Estomihi
Thema: Mit Humor eine Waffe der Wehrlosen
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

„Ritz am Ba, Ritz am Ba, morsche geht die Fassenacht an“, jedes Kind in Mainz kennt diese Zeile und die Melodie dazu. Und manche wissen auch, dass es sich bei dem „Ritz am Ba“ keineswegs um eine Verletzung des Beines handelt, sondern vielmehr um den Namen eines legendären französischen Stadtkommandanten in Mainz. Zur Fastnacht traten dort In bunten Fantasie-Uniformen ganze Regimenter närrischen Volks an, dem in der damaligen Festung Mainz reichlich vertretene Militär zu spotten. Nun hatte der französische General das das bunte Fastnachtstreiben verboten, in dem schon immer der Stachel wider die Obrigkeit löckte. Das aber wollten sich die feierfesten Mainzer nicht bieten lassen. „Soweit kimmt’s noch…!“

In diesem Jahr wollte die Pandemie den Narren einen Strich durch die Rechnung machen. Kein 11.11., keine Saalfastnacht, kein Rosenmontagszug, kein Bützche für die Kölner, kein Geschunkel, kein „Seid umschlungen…“ – Stattdessen Abstand und unlustige Masken, Karneval auf der Couch und die stundenlange Beschwörung närrischer Heiterkeit aus alten Fernsehkonserven oder mühsam inszenierte Stimmung aus den Laboren der Fernsehanstalten. „Besser als nichts“, sagen die einen, „nichts, besser als das“ granteln die anderen.

Dabei geht’s den Narren nur so wie uns. Das entscheidende Element gemeinschaftlichen Frohsinns fehlt – die Gemeinschaft nämlich. Und doch sind wir dankbar für Momente und Gelegenheiten, in denen wir lachen und für einen Moment die Last der Gegenwart ablegen können. Humor hilft. Barbara Wild, ihres Zeichens Psychiaterin und Psychotherapeutin, beschreibt Humor als „eine Charaktereigenschaft, eine gewisse Haltung, auch bei schwierigen Situationen heiter und gelassen zu bleiben. Man reagiert nicht gleich ängstlich, lässt sich nicht so schnell aus dem Konzept bringen. Es ist auch die Fähigkeit, spielerisch mit Situationen umzugehen.“

Hat Gott dann Humor? Zur Beantwortung der Frage können wir auf die Schöpfungsgeschichte verweisen „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn.“ [Gen 1,27] Wenn nun der Mensch Humor hat, spricht dies dafür, dass es sich bei Gott nicht anders verhält. Nur haben aber offenbar nicht alle Menschen Humor. So kommen wir nicht weiter. Konkreter wird es, wenn wir weiter in der Bibel lesen. Wir erfahren, dass Gott auf die Großkopferten schaut und auf die Mächtigen und dass er lacht, wenn er sie sieht [Ps 2,4]. Es hat auch für uns etwas Komisches, wenn sich jemand großartig inszeniert und dahinter lugt die Kleinlichkeit hervor, wenn jemand den Macker macht und schlussendlich sich als Mäuschen erweist.

Gottes Lachen begegnet uns immer wieder als Ausdruck seiner Souveränität. Nicht zittern, sondern lachen im Angesicht der der Frevler [Ps 37,13] und derer, die seine Getreuen bedrängen [Ps 59,9] – und wenn es ganze Völker sind.

Oder, wenn wir uns an die Geschichte mit Bileam und seiner Eselin erinnern. Der wortmächtige Bileam, der die Zeichen Gottes nicht erkennt. Unterwegs mit seiner Eselin macht sie, so sieht es aus, was sie will. Ja, sie geht vom Weg ab. Sie klemmt ihm obendrein den Fuß ein und verweigert dann auch noch jeden weiteren Schritt und, das ist der Gipfel, spricht schließlich noch zu Bileam. Der muss erkennen, dass die Eselin mehr gesehen und verstanden hat, von dem was Gott will, als er selbst. [vgl. Num 22]

Oder Jona (ich sage nur Jaffa! wo seine Odyssee los ging) – nicht nur, dass er als Ursache für die in Seenot geratene Mannschaft erkannt und über Bord geworfen wird. Er wird von einem Walfisch verschluckt und genau dort, wo er nicht hinwollte, in Ninive, wieder ausgespuckt. „Ironie des Schicksals“, pflegen wir zu sagen, aber hier führt Gott die Regie. Und wie! Mit dem Humor des Souveränen offenbar. Man lese das Ende der Geschichte – Jona 4.

Trotzdem belehrt der große Theologe Johannes Chrysostomos – * 349 oder 344; † 14. September 407 -, der seinen Beinamen Chrysostomos, „Goldmund“, seiner Predigtkunst verdankt, die Gemeinde, dass Jesus drei Nächte und drei Tage lang geweint habe. Die Heilige Schrift berichte aber mit keiner Silbe darüber, dass Jesus auch gelacht habe. Sein Fazit: „Jesus hat niemals gelacht!“

Also Schluss mit lustig? Von wegen! Dagegen spricht das vom 14.-19. Jahrhundert übliche „Osterlachen“. Hier hatte der Pfarrer die Aufgabe, die Osterfreude durch Erheiterung der Gemeinde nahezubringen. Das konnte (kann) schon mal danebengehen. Und weil das öfter der Fall war, sorgten ernsthafte Protestanten für die Abschaffung dieses Brauchs. Wohlgelitten war (und ist) hingegen immer ein nachsichtiges, gütiges, versöhnt und erlöst wirkendes Lächeln, das schon mal angestrengt daherkommen kann. Erst recht nachdem Friedrich Nietzsche zum Besten gegeben hatte: „Die Christen müssten mir erlöster aussehen. Bessere Lieder müssten sie mir singen, wenn ich an ihren Erlöser glauben sollte.“ Aber problematisch wird’s, wenn der Anspruch, die Erlösung ins Gesicht geschrieben zu haben, dem wahren Empfinden widerspricht. „Auch beim Lachen kann das Herz trauern.“ [Spr 14,13] Auf das Herz aber kommt es an. Das kann sich aber sehr wohl am Lachen oder Lächeln des Gegenübers laben, ja, vielleicht sogar anstecken lassen.

Vielleicht ist auch deshalb der Humor eine Waffe der Wehrlosen. 1933 ist das zu beobachten. Man weiß: „Die Länder sind gleichgeschaltet. Wir haben jetzt keine Preußen, Sachsen, Bayern oder Badener mehr, es gibt nur noch Braun Schweiger.“ Jetzt gilt: „Die Zähne werden in Deutschland zukünftig durch die Nase gezogen, weil niemand mehr den Mund aufmachen darf.“ Aber weil die Waffe der Wehrlosen so große Wirkung zu entfalten vermag – siehe Nawalnys Film „Der alte Mann im Bunker“ – werden Witz und Humor gerne unterdrückt. Und hinterm Eisernen Vorhang ließ sich die Frage „Wie war die Stimmung in der DDR?“ wahrheitsgemäß beantworten: „Sie hielt sich in Grenzen.“ Der Humor erlaubte es allerdings, sich mit einer Situation zu arrangieren, die nun mal nicht zu ändern ist, wie das jahrzehntelang für den Warenmangel drüben galt. Ein Beispiel: „Eine Frau geht durchs Kaufhaus. Sie fragt eine Verkäuferin: „Sagen Sie mal, haben Sie hier keine Schuhe?“ – Verkäuferin antwortet: „Keine Schuhe gibt es eine Etage tiefer, hier haben wir keine Hosen.“ Wenigstens kann man lächeln oder sogar lachen, wenn man sonst schon nichts auszurichten vermag.

Seit März vergangenen Jahres sind wir Geißeln des Virus und neuerdings auch seiner Mutanten. Immerhin mit unserem Verhalten können wir Einfluss auf das Infektionsgeschehen nehmen. Aber das kostet – neben Geld auch Lebensqualität und manches mehr. „Oh, ich sehe Sie haben eine Lücke im Lebenslauf. Was haben Sie 2020 gemacht?“ – „Netflix gekuckt und Hände gewaschen.“

So kurz vor der Fastenzeit, wo manche schon überlegen, wie sie in diesem Jahr fasten könnten – vielleicht auch weil die Knöpfe am Hemd inzwischen „Social Distancing“ praktizieren – wäre doch zu überlegen und zu versuchen, auf Griesgrämigkeit und Schwarzseherei zu verzichten. Stattdessen dem Humor Raum zu geben. Den kann man trainieren, weiß die Humorforscherin Barbara Wild. Ärger mit Humor verarbeiten. Das Unabänderliche mit Gelassenheit betrachten und am Ende sogar darüber schmunzeln.

Ob das uns immer gelingt? Vielleicht können wir von Gott lernen – aber hören Sie selbst:

„Einen Tag vor seinem achtzehnten Geburtstag erklärt der Sohn seinem orthodoxen Vater, er habe sich entschlossen, zum Christentum überzutreten. Der Vater redet auf ihn ein, er könne doch den Glauben der Väter nicht verraten, an dem sie zweitausend Jahre in allen Schrecken und Verhängnissen festgehalten hätten und in denen sich Gott und ihr Verhältnis zu Gott bewährt hätte. Darauf der Sohn: ‚Du wirst mich nicht davon abbringen. Ab morgen bin ich mündig, und ich bin fest entschlossen, zum Christentum überzutreten.‘ Spricht’s und lässt den Vater allein. Der hadert mit Gott, und Gott erscheint ihm auch als Stimme und fragt: ‚Was ist, Abraham?‘ Darauf erzählt ihm der Vater die Geschichte, dass sein Sohn unbedingt Christ werden wolle. Gott beschwichtigt ihn und sagt: ‚Sei ruhig, Abraham, das ist mir auch passiert.‘ ‚Was?‘, sagt der Vater. ‚Das ist dir auch passiert? Und was hast du denn dann gemacht?‘ Darauf Gott: ‚Was werd ich gemacht haben? Ein neues Testament!’“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.