2. Sonntag nach Epiphanias

Text: Joh 2,1–11
Thema: Man sieht’s ihm gar nicht an
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

„Kleider machen Leute“, sagt man. In Gottfried Kellers gleichnamiger Novelle wird das eindrücklich beschrieben. Der Schneidergeselle Wenzel kommt, weil der Meister ihm den Lohn nicht zahlen kann, zu einem geradezu fürstlichen Gewand. Vielleicht erinnert der eine oder andere noch die Verfilmung durch Paul Verhoeven mit dem wunderbaren Hanns Lothar in der Titelrolle…

Um es kurz zu machen, aus dem Schneidergesellen Wenzel wird in den Augen der ahnungslosen Betrachter der Graf Strapinski. Kleider machen eben Leute. Auch wir haben verinnerlicht, dass die Art, wie wir uns kleiden und zurechtmachen, gewollt oder ungewollt eine Botschaft beinhaltet. Im Tierreich ist das selbstverständlich. Da signalisiert die schwarz-gelbe Musterung der Haut, dass der Feuersalamander giftig ist. Auch den Trugschluss macht man sich zunutze, denken Sie nur an das Pfauenauge, das mit seiner Zeichnung vorgibt, größer zu sein als es ist. Und nicht nur die Briten pflegen das Understatement, das gibt’s in der Tierwelt und bei uns auch.

Oft kann man vom äußeren Erscheinungsbild auf die Rolle einer Person schließen und damit auf ihre Bedeutung. Der Schornsteinfeger fällt uns ein, der in unseren Hightech-Zeiten immer noch viel schwärzer daherkommt, als es nötig wäre. Aber auch bei Braut und Bräutigam ist es doch meist ziemlich klar, wer diese Rolle spielt. Bei den anderen Hochzeitsgästen kann man das nicht unbedingt sagen. Klar haben sie sich alle Mühe gegeben, aber das klärt noch nicht die Rolle, die sie innehaben. Wer weiß, ob nicht unter den vielen eine ganz besondere Person ist? Wer weiß, ob diese Person jenseits dieser Feierlichkeit nicht noch größere Bedeutung erlangen wird?

Der junge Mann da, der Haare und Bart trägt wie die meisten jungen Männer seiner Zeit, wird der womöglich eines Tages der reichste Mann der Gegend sein? Oder der andere da, wird er demnächst noch als Händler groß rauskommen? Und der Unscheinbare dort, was wird man von ihm einst sagen? Wir schauen jetzt nach Kana. Johannes erzählt im 2. Kapitel seines Evangeliums:

2,1Und am dritten Tage war eine Hochzeit zu Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da. 2 Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen. 3 Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. 4 Jesus spricht zu ihr: Was habe ich mit dir zu schaffen, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. 5 Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut. 6 Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maß. 7 Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan. 8 Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt’s dem Speise-meister! Und sie brachten’s ihm. 9 Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und nicht wusste, woher er kam – die Diener aber wussten’s, die das Wasser geschöpft hatten –, ruft der Speisemeister den Bräutigam 10 und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie trunken sind, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten. 11 Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat. Es geschah zu Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.

Johannes erzählt die Geschichte von der Hochzeit in Kana noch ganz am Anfang seines Evangeliums. Sie wirkt wie eine erzählerische Ouvertüre für das, was noch kommt. Geografisch bewegen wir uns noch ganz in der Nähe von Nazareth. Von wegen „bewegen“, als wir im Frühjahr 2020 dort waren, standen wir fast nur im Stau, um uns danach in winzigen Straßen zu verfranzen. Kana. Heute eine Art Vorstadt von Nazareth. Aber daran ist Johannes nicht weiter gelegen. Er möchte gleich zu Beginn klarmachen, wer dieser Jesus ist. Denn man sieht’s ihm nicht an. Und doch ist er, wie wir an Weihnachten aus dem 1. Kapitel des Johannesevangeliums gehört haben, der fleischgewordene Wille Gottes. Sein Wort, das am Anfang bei ihm war – vor aller Zeit, und jetzt hier ist, mittendrin in unserem Leben. Wir tauchen ein in die Szenerie.

Die Hochzeitsgesellschaft genießt reichlich die guten Speisen und Wein dazu. Wer weiß, vielleicht wird auch hier musiziert, gesungen und getanzt. Das Leben ist schön, lasst es uns feiern! – Das ist es, was uns seit geraumer Zeit fehlt. Das pralle Leben und das lebt sich nun mal nicht distanziert. – Eine Hochzeit damals konnte gut und gerne sieben Tage in Anspruch nehmen. Ob Jesus, der auch zu den Gästen zählt, zusammen mit seinen Jüngern und seiner Mutter, ob er auch so lange dabeigeblieben ist. Wir wissen es nicht. Ein rauschendes und sicher auch berauschendes Fest. Das im Sinn, muss uns die Feststellung Gastgeber nicht wundern: Der Wein ist aus! Welche Verlegenheit! Man kann und will kein großes Aufsehen erregen. Was tun?

Da greift Maria ein, macht ihren Sohn auf den Missstand aufmerksam. Der reagiert unwirsch: „Was geht’s dich an, Frau, was ich tue?“ [Joh 2,4], um dann doch eine Begründung nachzuschieben: „Meine Stunde ist noch nicht gekommen“[ebd.]. Die lässt sich davon nicht beirren und for-dert das Personal auf zu tun, was Jesus sagen werde. Als wüsste sie, dass er handeln wird. Und tatsächlich erhalten die Bediensteten den Auftrag, die großen Wasserkrüge zu füllen, die im jüdischen Haushalt dazu da waren, das Wasser „zur Reinigung nach jüdischer Sitte“ [Joh 2,6] aufzunehmen. Die Leute tun, was er ihnen aufträgt. Damit handeln sie geradezu vorbildlich, denn so bereiten sie den Weg für … ja, die Lösung der Misere – das ist sozusagen die funktionale Seite, und … das Fest, das das Leben feiert, das ist der tiefere Sinn des Geschehens.

Nun sind die Krüge voll. Der nächste Satz verrät aber nun gar nichts über das, was geschieht. „Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt’s dem Speisemeister!“ [Joh 2,8] Und als sie das ausführen, und der Speisemeister, wie es seine Aufgabe ist, kostet, was sie ihm bringen, da stellt er fest, es ist Wein. Und der ist so gut, dass sich der Speisemeister an den Bräutigam wendet und sich beschwert: „Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie betrunken werden, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückbehalten.“ [Joh 2,10]

So sind wir. Erst ist nichts und wenn was ist, gibt’s was zu kritisieren. Ist ja derzeit auch nicht anders, wenn wir an die Impfmittel denken…

Hier in Kana bleiben Details außen vor. Es wird keinen Untersuchungsausschuss geben. Aber was uns hier wie jammern auf hohem Niveau anmutet, dient in der Geschichte zur Bestätigung einer kaum nachvollziehbaren Realität. Was der Speisemeister den Gästen ausschenkt, sieht nicht nur so aus und riecht nicht nur wie Wein, es ist Wein und ein guter noch dazu! Das Ergebnis zählt. Aus Wasser wird Wein. Und das geschieht zwischen der Beauftragung der Bediensteten, die Wasserkrüge zu füllen, und der Aufforderung „Schöpft nun“ [Joh 2,8]. Wenn hier einer der Anwesenden die Finger im Spiel hat, dann ist es der junge Mann, den alle als den Sohn Marias kennen. Jedem ist klar, dass das Fest seinen Fortgang nehmen kann, ist IHM zu verdanken. Man sieht’s ihm gar nicht an, können die Gäste einander zuraunen. Aber unter ihnen dürfte jetzt auch klar sein, dass der junge Mann mehr ist als nur Marias Sohn.

Und wie es sich für eine hier erzählerische Ouvertüre ziemt, klingt in ihr schon das große Thema an: Dieser ist Gottes Sohn. Der, der von Anfang an war, der Logos, durch den alles wurde, was geworden ist. Der kann auch diese Hochzeit retten – und noch viel mehr!

Das wird sich noch zeigen. Hier sind wir am Beginn seines öffentlich wahrgenommenen Weges. „Christ, der Retter ist da“, hörten wir im Weihnachtslied. Das gilt jetzt, zeigt uns Johannes. Das gilt nicht nur für die Rettung einer Hochzeit, das gilt auch später, als es ums Ganze geht. Er gibt mehr, als er muss. Ja, dieser Überschuss des Guten, den er geltend macht, zeichnet ihn aus. Am Ende gibt er alles dran, was er hat, sein Leben – und besiegelt auf diese Weise den Willen Gottes: Er will, dass wir den Weg zum Leben finden. So sieht die „Gerechtigkeit Gottes“ aus – so gnädig, großzügig und barmherzig.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.