Miserikordias Domini
Text: Hes 34,1–2(3–9)10–16.31
Thema: Hirtenwahl
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Der Frühling ist da. Die eben noch unansehnlich sich in grauem Braun zeigenden Wiesen zeigen sich jetzt in sattem Grün. Sie erinnern uns an die Zeile aus Psalm 23 „Er weidet mich auf einer grünen Aue.“ Ja, dass nach dem langen Winter jetzt Knospen, Sprosse, Blätter und Blüten hervorkommen, das wirkt auf uns wie das Versprechen, dass das Leben neu wird, weil Gott das so will.

Als wir vor einigen Jahren in Ravenna waren, besuchten wir auch das Mausoleum der Galla Placidia. Die Decke und weite Teile des kleinen Raumes schmücken Mosaike. Beim Hinausgehen verabschiedet einen der gute Hirte. Er weidet seine Schafe und du bist eines davon. Und solltest Du Würdenträger sein, ein Amt inne- oder eine Aufgabe übernommen haben – und sei es die des Vaters oder der Mutter –, folge diesem guten Hirten, der dir ein Beispiel gibt.

Vorgestern bekam ich eine Nachricht von Gudrun Harder. Sie ließ mich wissen, dass sie in Worms angekommen sei. Auf den Weg dorthin hatte sie sich noch vor den Unbilden der Corona-Zeit mit einigen anderen aus der Gemeinde aufgemacht. Sie hatten den Weg, auf dem Martin Luther vor 500 Jahren unterwegs gewesen war, unter die Füße genommen. Am 16. April kam er damals in Worms an, wo die Granden des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation den Reichstag abhielten. An ihrer Spitze Kaiser Karl V.. Luther war vorgeladen. Am Nachmittag des 17. April 1521 steht der Mönch zum ersten Mal vor den Mächtigen des Reiches. Er fasst das Erlebte in einem Satz zusammen: „So ist nichts mehr hie gehandelt denn so viel: Sind die Bücher dein? Ja. Willtu sie widerrufen oder nicht? Nein. So heb dich!“ [D. Martin Luthers Werke. Briefwechsel 2. Bd., S. 296: Brief vom 28. April 1521 von Luther an Lucas Cranach]

Immerhin, es kommt am Tag darauf zu einer zweiten Begegnung mit dem Reichstag. Jetzt bekommt er immerhin Gelegenheit, seinem Ankläger Johann von Eck zu entgegnen. Es wird lateinisch gesprochen. Auf die abschließende Frage Ecks, ob er denn nun widerrufe, antwortet Luther: „… wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe überzeugt werde, denn weder dem Papst noch den Konzilien allein glaube ich, da es feststeht, dass sie öfter geirrt und sich selbst widersprochen haben, so bin ich durch die Stellen der heiligen Schrift, die ich angeführt habe, überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes. Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist. Gott helfe mir, Amen!“ [zit. n. Martin Brecht: Martin Luther. Sein Weg zur Reformation. Calwer, Stuttgart 1981, S. 445f.]

Drei Stichworte lassen aufhören – bestimmt auch damals: Schrift, Vernunftgründe, Gewissen. Damit kündigt der Mann aus Wittenberg den bisherigen Autoritäten – Kirche und Kaiser – die uneingeschränkte Loyalität.

Wie werden er und seine Zeitgenossen einen Text wie den aus dem 34. Kapitel des Propheten Hesekiel gehört haben?

Hes 34,1 Und des Herrn Wort geschah zu mir: 2 Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der Herr: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden?

Sieht er dort neben dem Kaiser nicht den wohlgenährten Kurfürsten Albrecht von Brandenburg sitzen, seines Zeichens Erzbischof von Mainz und Kanzler des Reiches? Neuerdings hat dieser noch das Amt des Erzbischofs von Magdeburg hinzuerworben und das mit Geldern aus dem Ablasshandel bezahlt. Alles andere ging nach Rom und war für den Bau des neuen Petersdomes bestimmt. Prunk und Pracht einerseits und geistliche Verwahrlosung andererseits hatte der Augustiner-Eremit Luther bei seiner Reise nach Rom wahrgenommen.

Uns sind derlei Phänomene nicht fremd. Dass Mächtige zuerst ihre Interessen befriedigen, das kennen wir und denken dabei vielleicht an die Familie und Günstlinge am Hofe eines Vladimir Putin, Recep Erdogan, Kim Jong-un oder Donald Trump. Aber es geht auch immer ein paar Nummern kleiner, wie die sogenannte „Masken-Affäre“ oder die Vorgänge um die Arbeiterwohlfahrt in Frankfurt gezeigt haben. An Hirten, die nur sich selbst weiden, die nur ihr Schäfchen ins Trockene bringen wollen, ihren eigenen Kopf zu retten versuchen, mangelt es nicht.

Und in der Kirche – sind das gute Hirten, denen Strukturen, Verwaltung und Finanzen wichtiger sind als Verkündigung und Seelsorge? Strecken wir den Zeigefinger nicht zu schnell von uns! Sind wir sicher, dass wir selbst als Hirtinnen und Hirten untadelige Arbeit leisten und dass wir uns nicht selbst weiden?

Ehe wir es uns versehen, sehen wir uns in nächster Nachbarschaft zu Hesekiel und denen, die er vor Augen hat. Aber das liegt 2500 Jahre zurück. Das Volk fristet ein trauriges Dasein an den Ufern von Euphrat und Tigris. Damalige Analysten, als solche könnten wir sie bezeichnen, geißeln als Propheten eine Politik und eine Gesellschaft, die vergessen hat, auf die Weisung des Herrn und auf das Wohlergehen aller zu achten. Das hat die Gesellschaft von innen heraus schwach und anfällig werden lassen. Selbst militärische Aufrüstung hat ihr Verderben nicht abwenden können.

Als Menschen im 21. Jahrhundert sehen wir in diesen Monaten, welche Mittel Wissenschaft, Medizin und Politik aufzuwenden vermögen, um unser aller Belagerung durch das Virus zu begegnen. Das ist gewaltig. Gleichzeitig sehen wir aber auch, dass es Schwachstellen gibt, die es dem Virus leicht machen, sich auszubreiten. Nicht selten ist es unser eigenes Verhalten, das ein Thema der Gegenwart – „me first“ – auf allen Ebenen zu variieren weiß. Aber auch über unser Verlangen nach geradezu vollkommener Sicherheit sollten wir einmal nachdenken, weil es in direkter Konkurrenz zu unserem Bedürfnis nach Freiheit steht. Und umgekehrt sollte es uns nachdenklich machen, dass das strikt vertretene Freiheitsbedürfnis manchmal in Konkurrenz zum Bedürfnis nach Sicherheit steht. Gibt es denn wirklich nur die Wahl zwischen der Pest einer alles lähmenden Organisation von Sicherheit und Verwaltung und der Cholera anarchischer Verhältnisse, die denen mit den größten Ellenbogen zupass kommen würden?

Hören wir auf den Propheten: 34,10 So spricht Gott der Herr: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen.

Der Prophet belässt es nicht bei seiner Diagnose. Er offeriert seinen Leuten eine mächtige Alternative.

34,11 Denn so spricht Gott der Herr: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen. 12 Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war. 13 Ich will sie aus den Völkern herausführen und aus den Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und wo immer sie wohnen im Lande. 14 Ich will sie auf die beste Weide führen, und auf den hohen Bergen in Israel sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels.

Punktgenau sprechen die Worte des Propheten in die Situation der Israeliten im Babylonischen Exil. Dort sind sie zerstreut. Dort empfinden sie ihr Leben trüb und finster. Sie sind als hätten sie sich verirrt. Von sich aus wissen sie den Weg nicht mehr. Manche sind dabei zu resignieren. Da sagt ihnen Hesekiel, dass Gott ihr Hirte werden will. Er wird sie führen, auf ihr Wohl und Wehe achten und in ihre Heimat zurückbringen. Selbst wenn bei vielen Erinnerungen und Kenntnisse verschüttet sein mögen, dass ihr Gott, der Gott Israels, sie aus den Fängen des Pharao befreit und sie in das Gelobte Land geführt hat, das wissen sie. Denn an jedem Sabbat erinnern sie sich daran, so wie wir uns an jedem Sonntag an die Barmherzigkeit Gottes erinnern, der in Christus alles auf sich genommen hat, was uns von ihm trennte, ja, der in Christus zu uns gekommen ist als der gute Hirte.

Hesekiel fährt fort: 34,15 Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der Herr. 16 Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist. […]

Offenbar ist es Hesekiel gelungen, eine Saite bei seinen Landsleuten zum Klingen zu bringen, die aus der Ankündigung des Kommenden eine Gewissheit für die Gegenwart werden lässt. Es ist ein tiefes Gottvertrauen. „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“ [Ps 23,1]. Die gegebenen Verhältnisse mögen dem Hohn sprechen, das darin liegende Gottvertrauen überwindet die Macht der Verhältnisse. Nicht nur um auszuhalten, was es auszuhalten gibt, sondern auch um im Sinne des guten Hirten Welt und Wirklichkeit zu gestalten.

Wir haben es gut, wir können auf Christus sehen, der seinen Kopf hingehalten hat, statt die Köpfe der anderen rollen zu lassen. Wir können auf Christus sehen, der an den Benachteiligten, den Witwen und Waisen, den Lahmen, Blinden, Tauben, den Aussätzigen und Abgehängten gezeigt hat, was es heißt ein guter Hirte zu sein.

34,31 Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der Herr. So heißt es bei Hesekiel. Jesus knüpft daran an. „Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe“ [Joh 10,11]. Was er uns vorlebt, will kein Rezept sein für eine bessere Welt, eher schon ein Konzept. Das fasst er in zwei Sätzen zusammen: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt“ [5. Mose 6,5]. Und: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ [3. Mose 19,18].

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.