Andacht zum Wochenspruch am Sonntag Lätare

„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ Joh. 12,24

Was Frucht bringen soll, muss in die Erde, das ist so, seit die Menschheit sesshaft wurde und von Sammlern und Jägern zu Selbstversorgern wurde. Aktuell sind die Bauern und Gärtner wieder mit der Vorbereitung der Ackerflächen beschäftigt, um unseren Bedarf an Gemüse und Getreide zu decken.  »Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt, er setzt seine Felder und Wiesen instand«, hat immer noch Gültigkeit – auch wenn die Rösslein längst durch riesige Hightech- Landmaschinen ersetzt sind.

Nun kommt so ein kleines Weizenkorn in die Erde, und nach ein paar Tagen beginnt in dem dunklen feuchten Milieu eine Verwandlung. Die feste Schale bricht auf und aus ihr drängt ein Keimling durch die Erdkruste ans Licht. Das ist der Beginn der Geschichte um unser täglich Brot.

Vom ersten Blättchen bis zur erntereifen Ähre dauert es beim Sommerweizen ca. 175 Tage, vom ursprünglichen Korn ist dann nichts mehr geblieben.                       

Zählt man die Körner einer Ähre, kommt man auf 40-50, und ein kluger Mensch hat ausgerechnet, dass man für ein 1kg Brot ca. 18.000 Körner braucht, diese wiegen 848 g, und wenn sie durch die Mühle gehen, erhält man daraus 670 g Mehl und – eine letzte Zahl – dafür muss etwas mehr als ein Quadratmeter Weizen abgemäht werden – für ein Brot. Mich haben diese Zahlen ziemlich beeindruckt.

Jesus hat in seinen Gleichnissen oft vom Korn oder den Samen gesprochen, wir kennen die Geschichte vom kleinen Senfkorn, aus dem ein großer Baum wird, in den die Vögel ihre Nester bauen, oder das Gleichnis vom Sämann – wenn die Saat auf guten Boden fällt, bringt sie reichlich Frucht.                                                                

Bei Markus 4.33-34 können wir lesen: Und durch viele solcher Gleichnisse sagte er ihnen das Wort, wie sie es zu hören vermochten. Und ohne Gleichnisse redete er nicht zu ihnen; aber wenn sie allein waren, legte er seinen Jüngern alles aus.                                                       

Jesus greift in diesen Geschichten Erfahrungen aus dem Alltag auf, damit kennen sich auch seine Zuhörer aus, waren es doch meist einfache Menschen – Handwerker, Bauern, Fischer, und diese alltäglichen Erfahrungen waren ihnen nicht fremd. Diese Geschichten sind Beispiele für gelingendes Leben und sie geben den Menschen Orientierung, was Gottes Wille ist. Mit diesen Geschichten zog er mit seinen Jüngern übers Land, und die Leute wollten ihn hören.

So auch in Jerusalem, viele empfingen ihn mit Hosianna-Rufen und huldigten ihn mit Palmzweigen, und die aus der Ferne gekommen waren, baten sogar um eine Audienz bei Jesus.                                                                                                                      

Doch es gab auch die, die ihm nicht wohlgesonnen waren: Pharisäer, die um ihren Einfluss fürchteten und sich darüber ärgerten wie „ ihm die Leute nachlaufen.“                                                                       

An diesem Punkt wechselt die Stimmung. Als die Jünger Jesus bitten, doch die Fremden zu empfangen, antwortet er ihnen nur, „ die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, so bleibt es allein, wenn es aber erstirbt, so bringt es viel Frucht.“

Mit diesen Worten kündigt Jesus sein Leiden und Sterben an. Er wird ganz unten sein, gefangen, alleine und er wird sterben. Ein kleines Weizenkorn wird so zum Bild für seinen Tod – aber dabei bleibt es nicht, es entsteht etwas Neues, etwas Neues durch Verwandlung – durch den Tod zu neuem Leben. Jesus verzichtet auf sein Leben, um uns ewiges Leben zu ermöglichen. Verstehen können ihn seine Jünger damals nicht. Warum geht er freiwillig diesen Weg, er weiß doch, wo das hinführt.

Und wir, können wir das verstehen, wo uns doch die Einschränkungen dieser Tage und mancher sich daraus ergebender Verzicht so schwer fällt?                                        

Mir fiel bei den Überlegungen zu dieser Andacht Maximilian Kolbe ein, der – inhaftiert in Ausschwitz – anstelle eines anderen Häftlings, der Frau und Kinder hatte, in den Hungerbunker ging, so wie Jesus den sicheren Tod vor Augen. Kolb und drei andere noch nicht Verhungerte wurden schließlich mit Giftspritzen umgebracht. Er hat sich geopfert für einen Familienvater, der glücklicherweise das Konzentrationslager überlebte.

Ich denke auch an die Ärzte / Ärztinnen und das Pflegepersonal auf den Intensivstationen, die sich aufopfernd um die schwer erkrankten Patienten kümmern, wohlwissend, wie gefährdet sie sind. Sie halten bis zur totalen Erschöpfung durch. Sie halten durch, sie halten nicht daran fest, dass ihr Arbeitsvertrag eine 40-Stundenwoche vorsieht. Hier verzichtet Personal auf eine geregelte Arbeitszeit, um für andere dazu sein. Woanders verzichten Kinder auf ihr Taschengeld, um einen bedürftigen Mitschüler nicht von der Ferienfreizeit auszuschließen. Ein pensionierter Lehrer hilft lernschwachen Kindern bei den Schulaufgaben. 

Die Ärzteschaft und ihr Pflegepersonal wären sicher auch lieber mit ihren Familien zusammen, die Kinder würden ihr Taschengeld vielleicht lieber für ihre persönlichen Wünsche ausgeben, und der pensionierte Lehrer hat vielleicht ein Hobby, das er jetzt erstmal auf Eis legt. Die Bereitschaft, anderen zu helfen, ihnen in der Not beizustehen, auch mal die eigenen Wünsche hinten anzustellen , das ist  Dienst an Jesus Christus und Jesus selbst spricht: „Wenn einer mir dient, wird der Vater ihn ehren.“
Amen                                                                                                        
Inge Reif

Herr Jesus Christus,

du hast dein Leben in den Tod gegeben und dich als Weizenkorn erwiesen, das in die Erde fällt und stirbt, als das Weizenkorn, das durch den Tod hindurch vielfältige Frucht bringt, die bleibt.

Wir leben davon, dass du dich für uns hingegeben hast.
Wir bitten dich, dass auch wir bereit werden unser Leben einzusetzen, es in Liebe zu verschwenden.                                                                                             
Wir bitten dich, dass wir füreinander da sind.                                                                 
Lass uns nicht damit zufrieden sein, dass es uns selbst gut geht und wir unser Auskommen haben.                                             
Hilf uns abzugeben: von unserem Reichtum, von unserer Zeit, von unserer Liebe.

Herr, steh uns bei mit deiner Macht, hilf uns, dass Verstand und Herz sich nicht voneinander trennen. Stärke uns den Geist des gegenseitigen Respekts, der Solidarität und der Sorge füreinander.

Hilf, dass wir uns innerlich nicht voneinander entfernen. Stärke in uns allen die Fantasie, um Wege zu finden, wie wir miteinander in Kontakt bleiben. Stärke in uns die Gewissheit, dass wir im Gebet durch dich miteinander verbunden sind.

Annette Rüb