2. Sonntag nach Epiphanias
Text: 2. Mose 33,18–23
Thema: Wie Gott sich sehen lässt
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Wie merkt man denn, dass man es mit Gott zu tun hat? Es ist ja mitunter schon schwierig, einen Menschen zu erkennen, der sich inkognito unter die Leute mischt. Und wie soll das mit Gott möglich sein, von dem es heißt, „niemand hat Gott je gesehen“ [Joh, 1,18]? Muss man denn überhaupt etwas sehen, um zu bemerken, dass es da ist? Unsere Lebenserfahrung weiß, dass dem nicht so ist. Auch das, was wir nicht sehen oder sehen können, ist eine Wirklichkeit. Die Offensichtlichste: Wir können die Luft, die wir atmen nicht sehen, wehe uns, sie fehlte uns!

Unbestreitbar ist andererseits unser Verlangen zu sehen und im Sehen zu erkennen. Es ist auch das ein Moment, das die Hirten in der Weihnacht in Bewegung versetzt: Sie wollen sehen, was da mitten in der Nacht geschehen ist. Als Kind wollte ich das auch wissen und darum sehen. Wo ist das Christkind? Ist es noch da? Es wäre doch zu schön ihm einmal direkt zu begegnen. Was soll ich sagen? Einen Erfolg kann ich nicht vermelden. Da war es viel aussichtsreicher, die Weihnachtsgeschenke schon vor der Bescherung auszuspionieren. Einmal habe ich das auch – natürlich heimlich – gemacht. Ich weiß noch, wie ratlos mich das zurückgelassen hat. „Na schön – und jetzt?“ Mit der Erwartung war die Freude dahin. Es ist nicht immer von Vorteil, alles sehen zu wollen, geschweige denn zu sehen.

Nun ist einer ganz nah dran an Gott. So eine Art wichtigster Mitarbeiter. Vielleicht nennt er IHN bei sich „Chef“. Dieser Chef ist ein ganz Besonderer. Er ist anders, als die Chefs, die man sonst so kennt. Die wollen ja gesehen werden. Vielleicht nicht immer, aber doch in den passenden Momenten. Man soll doch an ihnen und in ihnen den Chef erkennen. Den Vorgesetzten. Die Macht. Die Souveränität. Das Besondere, den Chef vom Fußvolk Unterscheidende. So weit ist es mit unserem Mann aber nie gekommen. Seit geraumer Zeit arbeitet er schon für seinen Chef. Er hat dabei auch einige Risiken auf sich genommen, hat Kohlen aus dem Feuer geholt, sich selbst angreifbar gemacht – aber noch nicht ein einziges Mal hat er IHN gesehen. Ich lese den Predigttext aus 2. Mose 33, die Verse 18-23:

18 Und Mose sprach: Lass mich deine Herrlichkeit sehen! 19 Und er sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will ausrufen den Namen des Herrn vor dir: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. 20 Und er sprach weiter: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.  21 Und der Herr sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. 22 Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. 23 Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.

Wir sollten noch wissen, was der Kontext sagt: Die beiden sind unter sich, haben ein intimes Gipfeltreffen auf dem Berg Sinai. Mose ist da hinauf, nicht zuletzt, weil ihn seine Leute bedrängen. Sie wollen etwas zum Festhalten, einen Gott zum Begreifen und auch zum Vorzeigen: „Schaut, das ist unser Gott!“ Das Volk möchte sichtbare Götter, die, wie die Israeliten sagen, „vor uns hergehen sollen“ [2. Mos 32,1]. Aaron gibt dem Wunsch nach und lässt das berühmte „Goldene Kalb“ herstellen. Sie wissen schon! Gott ist darüber zornig, woraufhin Mose ihn geradezu bekniet und ihm dramatischen Zwiegespräch verhindert, dass der Zorn Gottes sein Volk trifft.  Selbst auf’s Äußerste erregt durch die Verirrung seiner Leute, zerschmettert Mose die beiden Tafeln der Gebote. Martin Buber hat sie die „Tafeln der Vergegenwärtigung“ genannt. Jetzt liegen die zerschmettert vor den Leuten. Es ist erst mal aus mit der Vergegenwärtigung, und erst recht mit diesem kindischen Bedürfnis, einen Gott zu haben, den man in die Tasche stecken kann.

Mose verbrennt das Götzenbild und lässt die Israeliten den zermahlenen Rest mit Wasser verrührt schlucken. Sie sollen im wahrsten Sinne des Wortes „fressen“, dass ein wirklicher Gott nicht zu konsumieren ist, so wenig wie er sich mit Blicken einfangen lässt. Der wirkliche Gott, nicht das aufgemotzte Goldklümpchen, gibt ihnen jeden Morgen neu das Manna, von dem sie in der Wüste leben. Es ist seine Güte, die sie leben lässt.

Ist es jetzt aus mit dieser wegweisenden Verbindung von Gott und Volk. Fast sieht es so aus. Weil das Volk „hart von Nacken“ ist, halsstarrig oder störrisch, sagen wir, will Gott nicht mehr in seiner Mitte mitgehen. Mose jedoch lässt nicht locker. Er besteht darauf, Gottes Wege kennenzulernen. Er will sicher sein, dass Gottes „Antlitz“ mitzieht. Er will den den Glanz Gottes, sehen. „Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir“ [4. Mos 6,25] … Unvorstellbar, dass das nicht mehr sein soll!

Hier setzt unser Text ein. Um auf seiner Höhe zu sein, müssen wir hinauf auf den Berg. Der Berg ist der Ort der Begegnung mit Gott. Gott lässt sich herab zu ihm, der Mensch steigt hinauf. In seiner Einsamkeit wird vertrautes und vertrauliches Reden miteinander möglich. Das kommt nicht von ungefähr. Es ist angebahnt im täglichen Einüben. Gott anzurufen und ihm zuzuhören. Mose kann das.

Zwischenfrage: Wo ist unser Berg? Wo ist der Ort, zu dem wir uns aufmachten, um nicht eingeebnet zu werden von den Belangen, den Sorgen, den Konflikten und Verführungen des Alltags? Wo ist der Ort, an dem wir nicht „Verwickelte“ sind? Wo ist der Ort, an dem wir uns „entwickeln“ können zur Offenheit, Gott zu begegnen – dem Ganz-Anderen, dem „Mehr-als-alles“, dem unermesslichen Gegenüber?

Mose macht eine wichtige Erfahrung. Gott lässt sich ansprechen. Wird ein Anspruch daraus, den Mose – der Mensch – Gott gegenüber geltend machen will, so trifft er auf ein übermächtiges „Ich“. Gott ist souverän. Er tut nicht nur so. „Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig…“ [2. Mos 33,19] Und er ist gnädig, zugewandt. „Ich kenne dich mit Namen…“ [2. Mos 33,17], lässt er Mose wissen.

Eine Querverbindung zur Taufe. Dort die öffentliche Nennung des Namens – vor Gott und der Welt: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein“ [Jes 43,1]. Wer den Namen kennt, kann ihn sagen und flüstern und schreien – und verschweigen. Mose und Gott kennen sich mit Namen. Das reicht Mose nicht, nicht in dieser Situation, in der das Volk unten im Tal nicht nur Zeichen Gottes zu sehen wünscht, sondern den handfesten, den sichtbaren Gott. „Lass mich deinen Glanz sehen“ [2. Mos 33,18], bittet, oder sollte ich sagen, fordert Mose. Gott soll sich in seiner Eigentümlichkeit zeigen: lichtvoll – als Licht der Welt – und herrlich – als Herr der Welt. Gott soll sich offenbaren und aus der Verborgenheit hervortreten.

Was motiviert Mose zu diesem Begehren? Will er begreifen, wie es das Volk will? Will er stellvertretend für seine Leute den Verborgenen sehen dürfen? Pure Neugier ist es wohl nicht, eher ein tiefes Verlangen nach ungebrochener und unverstellter Nähe zu Gott. Ausdruck eines ganz besonderen Verhältnisses.

So, wie er sich das erhofft hatte, wird sein Wunsch nicht erfüllt. Er wird zurückgewiesen wie alle, die als letzte Sicherheit sehen wollen, um glauben zu können. Selig wird der gepriesen, der nicht sieht und doch glaubt [Joh 20,29]. Selig also der, der den Glauben nicht durch Beweise verfälschen will, sondern stattdessen die Erweise zu sehen lernt.

Aus Mose Verlangen wird nichts. Gott lehnt ab. Nicht weil er Spielverderber wäre, sondern weil kein Sterblicher es aushielte, dem Glanz Gottes zu begegnen. Es würde ihn überfordern, erdrücken, blenden, dass er daran zugrunde ginge. Also wird Gott seine Hand über Mose halten und ihn beschirmen. Dazu wird Gott ihm Schutzraum gewähren, wird ihn auch so abschirmen vom direkten Kontakt mit seinem Glanz. Er wird dort, wo Mose geborgen steht, vorübergehen. Und Gott wird nicht stehenbleiben – er ist nicht zu fassen. Seine Pläne bleiben verborgen auch bei größter Nähe. Was Mose an Einsicht fehlt, wird ihm offenbar, wenn er Gott nachsieht.

Wird uns anders ergehen, wenn wir Gottes Nähe suchen? Kaum. Seine Gnade wird uns sein treues Wirken, seinen Schutz und seine Nähe spüren lassen. Wir spüren es, verwundern uns, schauen nach, um nicht zu sagen hinterher. Und es bleibt zwischen uns. Kein Paparazzo wird die Szene festhalten und das Foto schießen, das wir nicht brauchten – wir waren ja dabei – und das die neugierige Welt nur kurz betrachten und dann wegwerfen würde.

Darum hebt Gott seine Hand über Mose. Das mag uns an die Haltung des Segnens erinnern. Sie schützt ihn und zeigt ihm Gottes Zuneigung und Gegenwart. Dazu kommt der Felsspalt, in dem Mose die Begegnung mit Gott übersteht. Dort im Spalt erlebt er seinen Zwiespalt: Er sieht Gott, aber dann eben doch nicht so, wie er ihn sehen möchte. – Ein schöner Rücken kann auch entzücken!

Sein Erkennen, seine Erkenntnis, des Menschen Erkenntnis reicht nicht aus, das ganze Geheimnis Gottes, Gott ganz zu begreifen. Muss er das? Braucht er das wirklich?

Im Vorübergehen Gottes spürt Mose dessen Nähe. Das ist es, was er braucht: Die Gegenwart und die Nähe Gottes.

Als einer, der Gott begreifen will, als einer, der Gottes Eigentümlichkeit fassen will, hat Mose das Nachsehen bei Gott. Begegnet er ihm aber, das ist ganz wörtlich zu nehmen, mit Nachsicht und sieht er selbst nach Gott und Gott nach, dann erkennt er das Aufscheinen seines Glanzes in seinem Leben.

„Du darfst hinter mir her sehen“ [2. Mos 33,23], sagt Gott zu Mose, dem suchenden und fragenden Menschen. Dem aber, der so nach-sieht, geht Gott voraus.

Als Mose vom Berg herunterkommt, hat er wieder zwei Tafeln dabei, wie die ersten, die noch zertrümmert am Boden liegen. Und er weiß, dass Gott, der Herr, in der Mitte des Volkes sein wird und er sein Angesicht leuchten lassen wird, über denen, die mit ihm gehen. Muss man mehr wissen?

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.