Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres – 17.11.2019

Text: Hiob 14,1–6(7–12)13(14)15–17

Thema: Hiob und der gnädige Gott

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

An einem dieser grauen Novembertage mögen einem solche Gedanken kommen. Nicht ohne Grund, natürlich, sondern auf dem Hintergrund von Erfahrungen und Wahrnehmungen. Und die sind ernüchternd. Aber sie bleiben niemandem erspart. Auch die, die jetzt noch darüber hinweglächeln, werden damit zu tun bekommen. Verdichten sie sich, weil Krankheit, Trauer oder Gebrechen nicht mehr weichen wollen, wird daraus Klage. Klagend blickt Hiob auf sein Leben im Lichte seiner Verlusterfahrungen – und das sind einige: Erst der Besitz, dann die Kinder und schließlich noch die Gesundheit. Ein geplagter Mann. Ganz kurz fasst er zusammen, was es ist, dieses Leben:

„Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe“ [Hiob 14,1]. Die Lebenswartung seiner Zeit dürfte bei 30-60 Jahren gelegen haben. Heute sind es im Durchschnitt fast 79 Jahre für Männer und fast 84 Jahre für Frauen. Was uns alle verbindet, ist die Vergänglichkeit unseres Lebens. An anderer Stelle, beim Prediger, mündet der Befund in die Feststellung: „Alles ist eitel“ [Pred 1,2], will sagen vergänglich. Auch alles Mühen, alle Anstrengungen, um Ziele zu erreichen und Erfolg zu haben, unterliegt dieser Vergänglichkeit. Der Mensch „geht auf wie eine Blume und welkt, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht.“ [Hiob 14,2]

Seit Adams Tagen, seit der Vertreibung aus dem Paradies, ist das nach biblischer Lesart das Los des Menschen. „Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer!“ [Hiob 14,4] Also „sind seine Tage bestimmt“ und „steht die Zahl seiner Monde bei dir und du hast ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann“ [Hiob 14,5].

An der Endlichkeit, so Hiob, lässt sich nicht rütteln. Gott hat sie uns auferlegt. Das ist doch schlimm genug, argumentiert Hiob. Muss Gott nun auch noch des Menschen Taten bewerten und ihn seinen Zorn spüren lassen? Reicht es nicht unter dem Verdikt der Vergänglichkeit zu leben?

„So blicke doch weg von ihm [dem Menschen], damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut“ [Hiob 14,6].

Am liebsten bliebe Hiob unbeachtet, fristete sein befristetes Leben von Gott unbemerkt, um dann, wenn’s so sein soll, zu sterben. Stattdessen sieht er sich der Macht Gottes und seinem Zorn ausgesetzt. Warum auch das noch? Doch nicht etwa, weil Gott den endlichen und ihm unendlich unterlegenen Menschen zum Spielball seiner Macht macht? [vgl. Hiob 9]

Daran beißt sich Hiob fest. ‚Was kannst du, Gott, wirklich gegen mich vorbringen? Dass ich als Mensch meine problematischen Seiten habe, dass ich immer wieder Fehler mache? Das kann nicht dein Ernst sein! Wer unter den Menschenkindern macht das nicht? Das haftet unserer geschöpflichen Natur einfach an. Dass uns manchmal zweifelhafte Motive leiten. Dass wir unsere Konflikte nicht immer angemessen und aufrecht lösen. Dass wir das Böse oft nicht hellsichtiger erkennen und konsequenter meiden. Dass unsere Suchbewegungen uns bisweilen in die Sucht führen. Du, Gott, musst doch am besten wissen, wie fehlerhaft und schwach wir Menschen sind! Warum willst du nicht mehr zu dem stehen, was du unvollkommen gemacht hast? Warum wachst du mit Argusaugen über jeden unserer Schritte? Warum misst du uns mit einem Maß, dem wir niemals entsprechen können? Und warum schüchterst du uns ein durch Leid und Unheil? Doch nicht etwa, damit wir den nötigen Respekt vor dir lernen!?‘

Der Gott, den Hiob anspricht, ist ein verborgener, ein rätselhafter Gott. Manchmal, in äußerster Not, stellen wir uns Gott ähnlich vor. Verzweifelt rufen wir um Hilfe – vielleicht für das eigene Kind, das so schwer darniederliegt, vielleicht auch für uns selbst, weil wir nicht mehr ein noch aus wissen, vielleicht, weil uns der Sinn des Lebens abhandengekommen ist. Wo bist Du, Gott? Warum lässt Du mich so etwas erleben?

Dann erfüllt uns, ähnlich wie Hiob, eine tiefe Sehnsucht nach Gott, der seine Güte zeigt. Hiob findet ihn nur bei den Toten. Drum sehnt er sich nach der Ruhe der Toten, die solcher Beachtung entzogen sind: „Ach, dass du mich im Totenreich verwahren und verbergen wolltest, bis dein Zorn sich legt, und mir eine Frist setzen und dann an mich denken wolltest“ [Hiob 14,13] Sich nicht mehr bewähren müssen, nicht mehr dem Urteil des anderen ausgesetzt sein, wer kennt solche Sehnsucht nicht?, das wünscht sich der Vielgeplagte: „Du würdest rufen und ich dir antworten; es würde dich verlangen nach dem Werk deiner Hände. Dann würdest du meine Schritte zählen und nicht achtgeben auf meine Sünde. [Hiob 14,15f.] Und dann, das höchste der Gefühle: „Du würdest meine Übertretung in ein Bündlein versiegeln und meine Schuld übertünchen“ [Hiob 14,17]

Einfach akzeptiert zu sein, mit allen Macken und Mängeln, und sich nicht mehr rechtfertigen zu müssen, das ist es, was Hiob sich wünscht.

Aber alles das wird es erst im Tod geben, denkt Hiob. Und der ist das Ende. Ohne wenn und aber.

Ist er das? Wir sehen auf Christus und wir sehen in Christus Gott. Es ist der, den Hiob sich noch wünschen muss, voller Güte und Wohlwollen. Der uns, seine verlorenen Söhne und Töchter in die Arme schließt, wenn wir uns an ihn wenden. Und wir sehen, dass Gott in Christus mit uns in das Leid geht. An unserer Seite. Wie er mitleidet, das sehen wir am Kreuz. Und wie er sich den Bedingungen der Sterblichkeit, der Endlichkeit unterwirft, stirbt, um dann durch die Auferstehung das Tor zu einem neuen Leben aufzustoßen – auch für uns.

Nehmen wir das für uns auf, dann können wir mit einem Mal aus dem Hamsterrad unseres kurzen Lebens heraustreten und auf dessen Zumutungen sehen und mit Bonhoeffer bitten: Ach, Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen, das Heil, für das du uns bereitet hast. Wir wissen, dass Gott mit uns ist, und wir geborgen sind von guten Mächten.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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