10. Sonntag nach Trinitatis

Text: Röm 11,25–32

Thema: Wir sind Geschwister

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Zu Beginn ist es ein Familienkrach. Einer, der sich gewaschen hat, allerdings. Und wie das so ist, kommen immer mehr Ereignisse zusammen, die die Unversöhnlichkeit der Beteiligten verstärken. Erst sind’s die einen, die den anderen das Leben schwer machen, dann lässt deren Antwort nicht auf sich warten und sorgt bei jenen für Kummer und Not. Und so geht es weiter.

Wohin so etwas führt, das kann man mit gebührendem Abstand zu den eigenen innerfamiliären Konfliktlinien im schönen Städtchen Runkel an der Lahn beobachten. Dessen malerische Kulisse mit den zwei Burgen verdankt sich einem unversöhnlich geführten Familienstreit. Die eine Seite hielt sich auf der Stammburg, die andere setzte eine Trutzburg gegenüber auf einen Hügel an der Lahn. Beide können sich auf lange Sicht nicht halten.

Wie ein Familienstreit beginnt auch der Konflikt zwischen den Juden, die sich fest und ausschließlich an die jüdische Tradition hielten, und den anderen, die in Jesus Christus den Messias erkannten und sich in der Folge taufen ließen.

Für die Außenstehenden war das, was sich daraufhin abspielte, ein Streit unter Juden. Als Paulus, der beide Seiten gut kennt, ja, sie mit Eifer vertreten hat, als Paulus durch die Lande zieht und das Evangelium von Jesus Christus predigt, wird aus der Randerscheinung immer mehr ein zentrales Problem, eines, das geradezu danach verlangt, Grenzen zu ziehen. Solchen Bedarf kennen wir heute vor allen Dingen aus dem politischen Raum, wo in Parteien ganz ähnlich die Frage beantwortet werden will, wer dazugehört/gehören darf und wer nicht. Meist endet das im Entweder-Oder. Und immer fühlt sich die eine Seite gegenüber der anderen im Recht und ohnehin überlegen.

Hören wir mal, was Paulus den Mitgliedern der kleinen christlichen Gemeinde von Rom schreibt, die ihrerseits im Konflikt mit der traditionellen jüdischen Gemeinde leben.

Römer 11,25 Ich will euch, Brüder und Schwestern, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet:

Genau diesem Überlegenheitsgefühl, das den Gegner im Streit herabsetzt, begegnet Paulus auch in Rom. „Die sind doch von gestern.“ „Wir haben begriffen, wer Jesus ist und was er für alle bedeutet.“ Sich selbst für klug zu halten, das ist eine Gefahr, die uns allenthalben auflauert.

Die Dinge werden relativiert, je mehr man tatsächlich weiß. Deshalb lüftet Paulus jetzt das heilsgeschichtliche Geheimnis. Er tut es als einer, der dem Ruf des Evangeliums gefolgt ist, sich zugleich seiner Herkunft in der jüdischen Welt bewusst ist. In seiner Perspektive bedeutet das: „Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, bis die volle Zahl der Heiden hinzugekommen ist. 26 Und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht (Jesaja 59,20; Jeremia 31,33): ‚Es wird kommen aus Zion der Erlöser; der wird abwenden alle Gottlosigkeit von Jakob. 27 Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.‘“ 

Die Wertung ist nicht zu überhören. Sie konnte leicht zum Einfalltor abwertender Gedanken, ja der Feindschaft werden. „Die Juden sind verstockt.“ Wir denken an den alten Luther, der ja seinen anfänglichen Respekt gegenüber dem erwählten Volk aufgegeben hatte, weil es sich nicht bekehren ließ und auf diese Weise den Fortgang der Heilsgeschichte zu blockieren schien. Da hat der alte Choleriker selbst den von ihm so sehr geschätzten Paulus übergangen. Der stellt fest: „28 Nach dem Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber nach der Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen.“

Ja, sagt der Apostel, wir erleben sie als Feinde der jungen christlichen Gemeinde. Ja, wir haben heftige Konflikte mit ihnen. Und ja, sie lassen sich nicht auf eine Nachfolge Jesu Christi ein. Und wenn wir uns streiten wie die Kesselflicker gilt trotzdem, nicht weil wir das so wollten, Gottes Zusage an sein Volk immer weiter. „29 Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen. 30 Denn wie ihr einst Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams, 31 so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen.“   

Gott bleibt sich also treu und deshalb bleibt seine Verheißung bestehen. Erstens. Und zweitens. Vor Gott sind alle ungehorsam. Die Christen und die Juden. Drittens. Den einen wie den anderen gilt Gottes Barmherzigkeit. „32 Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme“, schreibt Paulus. Beide sind auf diese Barmherzigkeit angewiesen. Das und der Ungehorsam verbindet sie. Und – dass ihr Gott ein und derselbe ist. Deshalb gehören sie in der Geschichte Gottes mit den Menschen zusammen. Sie sind Geschwister. Wir sind Geschwister, wir Christen und Juden. Wir sind Teil der großen Familie Gottes. Das ist auch ein Auftrag. Das Mindeste sagt die elterliche Aufforderung, die wie, wenn wir Geschwister haben, wohl alle schon gehört haben: „Vertragt euch!“ Aber nach allem, was geschehen ist, ist es auch an der Zeit, die Eigenständigkeit des andern, seine Besonderheit und die verbindende Zugehörigkeit zu sehen, anzuerkennen und zu genießen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.