3. Advent

Text: Lk 3,3-14.18

Thema: Prediger in der Wüste

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Lukas begleitet uns bis Heilig Abend. Eben hörten wir Zacharias singen. Johannes, sein Sohn, ist geboren! Der Vater lobt Gott und erinnert an dessen Verheißungen. An Heilig Abend werden wir die vertraute Geschichte hören, die mit den Worten beginnt: „Es begab sich aber zu der Zeit…“ [Lk 2,1]. Daran schließen sich kurze Erzählungen zur Kindheit Jesu an, bevor Lukas erneut Johannes, den Täufer, in den Mittelpunkt rückt. Ich versuche, den Text, es sind die Verse 1-18 im dritten Kapitel des Lukas-Evangeliums, Zug um Zug kommentierend zu erklären.

„Im fünfzehnten Jahr der Herrschaft des Kaisers Tiberius, als Pontius Pilatus Statthalter in Judäa war und Herodes Landesfürst von Galiläa und sein Bruder Philippus Landesfürst von Ituräa und der Landschaft Trachonitis und Lysanias Landesfürst von Abilene, als Hannas und Kaiphas Hohepriester waren, da geschah das Wort Gottes zu Johannes, dem Sohn des Zacharias, in der Wüste“ [Lk 3,1-2].

Die zeitliche Einordnung scheint Lukas wichtig zu sein. Sie erlaubt zudem Rückschlüsse auf die Verhältnisse Palästina. Wenn Lukas` Zeitgenossen von Tiberius und Pontius Pilatus hören, wissen sie, dass das Land zum römischen Reich gehört und zudem von des Nachfolgern Herodes des Großen beherrscht wird. Pikant wirkt die Erwähnung der beiden Hohepriester. Das ist eine ungewöhnliche, eine Verlegenheit offenbarende Konstellation, denn eigentlich gibt es jeweils nur einen Hohepriester. Nun aber wirkt eine, Kaiphas, vom römischen Statthalter eingesetzt, neben dem anderen oder gegen den anderen, Hannas, der nach dem Gesetz der wahre Hohepriester ist. Es steht, das teilt sich den Zeitgenossen des Lukas mit, es steht nicht gut um Israel politisch und geistlich.

400 Jahre haben die Propheten geschwiegen. „Da geschah das Wort Gottes zu Johannes“ [Lk 3,2]. Die Formulierung spielt bewusst auf frühere Prophetenberufungen an.

„Und er kam in die ganze Gegend um den Jordan und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden“ [Lk 3,3].

Unten im Tal bewegt er sich. In der Wüste zwischen dem schmalen grünen Band das die Ufer des Jordan säumt und den steil ansteigenden Bergen Judäas. Und was hat er zu sagen? Er predigt „die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden“, als ob es im Gefolge der Thora nicht genug Waschungen und Reinigungsbäder gäbe. Wenn er tauft, taucht er den Täufling ganz unter, als wolle er sagen, dass die Reinigung des ganzen Menschen erforderlich ist. Wer sich also so taufen lässt, der gesteht seine Unreinheit ein und ist damit auf dem besten Weg zur Buße.

Und die ist angezeigt, weil sich Großes ankündigt, wie es der Prophet Jesaja gesagt hat: „wie geschrieben steht im Buch der Worte des Propheten Jesaja (Jesaja 40,3-5): ‚Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, macht seine Steige eben! 5 Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden; und was krumm ist, soll gerade werden, und was uneben ist, soll ebener Weg werden, 6 und alles Fleisch wird das Heil Gottes sehen‘“ [Lk 3,4-6].

Die Unruhe, die die Menschen dieser Zeit erfasst hat, lässt tatsächlich etliche den einsamen Rufer in der Wüste aufsuchen, vermutlich in der Hoffnung, dass seine Worte Orientierung geben können und seine Taufhandlung der inneren Unruhe ein Ende machen kann. Aber was müssen sie sich anhören!

„Da sprach Johannes zu der Menge, die hinausging, um sich von ihm taufen zu lassen: Ihr Otterngezücht, wer hat euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet“ [Lk 3,7]?

Würden wir uns so etwas bieten lassen? Gilt nicht die Schlange seit dem Geschehen im Paradies als Inbegriff des Bösen? „Ihr seid im Bund mit dem Bösen“, sagt der Prediger seinen Zuhörern. Hat er recht? Und umgekehrt: Merkt man an deren Leben, dass sie ihrerseits den Bund halten, den Gott mit ihnen geschlossen hat? Und ist ihr Stolz auf ihre Abstammung und auf die Zugehörigkeit zum auserwählten Volk der Kinder Abrahams gerechtfertigt?

„Seht zu, bringt rechtschaffene Früchte der Buße;“ sagt Johannes, „und nehmt euch nicht vor zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken“ [Lk 3,8].

Übertragen auf uns: Leben wir als Getaufte in dem Bund, den Gott mit uns geschlossen hat, mit jedem von uns, der auf seinen Namen getauft wurde? Ein bisschen schon. So gut wir können, aber nicht wirklich konsequent. Ob das reicht, wenn wir vor Gott stehen? So unverhofft, wie in der Weihnacht die Hirten?

Es ist eine Zeit der Entscheidung gekommen, das vermittelt der Täufer seinen Hörern. Und sie ist knapp. Denn: „Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen“ [Lk 3,10].

Die Sprache verstehen sie. Es ist die Sprache des Gerichts am Ende der Zeit. Wer jetzt auf’s falsche Pferd setzt, hat verloren.

Sind uns solche Gedanken fremd? Vielleicht sind sie das im Zusammenhang mit unserem Glauben, weil der für uns doch eher die Bedeutung hat, uns zu bestätigen und uns Sicherheit zu geben. Aber dass derselbe Glaube uns zugleich kritisch hinterfragt, damit verunsichert und uns schließlich noch zu einem klaren Bekenntnis herausfordert, das entspricht nicht unbedingt unseren Erwartungen.

Aber wir kennen derlei Entscheidungssituationen. Da müssen wir Farbe bekennen und, das ist nicht auszuschließen, am Ende womöglich Nachteile in Kauf nehmen. So kommt’s, dass wir zum Partner stehen, wie die Frauen der Berliner Rosenstraße, die es wagen, 1943 lauthals für die Freilassung ihrer jüdischen Männer zu demonstrieren, zum Kind, auch wenn das mal keinen Anlass zur Freude gibt, zur Überzeugung, die nicht den Beifall der Anwesenden findet. Das kennen und können wir. Grundsätzlich.

Aber Johannes ruft zur Entscheidung, denn jetzt gilt’s. Angesichts der Tatsache, dass der Messias kommt, heißt es sich entscheiden. Bin ich bereit für IHN? Muss ich in mir noch krumme Wege begradigen? Klar werden? Folgerichtig?

10 Und die Menge fragte ihn und sprach: Was sollen wir nun tun? 11 Er antwortete aber und sprach zu ihnen: Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer Speise hat, tue ebenso. 12 Es kamen aber auch Zöllner, um sich taufen zu lassen, und sprachen zu ihm: Meister, was sollen denn wir tun? 13 Er sprach zu ihnen: Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist! 14 Da fragten ihn auch Soldaten und sprachen: Was sollen denn wir tun? Und er sprach zu ihnen: Tut niemandem Gewalt noch Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold!

Man meint Jesus sprechen zu hören. So ähnlich geht’s den Zuhörern des Johannes. Aber der klärt auf.

Als aber das Volk voll Erwartung war und alle dachten in ihren Herzen, ob Johannes vielleicht der Christus wäre, 16 antwortete Johannes und sprach zu allen: Ich taufe euch mit Wasser; es kommt aber der, der stärker ist als ich; ich bin nicht wert, dass ich ihm die Riemen seiner Schuhe löse; der wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen. 17 In seiner Hand ist die Worfschaufel, und er wird die Spreu vom Weizen trennen und den Weizen in seine Scheune sammeln, die Spreu aber wird er mit unauslöschlichem Feuer verbrennen. 18 Und mit vielem andern mehr ermahnte er das Volk und predigte ihm.

Das ist er also, der Täufer, der in Colmar auf dem Altarblatt des Isenheimer Altars von Matthias Grünewald seinen überlangen Zeigefinger auf den Gekreuzigten deuten lässt. Ein Prediger in der Wüste. Einer, der zur Entscheidung ruft und fragt: Wie hältst Du es mit Gott? Und einer, der deshalb auch in unseren Advent hinein die Frage stellt: Wie bereitest Du Dich vor? Wofür nimmst Du Dir Zeit? Was lässt Dein Verhältnis zu Deinem Gott deutlich werden?

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.