3. Advent
Text: Lk 1,67–79
Thema: Gott ist für Überraschungen gut
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Es ist als stünden sie im Stau. Immer wieder anfahren, jedes Mal geht ein Ruck durch sie, jedes Mal nicken sie ein wenig, als wollten sie „Ja“ sagen. Kurz darauf, Bremse und Stillstand. Es geht nicht recht weiter, so wie es aussieht. Wir kennen das. Auch im Verkehr um Weihnachten herum – jedenfalls in normalen Jahren. Auf andere Weise aber auch in diesem Jahr. Da sitzen wir vielleicht nicht im Auto, aber bremsen, Gas geben, wieder bremsen, Stillstehen, das bleibt uns auch zuhause nicht erspart.

Und jedes Mal sind mit dem erneuten Anfahren neue Hoffnungen verbunden. Diesmal wird’s was, bestimmt, es muss doch mal klappen!

Anfangs hatten Elisabeth und Zacharias auch so gedacht. So sehr wünschten sie sich ein Kind! Aber nichts da. Alles Bitten und Beten wollte nicht helfen. Es wurde und wurde nichts daraus. Irgendwann hatten die beiden innerlich damit abgeschlossen. Das Thema war durch. Und die Hoffnung auch. Kein Wunder, wenn sie immer und immer wieder enttäuscht wird, wandert auch die größte Hoffnung irgendwann aus.

Zacharias hatte sich auf die Arbeit konzentriert. Er kam aus einer der von David bestimmten 24 Familien, die abwechselnd jeweils für eine Woche die Priester im Tempel stellten. Gewiss ein frommer Mann und sehr angesehen. Und jetzt tat Zacharias mal wieder Dienst im Tempel. Das Los fiel auf ihn, das Räucheropfer darzubringen. [vgl. LK 1,9] Dazu trat er an den hierfür bestimmten Altar und tat, was zu tun ist. „Da erschien ihm der Engel des Herrn, der stand an der rechten Seite des Räucheraltars“ [Lk 1,11]. Der Engel macht ihm eine unglaubliche Ankündigung: „Fürchte dich nicht, Zacharias, denn dein Gebet ist erhöht, und deine Frau Elisabeth wird dir einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Johannes geben“ [Lk 1,13]. Unfassbar das! Zacharias begegnet dem Boten mit Skepsis, verweist auf sein hohes Alter und das seiner lieben Elisabeth und fragt nach Zeichen der Bestätigung. Der Engel aber macht dem zweifelnden Gerede ein Ende – „ich bin Gabriel, der vor Gott steht“ [Lk 1,19] – und lässt den Alten nicht lange auf ein Zeichen warten: Verstummen muss er, weil er den Worten nicht geglaubt hat, bis die Zeit gekommen sein wird. Neun Monate nichts sagen können. Neun Monate sammeln, was unbedingt gesagt werden sollte. Neun Monate warten und das mit einer gewissen Unsicherheit – wird’s nochmal anders?

Und jetzt ist es soweit. Das Kind ist da. Der Vater noch stumm notiert seinen Namen auf einer Tafel – Johannes – wie es der Engel gewiesen hatte. Kaum hat er’s geschrieben, findet er die Sprache wieder. Ob Zacharias in diesem Moment an seinen eigenen hinweisgebenden Namen denkt – „JHWH (der Herr) hat sich erinnert“. Das erste, was er jetzt macht, ist beten, so wie es ihm eingegeben wird. Und das hört sich so an – bei Lukas im ersten Kapitel lesen wir’s in den Versen 67-79:

67 Und sein Vater Zacharias wurde vom Heiligen Geist erfüllt, weissagte und sprach: 68 Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk 69 und hat uns aufgerichtet ein Horn des Heils im Hause seines Dieners David – 70 wie er vorzeiten geredet hat durch den Mund seiner heiligen Propheten –, 71 dass er uns errettete von unsern Feinden und aus der Hand aller, die uns hassen, 72 und Barmherzigkeit erzeigte unsern Vätern und gedächte an seinen heiligen Bund, 73 an den Eid, den er geschworen hat unserm Vater Abraham, uns zu geben, 74 dass wir, erlöst aus der Hand der Feinde, ihm dienten ohne Furcht 75 unser Leben lang in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinen Augen. 76 Und du, Kindlein, wirst Prophet des Höchsten heißen. Denn du wirst dem Herrn vorangehen, dass du seinen Weg bereitest 77 und Erkenntnis des Heils gebest seinem Volk in der Vergebung ihrer Sünden, 78 durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes, durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe, 79 auf dass es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.

Jetzt, da seine größte Sehnsucht erfüllt ist, jetzt kann Zacharias der Hoffnung Worte verleihen. Und diese Hoffnung ist weit größer als es sein Wunsch nach einem Kind gewesen war. Aber dieses Kind trägt die Verheißung an sich und in sich: Johanan, heißt es, Gott ist gnädig.

Diese Gnade durchbricht die Gesetzmäßigkeiten der Realisten. Die rechnen und messen, messen und rechnen. Gut ist das, weil es Grund in die Debatten bringt und jene, die abzuheben drohen, wieder auf den Boden der Tatsachen holt. Aber das ist nicht alles. Nicht alles lässt sich messen und berechnen. Manchmal kommt es anders, als man es erwartet hätte. Gott ist für Überraschungen gut. Immer wieder. Zacharias macht diese wunderbare Erfahrung in fortgeschrittenem Alter, aber so unmittelbar und so beglückend, wie er es sich niemals hätte vorstellen können. Und jetzt, so wundervoll beschenkt, kann Zacharias in der wechselvollen Geschichte seines Volkes – und wie oft hat es dieses Volk durchgeschüttelt, wie oft schien es dem Schlamassel nicht mehr entrinnen zu können – und doch kann Zacharias in dieser Geschichte immer wieder die rettende Barmherzigkeit Gottes erkennen. Und die wird Gestalt annehmen, wenn „das aufgehende Licht aus der Höhe uns besuchen wird“ [Lk 1,78], wenn der kommen wird, dem Johannes, des Zacharias Sohn, den Weg bereiten wird.

Und dann wird denen ein Licht aufgehen, „die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes“ [Lk 1,79]. Alle Skepsis, sogar der als gesund empfundene Realismus haben dann ausgedient, denn Gott ist für Überraschungen gut, nicht nur an Weihnachten und nicht nur bei Zacharias. Auch Jesus erinnert uns daran, Gott ist für Überraschungen gut. „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden“ [Ps 118,22, Mt 21,42]. Jesus Christus ist der Eckstein, so haben die Christen den Psalmvers gedeutet, Jesus, unser Heiland, an dessen Lebensende das Kreuz steht und der Tod. Aber dann… Gott ist für Überraschungen gut, folgt der Ostermorgen, die Auferstehung Jesu Christi.

Das trägt uns durch diese Zeit des Stopp and Go im Winterhalbjahr 2020/21. Darauf setzen wir unsere Hoffnung und unser Vertrauen, auf „die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes“ [Lk 1,78].

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.