Himmelfahrt
Text: Eph 1,(15–20a)20b–23
Thema: Schaut hin!
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Heute beginnt der Ökumenische Kirchentag in Frankfurt. Es wird ein ungewöhnlicher Kirchentag sein, einer, bei dem die Gäste auf manch gewohntes Format verzichten oder es in anderer Form aufgegriffen erleben werden. Der ökumenische Kirchentag geht neue Wege. Er findet dezentral statt. Ist Frankfurt der Anker-Ort, so sind die Liegeplätze des Kirchentags doch über das ganze Land verteilt. Das ist ein Ergebnis der oft gestellten Frage, wie man eine solche Großveranstaltung unter den Bedingungen der Pandemie gestalten kann. Die meisten, die den Kirchentag besuchen, werden das auf digitalem Wege tun. Darin spiegelt sich eine Entwicklung der letzten Monate wieder. Wer hat nicht alles gelernt, zu streamen, sich auf sozialen Plattformen zu tummeln und Videokonferenzen anstelle physischer Zusammenkünfte zu nutzen. Da hat zwangsweise ein Modernisierungsschub stattgefunden. Vor der Kirche und ihrem Auftritt hat das nicht haltgemacht.

Den Kirchentag ökumenisch zu verstehen und zu gestalten, das stellt eine weitere Herausforderung dar. Nicht, dass es auf dem Feld der Ökumene keine routinierten Umgangsformen gäbe, aber, um im Bild zu bleiben, die Früchte dieser Feldarbeit fallen in der Regel eher unscheinbar aus. Hier gilt auch das Motto der Veranstaltung. „Schaut hin!“ [Mk 6,38]

Und was gibt es zu sehen? Seit 10 Uhr kann man den Fernsehgottesdienst zur Eröffnung des Kirchentags live mitverfolgen. Das ist für uns keine Option. Aber, wir verstehen unseren Gottesdienst hier als unseren kleinen Beitrag zum dezentralen Kirchentagsgeschehen. Die Fülle des Programms kann man sich gut auf der Website des Ökumenischen Kirchentags ansehen (oekt.de).

Aber jetzt nehmen wir das Motto der kommenden Tage ernst und folgen dem Aufruf: „Schaut hin!“ [Mk 6,38]. Nach meinem Sprachgefühl, der Blick auf die Wortgeschichte bestätigt das, steht „schauen“ für ein genaueres, tieferes und vor allem bewusstes Sehen, eines, das mitunter sogar tiefer sehen lässt als auf den offensichtlichen Augenschein. Wir versuchen das und fragen erneut: Und was gibt es zu sehen?

Was uns der Predigttext schauen lässt, ist von anderer Art als alles, was wir in Museen besichtigen, unterwegs betrachten, im Internet recherchieren können. Hören wir den Text vom Anfang des Epheserbriefes, hier im 1. Kapitel die Verse 20-23:

Eph 1,20 Mit ihr hat er an Christus gewirkt, als er ihn von den Toten auferweckt hat und eingesetzt zu seiner Rechten im Himmel 21 über alle Reiche, Gewalt, Macht, Herrschaft und jeden Namen, der angerufen wird, nicht allein in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen. 22 Und alles hat er unter seine Füße getan und hat ihn gesetzt der Gemeinde zum Haupt über alles, 23 welche sein Leib ist, nämlich die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt.

Aus den ersten Worten erkennen wir, dass wir es mit einem Textausschnitt zu tun haben. „Mit ihr hat er an Christus gewirkt“ [Eph 1,20] Wir fragen – „ihr“, wer oder was ist damit gemeint. Aus den Versen davor ergibt sich: Es ist die Kraft des Heiligen Geistes – „der Geist der Weisheit und der Offenbarung“ [Eph 1,17]. Gut, aber was wir sehen, ist die Wirkung ganz anderer Geister.

Sehen wir nach Israel, wo die Gewalt in diesen Tagen eskaliert. Sehen wir nach Afghanistan, wo die Taliban schon jetzt deutlich machen, was die Bevölkerung demnächst zu erwarten haben wird. Sehen wir nach China, wo die Bevölkerung einer weitgehenden Überwachung unterliegt und jede Abweichung von der vorgegebenen Linie bestraft wird. Kaum anders sieht’s in Russland oder Belarus aus. Wes Geistes Kind sind wohl all diejenigen, die die Rechte, das Wohl, die Freiheit, das Leben der anderen mit Füßen treten? Wir sind uns vermutlich einig, dass wir mit deren Geist nichts zu tun haben wollen.

Aber was dann? Wie sieht’s bei uns aus? Welcher Geist bewegt uns? Wir bemerken, dass in unserer Gesellschaft egoistische Verhaltensweisen ohne Schamgefühl hervortreten. Dass Selbstverwirklichung in Reinkultur den Zusammenhalt der Gemeinschaft in Frage stellen. Dass sich Unversöhnlichkeit und Herabsetzung in den gesellschaftlichen Debatten Zutritt verschafft haben. Dass es links und rechts eine Bereitschaft zur Gewalt gibt, um die eigenen Ziele und Interessen durchzusetzen. Dass ein Dauer-Alarmismus das Vermögen, Wesentliches und wirklich Dringliches zu erkennen, außer Kraft setzt.

„Schaut hin!“ [Mk 6,38] Heute heben wir die Augen zum Himmel – sehen den „sky“ und schauen zum „heaven“. Sie folgen dem Auferstandenen und seiner Himmelfahrt. Er kommt zurück dahin, von wo aus er in die Welt gesandt war. Dort gehört er hin. Dorthin hat er uns alle eingeladen, als er kam, Gottes Willen lebendig und anschaulich werden ließ, auf sich nahm, was uns zu schwer wird – unsere Schuld und unser Versagen, als er am Kreuz starb und – Zeichen der Hoffnung – am dritten Tage auferstand von den Toten.

In dem Himmel, der mehr ist als das, was wir sehen, der da ist, wo Gott ist, da hat ihn der Geist Gottes „eingesetzt zu seiner Rechten im Himmel“ [Eph 1,20]. Es sind keine Raketen, es ist kein Sicherheitsapparat, auch keine wirtschaftliche Schlagkraft, die ihn „über alle Reiche, Gewalt, Macht, Herrschaft und jeden Namen, der angerufen wird“ [Eph 1,21] setzt. Die Legitimation, die er hat, ist die des Schöpfers des Himmels und der Erden, des Retters unseres verfehlten und in Tod mündenden Lebens, des Geistes, der Tote auferweckt und Liebe und Leben neu macht.

Als die erste Barmer Bekenntnissynode im Mai 1934 zusammenkommt, ist ER es, der Christus, den sie dem schreienden und geifernden „größten Führer aller Zeiten“ entgegenhält: „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“ [1. These] Es ist eine Versammlung gegen die vieles spricht, vor allem die Vielen, die sich von diesem Herrn losgesagt haben, um einem anderen zu folgen. Es ist zudem eine Versammlung, in der alle wissen, dass ihre Möglichkeiten begrenzt sind bis hin zur Ohnmacht und auf den Herrn vertrauen, der sagt: „meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“ [1. Kor 12,9].

„Schaut hin!“ [Mk 6,38] Ja, wir schauen hin. Einmal zum Himmel, und zum andern auf die Welt, unser Leben und die Gemeinschaft derer, die dem Auferstandenen folgen. Und ja, es ging ihr schon besser. Was die nächsten Jahre bringen werden, verspricht zumindest in den Bahnen dieser Welt, eine Herausforderung zu werden. Weil wir kleiner werden. Weniger werden. Weniger beachtet werden. Ärmer auch. Noch mehr oder jetzt erst recht angewiesen auf den lebendigen Glauben von uns allen. Den können wir nicht machen. Kein Programm, keine Technik, keine Super-Christen können das, erst recht nicht ein anbiederndes Verramschen der biblischen Botschaft nach den Gesetzen des Zeitgeistes. Der, das sollte uns wirklich klar sein, ist nicht der Geist, der unserer Schwachheit aufhilft [vgl. Röm 8,26].

Aber wir können uns ansprechen, anrühren, bewegen lassen durch den Geist Gottes. Und wir können nach ihm Ausschau halten, ihn suchen und anrufen, indem wir der Schrift – der Bibel – treubleiben und dem Gebet. Auch dazu lädt der 3. Ökumenische Kirchentag ein, den wir auf die eine oder andere Weise wahrnehmen und verfolgen können. Heute beginnt er. Am Sonntag wird er zu Ende sein. „Schaut hin!“ [Mk 6,38]

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.