Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres

Text: 2. Kor 5,1–10
Thema: Und dann?
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

In düsteren Zeiten beschleichen einen düstere Gedanken. Wie verhängnisvoll ist es, darin verbleiben zu müssen. keine Perspektive, die darüber hinausginge, keine Hoffnung, die einen aufstehen ließe, kein Licht am Ende des Tunnels. Für manche Menschen sieht so das Sterben aus. Man kann es lange verdrängen, darüber hinwegsehen, dass es einmal auf einen zukommt. Aber dann macht es einen großen Unterschied, ob ich ins Nichts blicke oder vor mir alles offen sehe.

Paulus denkt über sein Sterben nach. Was wird dann sein? Im 2. Brief an die Korinther, manche sagen, es sei derjenige, in dem der Apostel besonders persönlich zum Vorschein komme, lesen wir nach und nach im 5. Kapitel die Verse 1-10.

5,1 Denn wir wissen: Wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel.

Wir wissen. Wissen wir das? Oder weiß das Paulus? Offenbar sieht er sich und seine Gemeinde im Zusammenhang: Wir! Seine Zeit verwendet gerne Bilder vom Bau, wenn sie den Leib beschreibt. Unser irdisches Haus, das, was wir leiblich darstellen, wird abgebrochen. Das geht schnell, denn allzu standhaft ist „diese Hütte“ [2. Kor 5,1] nicht.

Ein Freund berichtet mir dieser Tage aus seiner WG in Berlin, dass dort alle geimpft waren und trotzdem an Corona erkrankt sind. Der unbekümmerte junge Mann, ein Besucher, der das Virus mitgebracht hatte, ist jetzt, kaum vier Wochen später, verstorben.

Entsetzen hat die Gespräche zum Verstummen gebracht. Was soll man auch sagen? Paulus sagt, wenn unser Leben zu Ende ist, „so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel“ [2. Kor 5,1]. Weiß er das oder hofft er nur? Wenn er auf Jesus Christus sieht, dann weiß er es – Paulus würde sagen: ‚In Christus Jesus weiß ich es.‘ Mit ihm verbunden, verliert der Tod seinen Schrecken. Aber oft genug reißt das Band der Verbundenheit. Vielleicht haben wir selbst uns losgerissen, um uns endlich unabhängig zu fühlen. Dass wir aber nicht unbedingt Herr der Lage sind, das merken wir gleichwohl immer wieder. Auch Paulus erfährt sich, um das Bild noch einmal aufzugreifen, als „diese Hütte“, so anfechtbar und hinfällig, gegenüber dem Zahn der Zeit. Der beißt in seinem Fall immer wieder kräftig zu, wenn er aus der Stadt gejagt oder ins Gefängnis gesteckt wird, oder wenn ihm seine eigenen Leute von der Fahne gehen und bezweifeln, dass er den Christus recht verkündigt.

Paulus: „2 Denn darum seufzen wir auch und sehnen uns danach, dass wir mit unserer Behausung, die vom Himmel ist, überkleidet werden, 3 weil wir dann bekleidet und nicht nackt befunden werden.

Wie man ein Haus bekleidet, wissen wir. Das haben wir vor ungefähr 15 Jahren erlebt, als wir unser Gemeindezentrum vollständig mit weißem Stoff eingekleidet hatten. Das hatte eine ganz besondere Wirkung, alles wirkte wie verwandelt von außen wie von innen.

In der Antike waren Bilder vom Bekleiden üblich, wenn vom Sterben zu sprechen war. Nicht umsonst wird der Täufling, der im Untertauchen bei der Taufe einen symbolischen Tod stirbt, danach mit einem weißen Gewand einkleidet. So werden wir „mit unserer Behausung, die vom Himmel ist, überkleidet“.

Sind wir nun fein? Oder kann es sein, dass wir auf unser eigenes Sterben doch noch bangen Blickes sehen? Paulus: 4 Denn solange wir in dieser Hütte sind, seufzen wir und sind beschwert, weil wir lieber nicht entkleidet werden wollen, sondern überkleidet werden wollen, damit das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben.

Wer möchte schon sterben und wer will entkleidet, der Ehre beraubt nackt auf der Bahre liegen? Paulus nicht. Der Gedanke daran macht ihm zu schaffen. Wie furchtbar das ist, das bezeugen all jene der Jahre 1938 fortfolgende, an die wir an diesem 9. November gedacht haben. Wir sehen sie in der Schlucht von Babi Jar oder in den Konzentrationslagern.

An Ostern feiern wir, dass Gott das Gesetz des Todes außer Kraft gesetzt hat, „damit das Sterbliche verschlungen werde vom Leben“. Eine Verkehrung des Üblichen: Nicht das Leben wird vom Tod verschlungen, sondern das Sterbliche vom Leben. Endlich!

Paulus: 5 Der uns aber dazu bereitet hat, das ist Gott, der uns als Unterpfand den Geist gegeben hat.

Wenn es einen Grund gibt, warum Paulus angesichts all dieser Fragen und Abgründe, die sein Leben für ihn bereithält, die Hoffnung nicht verliert und daran festhält, dass das „Sterbliche verschlungen werde vom Leben“, dann ist es der Geist Gottes. Die Inspiration durch diesen Geist, aus dem Gott spricht.

Paulus: 6 So sind wir denn allezeit getrost und wissen: Solange wir im Leibe wohnen, weilen wir fern von dem Herrn; 7 denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen.

Ja, so sind wir unterwegs – „fern von dem Herrn“ – und doch immer wieder auf ihn ausgerichtet „im Glauben“.

Paulus: 8 Wir sind aber getrost und begehren sehr, den Leib zu verlassen und daheim zu sein bei dem Herrn. 9 Darum setzen wir auch unsre Ehre darein, ob wir daheim sind oder in der Fremde, dass wir ihm wohlgefallen.

Den Leib verlassen, sterben, kann Paulus, wenn man ihn so vernimmt, weil er nicht erwartet ins Nichts fallen. Im Gegenteil, er stellt sich vor „daheim zu sein bei dem Herrn“. Nun mag es kommen, wie es kommt. Er ist bereit. Und er bereitet sich darauf vor, indem er darauf achtet, Gott wohlzugefallen.

10 Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, auf dass ein jeder empfange nach dem, was er getan hat im Leib, es sei gut oder böse.

Wenn erst das Leben das Sterbliche verschlingt, wird sich zeigen, was bleiben kann von uns. Nur, was an uns Leben ist, nur was die Merkmale des Lebens in sich trägt, nur was von Gott kommt, wird bestehen. Das wird sich zeigen. „Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi“ [2. Kor 5,10]

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.