2. Sonntag nach Trinitatis

Text: 1. Kor 14,1–12
Thema: Deutliche Aussprache
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Es hat viel für sich, wenn Journalistinnen und Journalisten Sendungen moderieren. Man sollte annehmen, sie wissen, was sie tun und wovon sie sprechen. Was aber hilft’s, wenn wir sie nicht verstehen? Nicht etwa, dass es an einer abgehobenen Ausdrucksweise läge. Keine Fremdworte, allenfalls unaussprechliche Namen lässt ihre Moderation über die Lippen. Alles gut, sollte man meinen. Aber dann, wenn der Satz zu Ende geht, da, wo im Deutschen das Prädikat steht, also die Satzaussage gipfelt, fällt die Stimme ins Tonlose. Ihr Klang wird verschluckt. Was bleibt, ist ein Satz-Torso. Auf den Bühnen, im Theater oder auch im Film kann man den Eindruck gewinnen, Undeutlichkeit sei das Gebot der Stunde. Wenn Till Schweiger schwobelt, schwindet das Wortverständnis. Auch Sprechen will gelernt sein. Aus Lässigkeit wird schnell Nachlässigkeit.

Solange gesprochen wird, dürfte es dieses Phänomen geben. Zudem trifft jedes Sprechen auf die Hörer, die es erreichen will. Wenn sie verstehen sollen, was ich sage, muss ich sie im Blick haben. Ich muss wissen, dass das Kind anders – kindgerecht – angesprochen werden will als seine Mutter oder seine Großmutter. Die kämpft vielleicht überdies mit nachlassendem Gehör. Zuhause lässt ihr Mann die Hörgeräte meist linksliegen. Sie hat sich angewöhnt, ihm zuliebe laut und deutlich zu sprechen. „Ihm zuliebe“ – ja, sie leistet schon sprechend einen Liebesdienst, indem sie darauf achtet, dass ihr Mann sie verstehen kann. Dass die Art und Weise, wie wir reden, formal und inhaltlich sowieso, etwas mit Liebe zu tun hat, darauf macht Paulus die Korinther aufmerksam. Das ist, finde ich, ein bemerkenswerter Gedanke. Er gilt auch schon bei den Äußerlichkeiten der Rede, auf die wir zunächst geschaut haben. Eben noch hat Paulus im 1. Korintherbrief das Hohelied der Liebe „gesungen“. Sie erinnern sich: „Nun aber bleiben diese drei: Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen“ [1. Kor 13,13]. Aber jetzt geht’s ja um die Rede und die Redner aber, das behalten wir im Kopf, im Licht der Liebe. Was sie sagen und wie sie reden. Und Paulus fordert die einen und schützt die anderen. Er fordert den Sender und verlangt seine Fürsorge denen gegenüber, die zuhören. So schützt er sie vor Teilnahmslosigkeit und Unverständnis.

Im 14. Kapitel des 1. Briefes an die Gemeinde in Korinth lesen wir:

14,1 Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber darum, dass ihr prophetisch redet! 2 Denn wer in Zungen redet, der redet nicht zu Menschen, sondern zu Gott; denn niemand versteht ihn: im Geist redet er Geheimnisse. 3 Wer aber prophetisch redet, der redet zu Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung. 4 Wer in Zungen redet, der erbaut sich selbst; wer aber prophetisch redet, der erbaut die Gemeinde.

Die Redeweisen in der Gemeinde sind anders als die auf dem Markt oder im Stadion. Das hat viel mit dem Thema zu tun und der Form der Veranstaltung. Im Moment gibt es fast eine Mode, die Predigt als Rede durch Formen der leichten Moderation zu ersetzen. Parlare sagt der Italiener, Parlando nennt man das beiläufige Erzählen im Gesang. Die Verständlichkeit darf darunter nicht leiden. Nun ist es aber so, dass es im Gottesdienst der Korinther Gemeinde verschiedene Weisen der Rede gibt. Zum einen ist da die „Zungenrede“. Das griechische Wort lässt ihre Besonderheit laut werden: Es heißt „Glossolalie“. In der Apostelgeschichte geraten die geisterfüllt redenden Anhänger Jesu in den Verdacht, sie seien voll süßen Weins [Apg 2,13]. Es liegt auf der Hand, dass diese Rede nicht alle verstehen können.

Denn was für Gott gilt – Psalm 139 spricht es aus: „Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, Herr, nicht alles wüsstest“ [Ps 139,4] – das können wir für uns nicht in Anspruch nehmen. In der Gemeinde von Korinth beobachtet Paulus, dass bei vielen die Zungenrede das größte Ansehen genießt. Sie gilt als Ausweis einer engen Verbindung zwischen Himmel und Erde, Gott und Redner.

Was da geschehen kann, zeigt uns Elias Alder in Robert Schneiders Roman „Schlafes Bruder“. Als Kind hatte Elias eine Gotteserfahrung. Sie war es, die ihn auf einzigartige Weise antrieb und inspirierte. Jetzt sitzt er an der Orgel und spielt, das seinen Hörern das übliche Sehen und Hören vergeht. „Sie saßen reglos in den Bänken, ihre Augen bewegten sich nicht mehr. Ihr Atmen hatte sich verlangsamt, und die Frequenz ihrer Herzschläge war die Frequenz seines Herzschlagens geworden […] Wenn er also musizierte, vermochte er die Menschen bis ins Innerste ihrer Seele zu erschüttern. […] Der Zuhörer konnte sich der Wirkung nicht mehr entziehen. […] Das Thema bestand aus Grundtönen des zu improvisierenden Chorals, hatte aber eine o filigran-träumerische Gestimmtheit, dass ein jüngeres Weib auf der Evangelienseite zu Recht ausrief: ‚Ich sehe den Himmel!‘ […] Und Elias Alder jubilierte, und Jubel war das gleißende, nichtmehr enden wollende Dur, welches diese unbegreifliche, ja irrsinnige Improvisation abschloss.“

Was aber bewirkt solche Rede bei denen, die ihrer nicht kundig sind? Die sich unsicher und tastend auf fremdem Terrain bewegen?

Paulus fragt: „Nun aber, Brüder und Schwestern, wenn ich zu euch käme und redete in Zungen, was würde ich euch nützen, wenn ich nicht mit euch redete in Worten der Offenbarung oder der Erkenntnis oder der Prophetie oder der Lehre?“ [1. Kor 14,6]

Die Gemeinde in Korinth ist im Aufbau begriffen. Das heißt, wer hier redet, wir würden sagen „predigt“, muss auch diejenigen erreichen und denen verständlich sein, die noch nicht oder neu dazugekommen sind. Das ist ein Gebot der Liebe, denn das Evangelium gilt allen Menschen.

Darum macht sich der Apostel in der konkreten Situation für das prophetische Reden stark. Es ist im Bild gesagt, stärker geerdet und hat vor allem die Adressaten der Rede im Blick. Deshalb dient das prophetische Reden, die Predigt, der Erbauung, der Ermahnung und der Tröstung. Diese Seite fehlt der Zungenrede. Sie ist ein Ereignis, das den Einzelnen erfasst, eines, das sich nicht erklären will und kann. Undenkbar ist übrigens auch, die Vorstellung einer Zungenrede mit Manuskript, nachzulesen Stunden oder Tage nach dem Ereignis. Genauso ist es fraglich, ob Elias Alder an der Orgel diese eine Improvisation noch einmal so, genauso wiederholen könnte.

Nichts spricht allerdings dagegen, dass Gott sich auch in der Predigt der Rede bemächtigt, ja, dass die Redenden von ihm – vom Geist – mitgerissen werden. Für Paulus gibt es kein Entweder-Oder von Zungenrede und Predigt. Deshalb kann er festhalten: „Ich möchte, dass ihr alle in Zungen reden könnt“ [1. Kor 14,5].

Es ist nur wünschenswert, dass alle ein so nahes Verhältnis zu Gott entwickeln, dass er sich ihrer wenigstens zeitweilig bemächtigt. Die Gemeinde braucht auch die, für die das gilt. Am Ende wirken beide Redeweisen zusammen. Und auch die prophetische, allgemein verständliche Rede kommt nicht umhin von „Geheimnissen“ zu reden, die sich dem Verstand und dann auch dem Verstehen entziehen. Gilt das nicht auch für unsere Rede von der Auferstehung? Es muss uns immer klar sein, dass wir uns Gott so oder so nicht verfügbar machen können.

Dass durch unsere Worte, seien sie stark oder schwach, groß oder klein, einfach oder kompliziert, Gott hindurchklingt, das können wir nicht bestimmen, nicht „machen“ und schon gar nicht erzwingen. Wenn wir Gott „hören“ wollen, sind wir gut beraten zu beten. Was im Gebet von IHM zurückkommt und was das bewirkt, das bleibt jederzeit offen. Insofern charakterisiert das Wesen des Gebets auch die Haltung des Gläubigen. „Wir strecken uns nach dir…“

Hören und Beten gehen also der Predigt voraus. Es handelt sich schließlich um die Kommunikation zwischen Himmel und Erde. Die ist offen, letztlich unverfügbar.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.