Exaudi
Text: Joh 7,37–39
Thema: Lebendiger Glaube
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

In diesen Tagen fliegen Raketen zu hunderten gen Israel. Vielerorts verbringen dort die Leute Nacht für Nacht im Bunker. Trotzdem gibt es Verletzte und Tote. Dort, wo die Raketen ihren Weg begonnen haben, im Gaza-Streifen, detonieren seitdem die Bomben und Granaten der israelischen Armee. Schutzräume für die Bevölkerung scheint es nicht zu geben. Das Tunnelsystem dient dem Nachschub und der Durchführung neuer Angriffe. Familien, Alte und Kinder, stehen vor ihren zerstörten Häusern und beklagen viele Verletzte und Tote. Und es hört nicht auf, der Konflikt findet immer neue Nahrung. Raketen fliegen und Bomben fallen. Das Land und das Leben vieler Menschen werden verwüstet. Diese Erfahrungen bleiben. Hierzulande kommen die Erschütterungswellen von dort an. Sie münden in Protesten und Demonstrationen gegen den Staat Israel und, das ist unakzeptabel, gegen „die Juden“. Das fordert unseren Widerstand heraus.

Bei vielen auf allen Seiten gibt es eine tiefe Sehnsucht nach Frieden und gütlichem Auskommen. Wer kann sie stillen?

Im kollektiven Gedächtnis des Volkes lebt der endlos erscheinende Weg durch die Wüste fort. Glühend heiß bei Tage und klirrend kalt bei Nacht, eine Umgebung, in der nicht angepasstes Leben keine Chance hat, die den Menschen unterwegs die Kehle vertrocknen lässt und nur ein Wort und ein Gefühl hervorbringt: Durst! Hier und jetzt in der Wüste ist es ganz besonders der Durst nach Wasser. Aber das ist auch Sehnsucht nach geordneten Lebensmöglichkeiten, nach dem Ende einer andauernden Bedrohung. Im Durst zeigt sich die grundsätzliche Bedürftigkeit des Menschen. Wir brauchen mehr, als wir uns selbst geben können.

Welch Segen, als Mose auf ein Zeichen des Herrn hin am Berg Horeb seinen Stab gegen den Felsen schlägt, und endlich Wasser herausläuft und die Durstigen labt [2. Mos 17,6]. Daran erinnern nun die Priester am letzten Tag des herbstlichen Laubhüttenfestes in Jerusalem. Siebenmal ziehen in feierlicher Prozession mit frischem Quellwasser aus dem Siloahteich um den Altar im Tempel, als wollten sie den Höchsten daran erinnern, wie er sie geführt und bewahrt hatte. „Vergiss uns nicht!“ Auch jetzt braucht es das Wasser, damit es im nächsten Jahr eine Ernte geben kann. „Schick uns den Herbstregen!“

Die Menschen, die damals in Jerusalem feiern, haben eigene Wüstenerfahrungen im Sinn. Vielleicht gehört das Leben unter der römischen Besatzung dazu. Deren Steuern lasten auf dem Land und trocknen es aus.

Es ist nicht so, dass wir selbst keine Erfahrungen machten, die uns an einen Weg durch die Wüste erinnerten. Gerade jüngst in den Monaten der Kontaktbeschränkungen, des Lockdowns, einer fast unendlich erscheinenden Geschichte ungewohnter Entbehrungen. Und es ist nicht so, dass hier kein Murren zu vernehmen gewesen wäre. Ja, selbst das Manna, nun ganz prosaisch als finanzielle Zuwendung mit der Bazouka staatlichen Handelns verteilt, konnte die Gemüter nur kurz beruhigen. Der Durst nach einem unbeschwerten, von den Fesseln der Pandemie befreiten Lebens, blieb ungestillt.

Damals in Jerusalem richten sich die Hoffnungen der Frommen auf das Kommen des Messias. Dieser Gottessohn würde nicht nur das Land, sondern auch ihr Leben befreien. Er würde Recht und Gerechtigkeit in Kraft setzen und den Durst der Darbenden stillen. Die Massen sind in fiebriger Erregung. Es muss doch endlich mal so weit sein. Jesus und seine Begleitung spüren das am Ende des Laubhüttenfestes. Hier setzt der Predigttext aus Johannes 7 ein:

Joh 7,37 Aber am letzten, dem höchsten Tag des Festes trat Jesus auf und rief: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! 38 Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fließen. 39 Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn der Geist war noch nicht da; denn Jesus war noch nicht verherrlicht.

“Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!” [7,37] Wer kann so etwas sagen? Es ist eine Aussage, die über den, der sie macht, einiges verrät. In ihr bildet sich der Anspruch auf Vollmacht ab. So spricht der Messias. Es ist ein Wort für die, die durch die Wüste wandern. Das nächste allerdings überbietet die bisherige Aussage noch. “Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.” [7,38] Wer so glaubt, der wird selbst zur Quelle lebendigen Wassers. Das weckt Vorstellungen. Man stelle sich das vor: In einer der Wüsten des Lebens wandernd. Das Volk mit Mose unterwegs. Die Menschen im Jerusalem zur Zeit Jesu. Aber auch die, von denen Eingangs die Rede war, die den Krieg mitgemacht und bis zu seinem Ende überlebt hatten.

In ihrem Gepäck hat sich die Verzweiflung eingenistet. Sie macht müde und stumpf. Daneben ist der nackte Wille zu überleben. Manchmal äußert er sich rücksichtslos. Er macht nicht viel Federlesens. So sehen wir es in diesen Tagen auch. Geradezu unentrinnbar lastet Schuld auf den Seelen. Auch wenn man vermeidet darüber zu sprechen. Sie ist da und bedrückt viele. Die Wüste scheint nicht aufhören zu wollen.

Nun dieses Wort: “Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.” [7,38]

Wasser in der Wüste. Die Wüste wird verwandelt und fängt an zu blühen. Leben steht in ihr auf. Der Glaube schafft also die Möglichkeit zu leben. Was ist das für ein Glaube? Ist es das, wo ich sage, da kann ich zustimmen, das leuchtet mir ein? Ist es das, was ich mir gerne vorstelle und wünsche? Ich halte es für wahr, auch wenn manches dagegenspricht. Ist es diese Art Glaube? Würde diese Art „Glauben“ mit in der Wüste wirklich weiterhelfen?

Vielleicht legt Johannes deshalb Wert darauf, dass es nicht um irgendeinen Glauben gehen kann. Es heißt bei ihm: “Wer glaubt…, wie die Schrift sagt” [vgl. Joh7,38]. Damit ist dieser Glaube eingebunden in den großen Überlieferungszusammenhang der biblischen Schriften von den Vätern über die Propheten bis hin zum Messias. Das aber ist immer ein Glaube, der sich im Leben der Menschen bewährt. Er zeigt sich als tiefes Vertrauen darauf, dass Gott hilft, dass Gott rettet, dass Gott lebendig macht.

Dieser Glaube ist nicht irgendwas und irgendwie. Er wird anschaulich und lebendig in den Geschichten der biblischen Überlieferung. Sie erzählen von diesem Glauben und sie rufen ihn wach.

Was erlebt jemand, der sich darauf einlässt. Nun, er betritt gleichsam eine Hängebrücke. Auf ihr möchte er von einem Ufer zum anderen, von einer Wirklichkeit zur anderen gelangen. Er tut sich schwer, den festen Boden, auf dem er jetzt noch steht, zu verlassen. Kaum wagt er den Schritt auf die schwankenden Bohlen. Ängstlich, ungewiss bewegt er sich. Erst nach und nach lernt er die in der Brücke gehaltenen Schwingungen kennen und einschätzen. Es braucht einige Erfahrung, bis er sich sicheren Schrittes auf ihr bewegt und darauf vertrauen kann, dass sie trägt. Und sie trägt tatsächlich.

Wie kommen wir zu diesem Glauben? Wenn wir den Kommentar des Johannes in dieser Sache lesen, damit schließt er die Passage unseres Predigttextes ab, dann kommen wir gar nicht zu diesem Glauben, sondern der Glaube kommt zu uns.

So verstehe ich den Schlusssatz: “Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn der Geist war noch nicht da; denn Jesus war noch nicht verherrlicht.” [7,39] Der Glaube kommt zu uns und zwar durch Gottes Geist. Das haben wir bitter nötig, denn wir haben anders als die Jünger und Zeitgenossen Jesu nicht die Möglichkeit, IHN zu erleben, IHM beim Gang durch die Jerusalemer Altstadt so unmittelbar zu begegnen. Wir sind, wenn wir von Jesus hören und sprechen, auf Zeugen angewiesen. Deren Berichte und Darstellungen können wir nun glauben oder nicht. In jedem Fall wäre das wiederum jenes Für-wahr-Halten und nicht mehr.

Der Glaube, der lebendig macht, muss aber etwas anderes sein. Der muss einer Kraft gehorchen, die stärker ist als der Tod, stärker als der gewichtigste Einspruch gegen das Vertrauen überhaupt. Das kann keine Anstrengung leisten. Das ermöglicht keine Technik. Das lässt sich nicht erzeugen. Das geschieht. Das geschieht da, wo Gottes Geist es wirkt.

So verheißt Jesus seinen Jüngern und letztlich auch uns den Geist Gottes als die Kraft, die uns den Glauben schenkt, der aus Wüsten Gärten und der die Toten lebendig macht. Das feiern wir an Pfingsten – am nächsten Sonntag ist es so weit. Gottes Geist ist uns geschenkt.

Heute sehen wir auf die Verwüstungen in Israel und im Gaza-Gebiet. Sie erinnern uns vielleicht an die Trümmerwüsten der Welt am Ende des 2. Weltkrieges. Wer hätte gedacht, zu hoffen gewagt, dass und wie aus dieser Wüste der Ruinen neues Leben, menschliches, gesellschaftliches und wirtschaftliches Leben erstehen würde?

Dazu bedurfte es gewaltiger Anstrengungen und Kräfte. Irgendwie sind sie den Menschen zugekommen. Aus tiefen und unverschütteten Quellen haben sie geschöpft. Und etliche haben den beim Namen genannt, auf den sie ihre Hoffnung setzten. In der Präambel zum Grundgesetz vom 23. Mai 1949 heißt es:

„Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen, hat sich das Deutsche Volk kraft seiner erfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben.“

Dieses Grundgesetz schützt alle, die sich in diesem Staat dazu bekennen. Ganz gleich, welcher Religion sie angehören, ganz gleich, wo sie herkommen und wie sie aussehen, ganz gleich, was sie sonst noch denken.

Und der Glaube, der Glaube an Jesus Christus? Der wird weitergetragen von denen, die glauben. Und er wird den Durst derer, die in der Wüste wandeln, stillen. So sagt es der Herr: „Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fließen.“ [Joh 7,38]

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.