Karfreitag

Text: Lk 23,32-49
Thema: Ein gerechter Mensch
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Lk 23,32 Es wurden aber auch andere hingeführt, zwei Übeltäter, dass sie mit ihm hingerichtet würden. 33 Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. 34 [Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!] Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum. 35 Und das Volk stand da und sah zu. Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes. 36 Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig 37 und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber! 38 Es war aber über ihm auch eine Aufschrift: Dies ist der Juden König. 39 Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! 40 Da antwortete der andere, wies ihn zurecht und sprach: Fürchtest du nicht einmal Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? 41 Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. 42 Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! 43 Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. 44 Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, 45 und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei. 46 Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er. 47 Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: Fürwahr, dieser Mensch ist ein Gerechter gewesen! 48 Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um. 49 Es standen aber alle seine Bekannten von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles.

Gabriel Angler: Tegernseer Tabula Magna:

https://www.gnm.de/objekte/tegernseer-kalvarienberg/

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Es gibt Dinge, die möchte ich nicht sehen müssen. Im Verkehr gehöre ich nicht zu denen, die beim Passieren eines Unfallortes verlangsamen, den Hals recken, das Smartphone zücken, um das Unglück festzuhalten oder sich gar am Grauen zu ergötzen. Als Kind, wenn wir bei Oma fernsehen durften, was für uns etwas gänzlich Außergewöhnliches war, hatte ich, daran erinnere ich mich, immer ein Kissen zur Hand, das ich mir vor’s Gesicht hielt, wenn’s für mich unerträglich wurde. Obwohl inzwischen deutlich abgehärtet, verlangt es mir doch einige Überwindung ab, die Grauen des Krieges anzusehen, wie sie mir medial in allen Formaten seit dem 24. Februar vor Augen kommen.

Als ich gestern meine Tageszeitung durchblätterte, fiel alsbald mein Blick auf ein monumentales Bild, unter dem eine große Überschrift zu lesen war: „Kreuzbild mit Plünderer“.

Da habe ich hingesehen und das Bild des Malers Gabriel Angler betrachtet, das der für den Hochaltar des Benediktinerklosters Tegernsee geschaffen hatte. Ein großes Bild, allein an die sechs Meter breit. Darauf drei Gekreuzigte, unter denen sich Menschen in kleinen, fast intim wirkenden Gruppen, eingefunden haben, aber auch als finstere Soldateska oder verkommenes Gesindel. Eine wahre Studie des Menschen zwischen Gotteskind und Teufelsbrut.

Neugierig geworden las ich weiter: „Edel und gut war der Mensch noch nie: Ein Bild von 1444 zeigt marodierende Kriegsknechte inmitten des Heilsgeschehens.“ Um was es sich handelte, war mir beim ersten Blick klar: Die Darstellung folgte der Schilderung der Passion, wie wir sie im Lukas-Evangelium lesen. Hier sehen wir drei Kreuze. In der Mitte der gekreuzigte Jesus. Links von ihm, der im apokrypen Nikodemus-Evangelium des 4. Jhs. so genannte Gestas. Das ist der, der von dem Lukas schreibt: „Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns!“ [Lk 23,39]

Daraus spricht der Zweifel. Wenn du dir selbst schon nicht helfen kannst, wie willst du andern ein Helfer oder Retter sein? In dieses Horn hatten schon die Oberen geblasen, Lukas lässt sie uns sagen hören: „Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes.“ [Lk 23,35] und wie ein Echo hatten ihre Untergebenen geantwortet. Sie „traten herzu und brachten ihm Essig“ [Lk 23,36] und sprachen: „Bist du der Juden König, so hilf dir selber!“ [Lk 23,37]

Diesmal ist es nicht Desinteresse am Leid des anderen, sondern im Hohn liegt ganz tief drinnen eine Sehnsucht. Die Sehnsucht nach Rettung. Rettung aus diesem abgrundtiefen Verderben. Rettung aus den Ruinen des Menschlichen, seien sie geboren oder gebaut. In dieser abstoßenden Gemeinheit der Mächtigen und ihrer Vollstrecker steckt auch eine Verzweiflung, die sich in Gewalt und Menschenverachtung entlädt. Sie sind als Täter keine Handbreit davon entfernt Opfer zu werden. Das ist die Ohnmacht der Mächtigen: Sie selbst werden an ihr Ende kommen. Sie werden sterben. Wer weiß, wie? Was sie hinterlassen, ist verbrannte Erde, sind verwüstete Orte, sind an Leib und Seele versehrte Menschen, sind Verzweiflung und Tod. Ja, man wird von ihnen sprechen, sie nicht vergessen, sondern einreihen in die Galerie der Grausamen. Da sind sie unter sich mit Caligula, Attila, Mao, Hitler und Stalin. Namen, die für das Kreuz stehen, das Jesus selbst nach Golgatha getragen hat.

Das ist die eine Seite. Ihr steht gespiegelt die andere gegenüber. Bei Lukas wird sie verkörpert von dem zur Rechten Jesu gekreuzigten Dismas. Von dem berichtet Lukas: „Da antwortete der andere, wies ihn zurecht und sprach: Fürchtest du nicht einmal Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist?“ [Lk 23,40]

Nein, Gestas, hat in aufbegehrender Geste, den Kopf in den Nacken geworfen, als wolle er den Himmel herausfordern. Wenn, ja, wenn da überhaupt einer ist, den man fürchten müsste. So, ohne dass das bewiesen ist, ist alles egal.

An Jesus scheiden sich die Geister – bis zuletzt. Nicht zuletzt dafür steht das Kreuz. Dieses Kreuz vor Augen ist jeder Mensch zur Entscheidung gefordert. An Jesus scheiden sich die Geister. Und bis zuletzt ist es möglich, sich für ihn zu entscheiden. Drum kann jener Dismas so sagen: „Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!“ [Lk 23,42]

In eigenartiger und doch beeindruckender Weise reagiert Jesus. Wir hören kein hilfloses Seufzen, keinen Ausbruch sentimentaler Verzweiflung, wir hören einen Souverän sagen: „Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ [Lk 23,43] Die Worte liegen über dem Getümmel zu seinen Füßen. Es sind Worte des Ewigen. Seine Liebe zu den Menschen ist stärker als alles Dunkle. Das ist ein Grund, vielleicht der erste, den Karfreitag und Jesus zu feiern. Hier ist einer, der dem Leben gerecht wurde, wahrhaftig blieb und das durchhielt, auch als man ihm mit Vernichtung drohte und ernst machte. An ihm sehen wir, was wir Menschen vermögen. An ihm sehen wir die Größe des wahren Menschen. 

Aber auch mit dem Beispiel des Dismas verbindet der Evangelist eine wichtige Erkenntnis: Der Glaube, das tiefe Verständnis des Menschensohnes Jesus, ist nicht den nur den Frommen oder Gelehrten, den Gebildeten oder auch nur Cleveren vorbehalten. Im Gegenteil. So wie Dismas in Jesus den Herrn erkennt, so ist es ausgerechnet der Hauptmann, dieser hartgesottene Bursche, an dessen Händen Blut klebt, der angesichts des toten Jesus bekennt: „Fürwahr, dieser Mensch ist ein Gerechter gewesen!“ [Lk 23,47]

Was haben wir mit den beiden gemeinsam? Oder warum lohnt es sich, sie und ihr Verhalten in der Begegnung mit Jesus wahrzunehmen? Wir sind wohl keine Diebe und keine Schergen, aber wenn wir uns mit Jesus vergleichen, der „ein Gerechter gewesen“ ist, stellen wir fest, dass wir selbst immer wieder neu am Leben versagen. Wir bleiben hinter uns selbst zurück.

Und dennoch gilt auch uns, die wir auf Jesus vertrauen, die Zusage: „Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ [Lk 23,43] Vergebung ist möglich. Jesus zeigt es uns. Das ist ein zweiter Grund, den Karfreitag zu begehen. Das behält seine Gültigkeit trotz all unseres Versagens. Denn dafür nimmt Jesus das Kreuz auf sich. Dafür leidet er und dafür gibt er sein Leben. Damit vertraut er sich und uns, alle, die nach ihm noch sterben werden, Gott an. Im letzten Moment betet er den Psalm 31. Wir hören ihn sagen: „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“ [Lk 23,46 – vgl. Ps 31,5]

Als er das gesagt hat, als er alles in Gottes Hände gelegt hat, lässt er auf sich in diesem Vertrauen den Tod kommen, lässt er sich in diesem Vertrauen durch den Tod hindurchtragen. Wie ein Licht begleitet es ihn. Wie ein Licht strahlt es von ihm aus für immer.

„Requiem aeternam dona eis, Domine:
et lux perpetua luceat eis.“

„Ewige Ruhe gib ihnen, Herr,
und ewiges Licht leuchte ihnen;“

Gott ist uns zur Seite. Das ist uns Trost und Hoffnung. Das ist uns auch Ansporn und Quelle der Kraft. Und nichts kann uns scheiden „von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist.“ [vgl. Rm 8,39]

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.