11. Sonntag nach Trinitatis – 15.8.2021

Text: Eph 2,4-10
Thema: Verdienstfragen
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Neulich fanden Olympische Spiele statt. Vielleicht haben Sie es bemerkt. War ja anders in diesem Jahr, als man das so kennt. Verschoben von 2020 auf 2021, vor Ort unter weitgehendem Ausschluss der Öffentlichkeit, außer für Funktionäre und Athletinnen nichts weiter als ein mediales Ereignis. Die Nachrichten kamen am Medaillenspiegel nicht vorbei. „Wir sind auf dem neunten Platz“. Schande oder Freude? Vergleiche werden angestrengt. Wie war’s früher? Wer hat enttäuscht, ist eingebrochen oder hinter den Erwartungen zurückgeblieben? Die Erwartungen waren hoch. „Deutschland hat Gold gewonnen“. Aber die „Hockey-Damen“ enttäuschen auf ganzer Linie. Aha. Eine klare Verteilung von Verantwortung und Verdiensten. Die Erfolge gehören uns, die Niederlagen sollen die anderen einstecken.

Der Mensch ist nun mal gerne stolz auf sich und auch großzügig darin, sich das Gute selbst zuzuschreiben. „Wir Deutschen“ machen das auch. Unvergessen die Schlagzeile einer Boulevardzeitung am 20. April 2005: „Wir sind Papst!“

Hatten wir dazu irgendetwas beigetragen? Hatten wir das verdient?

Nun tragen wir hier den Namen dessen, mit dem wir durch die Taufe verbunden sind. „Christen“ nennen wir uns, und, sofern uns das noch zu interessieren vermag, erwarten die Vergebung unserer Sünden und leben mit der Verheißung des ewigen Lebens.

Haben wir dazu irgendetwas beigetragen? Haben wir das verdient?

Und kann das, diese Zugehörigkeit zur Gemeinschaft Jesu Christi, uns einen Vorzug gegenüber anderen verschaffen, die ihr nicht angehören? Sind wir deshalb „richtig“ und die anderen sind „falsch“?

Wer aber einmal die Erfahrung gemacht hat, wie die Zugehörigkeit zur Gruppe der „Richtigen“ bzw. der „Falschen“ einen Keil zwischen die Menschen getrieben hat, weiß wie gefährlich solche Lagerbildung werden kann. Auf einmal gibt es nichts Verbindendes mehr zwischen Klimaschützern und Konsumenten, zwischen Protestanten und Katholiken, Rechtgläubigen und Ungläubigen, Geimpften und Nicht-Geimpften, diesen und jenen. Überall gibt’s die Schulterklopffer, die sich selbst auf dieselbe klopfen, weil sie stolz darauf sind zu den „Richtigen“ zu gehören, während die anderen – wenn nicht alle anderen – falschliegen.

Es ist nicht nur gefährlich, sondern auch höchst fragwürdig, wenn politische, ideologische oder religiöse Überzeugungen absolut gesetzt werden. Aus Schulterklopfern können dann schnell Scharfrichter werden.

Was ist aber dann mit der Wahrheit meiner eigenen religiösen Überzeugung? Ich halte nicht viel von den allgegenwärtigen Relativierungsbemühungen. Sie wirken wie Weichspüler der Gedanken. In unseren Redewendungen sind sie sehr präsent – „ein bisschen Frieden“ wünschte sich Nicole und viele mit ihr, aber das vermutlich auch nur „ein Stück weit“…

Wie kann ich aber „ein Stück weit“ Christ sein? Oder auch nur ein „bisschen“? Wie kann ich „relativ fest“ auf Gott vertrauen? Und wie kann ich „im Großen und Ganzen davon ausgehen“, dass Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist?

Und umgekehrt, wie kann ich als überzeugter Christ gegenüber Andersdenkenden oder -gläubigen tolerant sein? – Tolerant! Das ist nicht gleichgültig!

Im Brief an die Christen in Ephesus, da steht der Predigt-text zum heutigen 11. Sonntag nach Trinitatis im 2. Kapitel, leuchtet ein Gedanke auf, der mich sehr anspricht. Er steckt in einem arg langen Satz.

(4) Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, (5) auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht – aus Gnade seid ihr selig geworden -; (6) und er hat uns mit auferweckt und mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus, (7) damit er in den kommenden Zeiten erzeige den überschwenglichen Reichtum seiner Gnade durch seine Güte gegen uns in Christus Jesus.

Unser erstes Augenmerk gilt dem Anfang des Satzes. Da fängt alles an – auch die Geschichte des Glaubens, die den Menschen bewegt. Hier heiß es: „Aber Gott (…) hat“ [Eph 2,4]. – Alles geht von ihm aus, nicht von mir, nicht von andern, nicht von Menschen. „Gott hat.“ Was „hat“ er denn? „Er hat uns geliebt.“ [Eph 2,4] „Uns“, das sind wir Menschen. Solche, die, wie wahrscheinlich wir, keinen Grund haben, sich vor Gott etwas zugutehalten zu können, und solche, die meinen, sie hätten sich schon ihren Platz im Himmel verdient.

„Er hat uns geliebt“ [Eph 2,4], obwohl wir uns so oder so ganz weit von ihm entfernt haben – (obwohl „wir tot waren in den Sünden“ Eph 2,5). Und er hat uns „lebendig gemacht“. „Mit Christus“ [Eph 2,5] heißt es da. Das verstehe wir nicht instrumental, sondern im Sinne von „zusammen mit Christus“ hat er uns lebendig gemacht. Hier spielt offensichtlich die Gemeinschaft mit dem Christus eine wichtige Rolle. Die wird uns möglich, weil er Mensch geworden ist.

Das alles haben wir nicht in der Hand. Wir haben’s nicht gemacht. Wir können das gar nicht. Kein zum Schulter klopfen! Und jetzt kommt’s im Brief an die Epheser. Es ist die Erklärung, wie bzw. wieso das alles geschehen ist: „Aus Gnade seid ihr selig geworden“ [Eph 2,5]. Es ist ein reines Geschenk, wie alles das, was Gott getan hat: „Er hat uns mit aufgeweckt und mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus“ [Eph 2,6] – er als der erste und in ihm und ebenso durch ihn auch alle, die in der Gemeinschaft mit ihm sind. Noch wirkt das wie ein Vorgriff. „In Christus“ nimmt Gott vorweg, was für uns, die wir an ihn glauben, noch aussteht.

Alles, worauf ich als Christ stolz sein kann, kommt nicht von mir. Ich habe keinen Grund, mich über andere zu erheben. Ich kann nur offen sein für Gottes Anrede an mich, kann verstehen, wenn er mich anspricht, ruft oder braucht. Damit das geschieht, muss es nicht unbedingt blitzen und donnern. Es ist auch nicht schlimm, wenn ich von keinem Bekehrungserlebnis zu erzählen habe. Und sicher tut es mir und allen andern gut, wenn ich damit rechne, dass ich oft genug aus der Spur gehe, die Jesus uns allen vorgezeichnet hat. Mit Gott verbunden zu sein, der Glaube, klein oder groß, stark oder schwach, ist kein Besitz, nichts, weshalb ich sagen könnte: „Seht her, was ich hier habe!“

Im Brief heißt es zu m Schluss: „(8) Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, (9) nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme. (10) Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.“

Weil Gott uns in die Gemeinschaft mit Jesus Christus hineingenommen hat, wir also zu ihm gehören dürfen, ist es nun an uns, ihm nachzufolgen. Der ganzgroße Auftritt gehört nicht unbedingt dazu. Stattdessen etwas, was mit einem ziemlich unmodernen Wort zu umschreiben ist: „Demut“.

Gibt’s die noch? Wenn Demut in Verruf geraten ist, dann doch wohl auch, weil es ein Zerrbild christlicher Demut gibt. Eine Unattraktive, irgendwie verschüchterte, verkrampfte, verbogene, geknickte, mitunter sogar von Falschheit geprägte Lebenshaltung. Vielleicht trägt zum Schwinden der Demut auch ein anderer Grund bei. Tatsächliche Demut ist schwer und kostet Kraft und widerspricht jedenfalls landläufig den Regeln erfolgreicher Selbstvermarktung.

Aber nicht umsonst steckt in dem Begriff „Demut“ das Wort „Mut“. Aber das ist nicht der Heldenmut, mit dem man vor der Welt glänzt oder ihr sogar seinen Willen aufzwingt. Sondern der größere Mut, den man braucht, um ohne waffen-starrenden Schutz – dazu gehören Selbstruhm, Schulterklopfen und TamTam – das Leben zu bestehen.

Mit erhobenem Haupt sich auch den schwierigen, schmerzhaften, widrigen Erfahrungen des Lebens zu öffnen – das könnte das eigentliche Wesen der Demut zu sein.

Und das steht denen, die Christus nachfolgen, gut.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.