2. Sonntag nach Epiphanias

Text: 1. Kor 2,1–10
Thema: Was wissen wir schon
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

„Was weiß ich?“ kann die entnervte Reaktion auf lästige Nachfragen sein, oder die selbstkritische Frage dessen, der sich um Wissen bemüht hat. Das Bemühen hat angeblich zugenommen. Gab es zur Mitte des 17. Jahrhunderts eine Million Wissenschaftler, so ist deren Zahl allein zwischen 1950 und 2000 von 10 auf 100 Millionen angestiegen. Um die Quantifizierung des Wissens müht man sich seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Man rechnet damit, dass sich das Wissen alle fünf bis 12 Jahre verdoppelt, wenn’s nicht noch schneller geht. Aber wer misst so etwas? Und vor allem, wer weiß, was er da misst? Noch geht es dabei um die Menge des Wissens, nicht um die Güte. Am Ende steht womöglich Lothar Späths Diktum, Sie erinnern sich, das „Cleverle“, der einmal zusammenfassend feststellte: „Wir haben jetzt klare Verhältnisse, aber wir wissen noch nicht welche.“

Dass viel gewusst wird, die Erkenntnisse zunehmen – und wie! – können wir unter den Umständen der Pandemie beobachten. Die Wissenschaft erwirbt Wissen und teilt es mit uns. Auf der anderen Seite machen wir Im Blick auf Zukunft und Prognosen, die vom Wissen profitieren, immer wieder die Erfahrung, die Rüdiger Safranskis dreijähriger Neffe auf den Punkt gebracht hat: „Das weiß man nicht vor nachher.“

„Was weißt du schon?“ sagt sie und meint, dass das meiste für den anderen im Verborgenen liegt. „Jeder Idiot kann etwas wissen. Entscheidend ist das Verständnis.“ [Albert Einstein] Dann ist alles gut, wenn Wissen zur Weisheit reift? Oder doch nicht? „Was weißt du schon?“ werden sie auch in Korinth Paulus entgegengehalten haben. In der pulsierenden Hafenstadt, werden nicht nur Waren gehandelt, sondern auch Nachrichten und Wissen. Und nun kommt da eine so schiefe Gestalt und will von denen, die schon alles wissen, gehört werden. Kennt er etwa die Formel, die aus Unglück Glück, aus Krieg Frieden, aus Missernte reichen Ertrag, aus Verlorenheit Erlösung oder aus Tod Leben macht? Paulus steht auf dem Prüfstand. Kann er überzeugen? Im 1. Brief an die Korinther lesen wir zu Beginn des 2. Kapitels:

1. Kor 2,1 Auch ich, meine Brüder und Schwestern, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten oder hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu predigen. 2 Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, ihn, den Gekreuzigten. 3 Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern;

Das muss schrecklich für ihn gewesen sein: All die hohen Erwartungen, diese Gier nach triumphalen Beweisen und einfachen Lösungen, diese Lust an der Darstellung! “Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern;” [1. Kor 2,3] „Der hat uns noch gefehlt!“ „Was will uns so einer sagen?“ Aber Paulus bleibt bei seiner Linie. Er will nicht mit denen konkurrieren, die beredt und geschickt, mit sprühenden Ideen und heißen Theorien um die Gunst des Publikums buhlen. Das hat sich ohnehin auf die Verhältnisse eingestellt und sich pragmatisch eingerichtet, Hauptsache, morgens geht die Sonne auf und abends unter.

„Brauchen wir noch einen, der uns die Welt erklärt“, fragen S/sie sich, „oder das Leben?“ Bei manchen Zeitgenossen ist eine Müdigkeit, ja, ein Unwille gegenüber all dem Wissen bemerkbar, das die Dinge meist noch komplizierter macht oder erscheinen lässt. Andere sind fasziniert, sobald etwas Neues auf dem Markt ist. Dem laufen sie hinterher. Hauptsache mal was Anderes. Hauptsache keine Langeweile. Als ob die Antworten auf die Fragen von Leben und Tod sich am Unterhaltungswert messen ließen! Und immer wieder hört man: „Es kommt, wie es kommt.“ Fragt sich nur von wem?

Paulus sagt: „Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, ihn, den Gekreuzigten.“ [1. Kor 2,2] Das ist das, was wir heute „Markenkern“ nennen. Das ist aber auch das, was seine Rede von den Reden aller anderer unterscheidet. Im Mittelpunkt steht für ihn Jesus, der Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene.

4 und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten der Weisheit, sondern im Erweis des Geistes und der Kraft, 5 auf dass euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.

Wenn es einer richtet, wenn einer etwas Entscheidendes bewirkt auch in seiner Rede, dann ist das Gott. Es braucht den Verzicht auf alle Selbstgefälligkeit und ein tiefes Vertrauen darauf, dass Gott vollbringt, was kein Mensch zu vollbringen vermag.

Was ist da schon die Weisheit der Welt? Ihr haben sich, so sagt Paulus, die Mächtigen der Welt verschrieben. Sie machen sie selbst, indem sie den Leuten erklären, wie es zu sein hat – in ihrem Sinne. Das ist die Weisheit der Welt. Die kennen wir, weil wir selbst oft genug die Macht haben zu erklären, wie es zu sein hat. Als Kinder unsern Eltern gegenüber, als Eltern den Kindern; als Arbeitgeber den Arbeitnehmern und umgekehrt; als Bürger den Politikern und als Politiker den Bürgern. Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir den Rollentausch oft erleben dürfen. Das ist gut. Aber wir müssen erkennen, dass wir selbst auch jener Weisheit der Welt das Wort reden.

Das kann’s nicht sein, schreibt Paulus. Solche Weisheit ist wetterwendisch. Wenn Weisheit, dann die Weisheit Gottes!

6 Von Weisheit reden wir aber unter den Vollkommenen; doch nicht von einer Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen. 7 Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit.

Diese Weisheit bleibt denen verborgen, die Gottes Frage und Ruf nicht hören, weil sie sich vor allem um ihre eigenen Fragen und ihren Ruf kümmern. “Keiner von den Herrschern dieser Welt hat sie erkannt”, meint Paulus, „denn, wenn sie die erkannt hätten, hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt.“ [1. Kor 2,8]   

Selbst wer alle Mittel hat, sich Wissen und meinetwegen auch Weisheit zu beschaffen, wird Gott, das Geheimnis der Welt, nicht entschlüsseln. Niemand wird sich nehmen können, was allein Gott schenken kann. Die Tiefen der Gottheit erfasst man nur, wenn die Weisheit Gottes sich offenbart. Das liegt in keines Menschen Hand, das ist die freie Äußerung Gottes. Dann zitiert der Apostel aus dem Buch des Propheten Jesaja [64,3]: „…es ist gekommen, wie geschrieben steht: Was kein Menschenauge gesehen und kein Menschenohr gehört hat, und von keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.“  

Und wir denken an das Kind in der Krippe. Wir denken an Jesus, mit dem wir auch durch dieses Jahr, durch seine Krisen und Tiefen, aber auch über seine Höhen und Höhepunkte gehen. Dessen Kreuz uns in der Not und im Sterben vorsteht und daran erinnert, dass Gott uns zum Leben in Gemeinschaft mit ihm berufen hat.

Wie können wir das sagen? Wissen wir es, weil wir es selbst erkannt oder die Möglichkeit selbst geschaffen hätten? Nein, nichts dergleichen!

„Uns [aber] hat es Gott offenbart durch den Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen Gottes.“ [1. Kor 2,10].

In Rainer Maria Rilkes „Geschichten vom lieben Gott“ gibt es eine kleine Erzählung von Michelangelo. Er, der große Künstler, soll eine Statue schaffen, aber es fehlt ihm die Inspiration. So richtet er nach Rilke ein Gebet an Gott: „Mach mich zum Horchenden am Stein“. Michelangelo ist der, der die Steine belauscht, und der Gott bittet, zum Hörenden zu werden. Er muss hören, lauschen, was der Stein ihm sagt, muss hineinhören, was herauskommen soll.

So ist es mit der Weisheit Gottes. Sie ist dem Vordergründigen verborgen. Man muss sie erhören, erspüren, wo sie sich zeigt. Mach mich zum Horchenden an dir, Gott, so können und sollen wir beten und bitten. Zeig uns deine Weisheit, Gott.

Jesus, der Gekreuzigte, ist das Geheimnis und die Weisheit Gottes. Wer Gottes Geheimnis sucht, der muss in der einfachen Menschenwelt leben und es dort finden. Wer Gott sucht, wird ihn im Menschlichen, ja im allzu Menschlichen finden, oder er wird ihn gar nirgends finden. In den Tiefen und der Niedrigkeit des Menschseins, ja in der Gottesfinsternis der Welt spielt sich die Offenbarung Gottes ab.

Christus, der Gekreuzigte, trägt das Antlitz Gottes in der Gestalt der Welt. Und genau hier in der Welt, in der Alltagswelt, ist Gottes Geheimnis offenbar, hier ist Gott zu suchen und zu finden, hier zeigt er sich und seine Weisheit: im gekreuzigten Christus.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.