Gottesdienst am Ostermorgen
Predigttext: Mk 16,1-8
Predigtthema: Geht hin und sagt seinen Jüngern
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Mk 16 (1) Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. (2) Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. (3) Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? (4) Und sie sahen hin und wurden gewahr, daß der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß. (5) Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich. (6) Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. (7) Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. (8) Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Ostern ist jedes Jahr gleich. Ostern ist jedes Jahr anders. Ja, die Osterbotschaft bleibt sich treu. Das ist gut. So vieles ändert sich. Aber die Botschaft von Ostern sie bleibt. Das Licht, das die Nacht vertreibt. Das Grün des Frühlings, das das Grau des Winters überwindet. Das Leben, das dem Tod nicht unterliegt, das im Gegenteil über den Tod triumphiert. Wir sagen das, obwohl wir allenthalben dem Tod begegnen. Er nimmt uns Menschen, die wir liebhaben. Er begrenzt uns und unsere Möglichkeiten. Er fordert seine Opfer im Krieg und im Verbrechen. Oft sind sie dieselben. „Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen“. In gewisser Weise ist der Tod ein Lebensbegleiter. Unser Leben gibt es nicht ohne Tod. Womöglich ist er der Treiber hinter aller Kultur, Forschung und Technik.

Nun finden die Frauen das Grab leer. „Geht doch gar nicht“, sagen die Skeptiker und verweisen auf die Gesetzmäßigkeiten der Natur. Für die Frauen hat der Befund auch nichts Befreiendes. Etwas verloren stehen sie da rum, denn der Grund ihres frühmorgendlichen Aufbruchs ist verschwunden. Ihr Gefühl, das Gefühl der Trauer, verliert in diesem Moment seinen Gegenstand, seine Richtung und seine Bestimmung. Es geht ins Leere.

Dass das Grab leer ist, das gehört weder zum Erwartbaren, noch gäbe es damit Erfahrung, die helfen könnte, damit umzugehen. Ich sehe sie entsetzt und etwas unschlüssig da stehen. Es braucht noch weitere Erfahrungen, die das Außergewöhnliche bekräftigen. Die Evangelien erzählen davon.

Davon erzählen, darauf kommt es in der Trauer an. Trauer, das ist die Bewältigung eines Ereignisses, das einem die Welt auf den Kopf gestellt hat. Wo hinterher nichts mehr ist wie zuvor. Wir haben viel zu trauern im Leben. Und oft drücken wir uns davor und ersetzen, überspielen und verdrängen, was uns trauern macht.

Auf’s Erzählen kommt es auch sonst im Leben der Menschen an. Kultur wird erzählt – Unkultur auch. Das erklärt den Streit um den Narrativ, wie man das heute nennt. Ist die Moskwa nach einem Brand im Sturm gesunken, was doch eher eine heldenhafte Erzählung ermöglicht, oder ist sie aufgrund eines Raketentreffers gesunken, was so gar nichts Heroisches hat.

Auf’s Erzählen kommt es an. Aus den Kinderzimmern wissen wir das, wie sehr gerade die Erzählung die Auffassung und das Verständnis von Welt und Wirklichkeit befördern und prägen. Den Menschen, die die biblischen Texte überliefert haben, war das auch ohne wissenschaftliche Grundlegung klar. Sie haben erzählt. Immer wieder. Nur darum sind ihre Darstellungen auf uns gekommen.

Wenn wir unsere Geschichte, damit meine ich die kollektive Geschichte, und wenn wir unsere Story, also unsere persönliche Geschichte, erzählen, halten wir sie wach und teilen sie mit anderen, laden ein, sie zu befragen oder gar sich zu eigen zu machen. Hierzulande stehen wir in der Gefahr, uns selbst zu vergessen, weil wir unsere Geschichten nicht mehr erzählen. Auf diese Weise verliert das Jetzt seinen Hintergrund und das Morgen seinen Halt.

Die Frauen am Grab bekommen den Auftrag zur Erzählung. „Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa“ [Mk 16,7]. Und all die anderen, die ihre Erfahrungen mit dem Auferstandenen machen, erzählen davon, so auch die Emmausjünger. Wir wären nicht hier, hätten sie alle geschwiegen und das Ereignis des Ostermorgens dem Vergessen überantwortet.

Nun trifft immer dieselbe Geschichte, vorausgesetzt, wir halten daran fest, auf unser Leben und die Umstände der Zeit. Darum ist jedes Ostern anders. Was uns umtreibt, bestimmt die Perspektive mit der wir die Texte, die Erzählungen, die Lieder hören.

In diesem Jahr kommen zu den üblichen Begleitumständen des Lebens, die den Betroffenen oft schon genug abverlangen, noch ganz andere, grundstürzende Ereignisse hinzu. Wir spüren, dass angesichts dessen die Welt sich wandelt und nicht mehr so sein wird, wie wir sie kannten.

Da sind die gigantischen Katastrophen, die wir auf den Klimawandel zurückführen. Wütende Waldbrände, die ganze Landstriche einäschern. Sintflutartige Regenereignisse, wie an der Ahr oder jüngst in Südafrika, denen Dürren von biblischen Ausmaßen gegenüberstehen, wie beispielsweise im lateinamerikanischen Pantanal.

Da ist immer noch die Pandemie, bei der wir wissen, dass der einen leicht andere folgen können, ja folgen werden. Wir mussten verstehen lernen, dass das nicht nur eine Frage der Gesundheit ist, sondern das ganze Leben betrifft. Die menschliche und gesellschaftliche Entwicklung, die Wirtschaft mit ihren weltweiten Lieferketten.

Und da ist, das alles verschärfend, der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine. Schlimmste Erinnerungen werden wach. Die Brutalität, das Maß an Unzivilisiertheit, die eiskalte Berechnung, die Menschenverachtung reißt uns rücksichtslos aus den lang gehegten Vorstellungen vom Frieden in der Welt. Die Geschichte vom „Wandel durch Handel“ nimmt uns nun niemand mehr ab.

Und Ostern? Kann man, darf man, soll man davon noch reden? Ja, gerade jetzt! Gerade angesichts der Logik des Terrors kommt der Erzählung vom leeren Grab besondere Bedeutung zu.

Als stärkstes Zeichen der Hoffnung. Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes. Als Hinweis auf die am Ende unausweichliche Machtlosigkeit der Mächtigen. Gott ist der Herr. Als Vergewisserung der Kraft, die dem Leben innewohnt. Das traditionelle Osterei kündet davon. Das leere Grab, die Geschichte von Ostern und ihre Erzählungen lassen uns wissen, dass Gott uns nicht aufgegeben hat. Das ermutigt uns, nicht aufzugeben, sondern den Spuren Jesu zu folgen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.