die sich halten an das Nichtige, verlassen ihre Gnade. 10 Ich aber will mit Dank dir Opfer bringen. Meine Gelübde will ich erfüllen. Hilfe ist bei dem Herrn. 11 Und der Herr sprach zu dem Fisch, und der spie Jona aus ans Land.

Normalerweise endet der Fisch in meinem Bauch und nicht umgekehrt. Aber was heißt schon „normalerweise“?  Drei Tage sitzt Jona jetzt im Bauch eines großen Fisches. Was sage ich, „sitzt“? Ich weiß nicht, ob man da überhaupt sitzen kann. Vielleicht liegt er auch oder er kauert, um sich möglichst gegen die widrige Umgebung zu schützen. Schon den Geruch stelle ich mir als Herausforderung vor. Und das ist jetzt eine Nebensache. Drei Tage und drei Nächte. Nicht viel, wenn ich an Urlaub denke. Ziemlich lang, wenn es um einen Krankenhausaufenthalt geht. Ob man im Fischbauch überhaupt den Wechsel der Tageszeiten mitbekommt. Die Zeit wird lang. Jona erinnert sich an den Anfang der Geschichte. Wie aus dem Nichts trifft ihn da eine Ansage. „Es geschah das Wort des Herrn zu Jona“. Das kommt aus heiterem Himmel, ist mit einem Mal da. Vielleicht hast Du schon immer davon geträumt, wie es sein würde, wenn Gott Dir so unmittelbar begegnete. Vielleicht hast Du Dich schon mal danach gesehnt, so eine Ansage zu bekommen. Ganz ohne Umschweife. „Mach dich auf und geh in die große Stadt Ninive und predige wider sie“ [Jona 1,2]. Gut, das klingt jetzt nicht nach Vergnügungsreise, eher nach Himmelfahrtskommando. Unannehmlichkeiten sind vorhersehbar. Für Jona heißt das jetzt: Raus aus der Komfortzone!

Wir wissen, was er macht. Was machen wir denn, wenn uns so eine unverhoffte Ansage trifft? Wenn der Arzt die Blutzuckerwerte betrachtet und mit sorgenvoller Miene bemerkt: „Diät und Bewegung.“ Und wie reagieren wir, wenn es heißt: „Die Garage muss aufgeräumt werden.“ Und wir wissen ja, wie vollgestellt die ist und dass einen überall Spinnweben und Staub erwarten. Wenn dann die Zahl derer klein bleibt, die sich hier einfindet, wundern wir uns nicht. Auch nicht, wenn beim Busch- und Beettag oder beim Samstagsputz nur eine Handvoll Leute am Start sind.

Die andern, müssen an diesem Wochenende unbedingt zu den Schwiegereltern. Oder können nur just zu dieser Zeit einkaufen oder wollen wenigstens am Wochenende ihre Ruhe.

Jona wird auch hin und her überlegt haben. Wieso ich? Es gibt doch genügend andere? Muss ich mir das antun? Soll ich nicht lieber auf Durchzug schalten oder mich schlafend stellen? Wie auch immer, Jona haut ab. Nichts wie weg hier! Aus den Augen aus dem Sinn. Erst mal untertauchen. Den Rest kennen wir. Von wegen „eine Seefahrt ist lustig, eine Seefahrt ist schön“. Wäre es so, säße, läge oder kauerte dann an diesem finsteren, feuchten und fiesen Ort?

Klausur, könnte man das nennen. Eingeschlossen. Kein Entrinnen aber auch wenig Ablenkung. Kein Buch, keine Leselampe, kein Radio, nichts dergleichen. Was macht man da? Man denkt. Man legt in Gedanken die Wege der Vergangenheit zurück. Schaut nochmal drauf. Bemerkt den inneren Sinn, vielleicht sogar die Führung, und die Ausflüchte. Und dann bekommen alle Gedanken eine Richtung. Irgendwo müssen sie ja hin. Ein Therapeut ist nicht in Sicht, auch kein Beichtstuhl, es sei denn, der Bauch ist der Beichtstuhl. „Und Jona betete zu dem Herrn, seinem Gott, im Leibe des Fisches“ [Jona 2,2] Da hatte er noch vor kurzem größten Wert auf Abstand gelegt, „Du kannst mir mal“, hatte den Auftrag in den Wind geschlagen, und jetzt wendet er sich an den, dessen Wort er so gern überhört hatte. Frei heraus bekennt er: „Ich rief zu dem Herrn in meiner Angst…“ [Jona 2,3] O Jona, wir verstehen Dich gut! Uns geht’s doch genauso! Selbst Luther im Gewittersturm von Stotternheim, übrigens auch so einer, der mit sich rang, ob er sich nicht lieber in die Büsche schlagen sollte. Not lehrt beten. Vielleicht ein Grund, warum so viele es verlernt haben. Jona schildert betend seine Situation und wie es dazu kam: „Du warfst mich in die Tiefe, mitten ins Meer, dass die Fluten mich umgaben. Alle deine Wogen und Wellen gingen über mich,“ [Jona 2,4] Er weiß schon, wo die Geschichte ihren Anfang hat. Und er erinnert die Todesangst, die nicht allein den Umständen geschuldet ist, obwohl die für sich genommen schon genügten. Hinzu kommt, „ich dachte, ich wäre von deinen Augen verstoßen“ [Jona 2,5]. Schlimmer geht’s nimmer. Wenn erst einmal die Verbindung zur Quelle des Lebens gerissen ist. „Ich sank hinunter zu der Berge Gründen, der Erde Riegel schlossen sich hinter mir ewiglich.“ [Jona 2,7] Da unten, das weiß doch jedes Kind und Jona seitdem, ist das Reich des Todes. Das ist schlimmer als das Funkloch, das dein Handy wertlos macht. Das toppt jede Verbannung. Da unten bist Du von allen guten Geistern verlassen, bist in äußerster Beziehungslosigkeit gefangen. Tot.

„Als meine Seele in mir verzagte, gedachte ich an den Herrn, und mein Gebet kam zu dir in deinen heiligen Tempel.“ [Jona 2,8] Selbst jetzt, wo nichts mehr geht, hört Gott das Gebet des Verzweifelten. Das heißt: Es ist nie zu spät!

Jona ist umgekehrt. Er hat verstanden. Gott ist überall. Es ist unmöglich ihm zu entrinnen und es ist nicht zuträglich, es darauf anzulegen. „Ich aber will mit Dank dir Opfer bringen. Meine Gelübde will ich erfüllen. Hilfe ist bei dem Herrn.“ [Jona 2,10] Nach drei Tagen spuckt der Fisch ihn wieder aus.

Am Strand heißt es für Jona nicht „Krönchen richten“ und weiter. Er ist ein Verwandelter, so tief wie er geblickt hat. Den anderen, die davon noch weit entfernt sind, schreibt er ins Stammbuch: „Die sich halten an das Nichtige, verlassen ihre Gnade.“ [Jona 2,9] Das Wort hallt nach. „Die sich halten an das Nichtige, verlassen ihre Gnade.“ Sie geben aktiv, willentlich ihre Wohlfahrt auf. Sie „verlassen ihre Gnade“. Wer weiß, vielleicht verschlingt sie das Nichtige.

Was tun? Das Leben neu sortieren? Die Laufrichtung ändern? Der Auftrag an Jona steht immer noch im Raum. Den ist er durch seine Aktion nicht losgeworden. „Geh, Jona, geh.“ [Jona 1,2] Du schaffst das.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.