17. Sonntag nach Trinitatis – 13.10.2019

Text:       Jos 2,1–21

Thema: Das rote Seil

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Der Predigttext am heutigen Sonntag steht im 2. Kapitel des Buches Josua, dort im 2. Kapitel in den Versen 1-21. Aus dem Text leuchtet ein rotes Seil hervor, genauer gesagt ein Tau. Was es damit auf sich hat? Das wird erzählt:

1 Josua aber, der Sohn Nuns, sandte von Schittim zwei Männer heimlich als Kundschafter aus und sagte ihnen: Geht hin, seht das Land an, auch Jericho.


Wir haben Jericho am westlichen Rande des Jordantales gesehen. Hier fällt die östliche Flanke des judäischen Berglandes steil ins Tal ab. Und hier beginnt seit alters her ein begehbarer Zugang ins westlich gelegene Bergland. Die Israeliten haben auf ihrem von Ägypten ausgehenden Zug zuvor den Jordan überquert. Die Historiker setzen das für die Zeit um 1200 vor Christus an. Jetzt also sind Kundschafter unterwegs – offenbar in feindliches Gebiet.

Die gingen hin und kamen in das Haus einer Hure, die hieß Rahab, und kehrten dort ein. 2 Da wurde dem König von Jericho angesagt: Siehe, es sind in dieser Nacht Männer von den Israeliten hereingekommen, um das Land zu erkunden.

Das riecht nach Spionage, und es dürfte eine spannende Geschichte sein, die die Zuhörer erwartet. Dafür sprechen schon die beteiligten Personen. Eine Frau der käuflichen Liebe – wie verrucht, wie zwielichtig ist das denn? Und ein König, der null Komma nichts von Kundschaftern weiß, als habe er selbst auf den Monitoren der Überwachungskameras deren Eindringen bemerkt. So wie die Geschichte uns begegnet, hat sie vermutlich eine Redaktion nach dem Babylonischen Exil im 6. Jh, vor Christus zusammengestellt. Ob man da noch weiß, dass Jericho zur Zeit der Landnahme gar keine Mauern hatte, und Jericho eine offene Siedlung war? Trotzdem gilt Jericho als eine der ältesten Städte der Welt, deren Befestigung schon um 8000 vor Christus nachgewiesen ist. Jedenfalls, wenn die Archäologen recht haben. Aber folgen wir der weiteren Erzählung.

3 Da sandte der König von Jericho zu Rahab und ließ ihr sagen: Gib die Männer heraus, die zu dir in dein Haus gekommen sind; denn sie sind gekommen, um das ganze Land zu erkunden. 4 Aber die Frau nahm die beiden Männer und verbarg sie. Und sie sprach: Ja, es sind Männer zu mir hereingekommen, aber ich wusste nicht, woher sie waren. 5 Und als man das Stadttor schließen wollte, da es finster wurde, gingen die Männer hinaus, und ich weiß nicht, wo sie hingegangen sind. Jagt ihnen eilends nach, dann werdet ihr sie ergreifen. 6 Sie aber hatte sie auf das Dach steigen lassen und unter den Flachsstängeln versteckt, die sie auf dem Dach ausgebreitet hatte. 7 Die Verfolger aber jagten ihnen nach auf dem Wege zum Jordan bis an die Furten, und man schloss das Tor zu, als sie draußen waren.

Jetzt ist daraus so etwas wie ein Thriller geworden. Mit etwas Phantasie läuft uns noch 007 durch’s Bild. Rahab, so heißt die Frau, ist zur Agentin geworden, eine Überläuferin, die mit den herannahenden Feinden gemeinsame Sache macht. Sogar eine falsche Fährte legt sie.

8 Und ehe die Männer sich schlafen legten, stieg Rahab zu ihnen hinauf auf das Dach. 9 und sprach zu ihnen: Ich weiß, dass der HERR euch das Land gegeben hat; denn ein Schrecken vor euch ist über uns gefallen, und alle Bewohner des Landes sind vor euch feige geworden.

Wenn das so klar, dass der Herr euch das Land gegeben hat, wozu braucht’s dann noch Kundschafter und den ganzen Aufwand? Rahab rekapituliert die Geschichte des anrückenden Volkes. Sie erweist sich als erstaunlich informiert und, das muss hellhörig machen, für sie ist der HERR der HERR. Fast beiläufig erkennt sie ihn als HERRN an. So sagt sie:

10 Denn wir haben gehört, wie der HERR das Wasser im Schilfmeer ausgetrocknet hat vor euch her, als ihr aus Ägypten zogt, und was ihr den beiden Königen der Amoriter, Sihon und Og, jenseits des Jordans getan habt, wie ihr an ihnen den Bann vollstreckt habt. 11 Und seitdem wir das gehört haben, ist unser Herz verzagt und es wagt keiner mehr, vor euch zu atmen; denn der HERR, euer Gott, ist Gott oben im Himmel und unten auf Erden.

Wenn wir uns schon fragten, wozu macht sie das? Was hat sie davon, dann lässt sie jetzt die Katze aus dem Sack. Sie verhandelt.

12 So schwört mir nun bei dem HERRN, weil ich an euch Barmherzigkeit getan habe, dass auch ihr an meines Vaters Hause Barmherzigkeit tut, und gebt mir ein sicheres Zeichen, 13 dass ihr leben lasst meinen Vater, meine Mutter, meine Brüder und meine Schwestern und alles, was sie haben, und uns vom Tode errettet.

Deal. Ich schlage euch beiden einen Handel vor. Ich helfe euch, und ihr helft mir. Und sie machen einen Deal, ein Geschäft, einen Vertrag, an dessen Ende ein Zeichen wie eine Unterschrift steht, ein rotes Seil.

14 Die Männer sprachen zu ihr: Tun wir nicht Barmherzigkeit und Treue an dir, wenn uns der HERR das Land gibt, so wollen wir selbst des Todes sein, sofern du unsere Sache nicht verrätst.

Rahab hat sich nicht verrechnet – insofern wird sie nicht das Schicksal der Kurden heute teilen. Später im 6. Kapitel des Buches Josua hören wir, dass man Wort hält und Rahab und die Ihren verschont. Das geht so weit, dass die Hure Rahab im Stammbaum Jesu auftaucht: „Salmon zeugte Boas mit der Rahab“ [Mt 2,5]. Zurück zur Erzählung.

15 Da ließ Rahab sie an einem Seil durchs Fenster hinab; denn ihr Haus war an der Stadtmauer, und sie wohnte an der Mauer. 16 Und sie sprach zu ihnen: Geht auf das Gebirge, dass eure Verfolger euch nicht begegnen, und verbergt euch dort drei Tage, bis zurückkommen, die euch nachjagen; danach geht eures Weges. 17 Die Männer aber sprachen zu ihr: So wollen wir den Eid einlösen, den du uns hast schwören lassen: 18 Wenn wir ins Land kommen, so sollst du dies rote Seil in das Fenster knüpfen, durch das du uns herabgelassen hast, und zu dir ins Haus versammeln deinen Vater, deine Mutter, deine Brüder und deines Vaters ganzes Haus.

Rot, da haben wir so unsere Assoziationen. Sie reichen von Aggression bis zur Liebe, von Rotlicht bis zum Blut. Auf alle Fälle ist das eine Signalfarbe, die in einer eher monochromen Umgebung auffallen muss. Das gedrehte Seil heißt in der hebräischen Sprache Tiqwa. So eines, wie man es einst auf der Reeperbahn hergestellt hatte. Aber das gleiche Wort steht auch für „Hoffnung“. Die Hoffnung verschont zu werden, geht mit dem roten Seil einher, das uns auch an das Blut des Passahlammes an den Türpfosten der Israeliten erinnern kann. In den so gekennzeichneten Häusern blieben die Erstgeborenen verschont.

19 So soll es sein: Wer zur Tür deines Hauses herausgeht, dessen Blut komme über sein Haupt, aber wir seien unschuldig; doch das Blut aller, die in deinem Hause bleiben, soll über unser Haupt kommen, wenn Hand an sie gelegt wird. 20 Und wenn du etwas von dieser unserer Sache verrätst, so sind wir frei von dem Eid, den du uns hast schwören lassen. 21 Sie sprach: Es sei, wie ihr sagt!, und ließ sie gehen. Und sie gingen weg. Und sie knüpfte das rote Seil ins Fenster.

Was für eine bemerkenswerte Frau! So mutig und so entschlossen, eine von denen die, obwohl sie nicht zum auserwählten Volk gehören, am Heil teilhaben. So wie die kanaanäische Frau, von der wir im Evangelium [Mt 15,21-28] gehört hatten. Beide zeigen uns im Mut der Verzweiflung die Entscheidung für diesen einen Gott, dem sie sich, ihr Wohl und Wehe und was ihnen am wichtigsten ist, anvertrauen. Das macht sie stark. Es ist ihr Glaube.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Menü schließen