Reminiszere – 13.2.2022

Text: Mt 26,36–46
Thema: Wie du willst
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Omas Garten ist groß. Es gibt da Rasenflächen, Blumenrabatten, einen großen Kirschbaum, Äpfel und weiter hinten den Nutzgarten. Von dort holt sie mittags geschwind einen Kopf Salat und Kräuter dazu. Bohnen gibt’s da, Erbsen und und Karotten, Kohlrabi und natürlich Kartoffeln. Himbeeren, Johannis- und Stachel- und die süßen Erdbeeren. Viel Arbeit überdies, in die sie sich morgens schon stürzt, ein Kopftuch umgebunden und mit einer Kittelschürze angetan.

In den Zeiten von Bezugsscheinen und Lebensmittelkarten sicherte so ein Garten die Ernährung einer ganzen Familie und mancher Zaungäste. Im Garten bist Du mitten im Leben, siehst, wie es wird und wie es vergeht, siehst, was ihm guttun und was ihm zu schaffen macht. Hier lernst Du, dass Leben bedeutet sich einsetzen und mühen, arbeiten und warten. Angewiesen sein. Alles tun, was nötig und möglich ist, aber doch nichts wirklich selbst in der Hand haben.

Das Drama der Menschheit nimmt im Garten seinen Anfang, als Adam und Eva mehr wollen, als ihnen zukommt. Sie nehmen sich, was zu nehmen ihnen verboten ist. Das kann nicht gutgehen. Ihre Strafe ist die Vertreibung, sind Mühen und Schmerzen im Leben, das nun eine Frist hat.

Vom Ölberg kommend geht Jesus mit den Jüngern hinab zum Bach Kidron – und wir gehen in Gedanken mit.

„Da kam Jesus mit ihnen zu einem Garten, der hieß Gethsemane“ [Mt 26,36] Sie kommen unter die alten Olivenbäume mit ihren wundersam verwachsenen Stämmen und Jesus „sprach zu den Jüngern: Setzt euch hierher, solange ich dorthin gehe und bete“ [Mt 26,36]. Er möchte sich zurückziehen, nur eine kleine Begleitung bleibt bei ihm: „Und er nahm mit sich Petrus und die zwei Söhne des Zebedäus und fing an zu trauern und zu zagen“ [Mt 26,37].

Immer weniger sind es, die am Ende bleiben. Vertraute, die nun mitbekommen, wie ihr Jesus jammert. Dabei kennen sie ihn doch nur anders. Stark und über den Dingen stehend. Wenn der Sturm tobt, und die Wasser ihr Boot zu verschlingen drohen. Ja selbst dem Teufel bietet er die Stirn. „Da sprach Jesus zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wachet mit mir!“ [Mt 26,38]

Die Seele weiß schon, wogegen sich Mut und Wille noch wehren. Bis zum Tod reicht ihre Betrübnis. Es sind nur noch die Momente im Garten, dann beginnt ein Weg gesäumt von Verrat, menschlichen Schwächen, Hass und Gewalt, Hohn und Spott. Am Ende stehen das Kreuz und sein Tod unter Qualen. Den wird er allein bestehen müssen. Das ist vielleicht das Schlimmste an diesem Weg, dass man ihn tatsächlich allein gehen muss. So lange Menschen da sind. Am Bett stehen, die Hände falten, singen, beten. Mitgehen können sie nicht. Es ist der Weg eines anderen. Irgendwann gehen sie dann ihren eigenen. Aber jetzt einen fremden Weg mitgehen können sie nicht.

„Und er ging ein wenig weiter, fiel nieder auf sein Angesicht und betete und sprach: Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst!“ [Mt 26,39]

Muss das sein? Mit vielen anderen fragen wir uns das in diesen Tagen. Muss das sein? Müssen Menschen so leiden, müssen sie so menschenverachtend behandelt, so kaltblütig gequält, so brutal getötet werden? „Muss das sein?“ An manchem Krankenbett kam uns diese Frage schon: „Muss das sein?“, ja, gelegentlich haben wir sie selbst gestellt, ein wenig wehleidig vielleicht, aber für den Moment überfordert.

„Ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber“, sagt Jesus und denkt dabei wohl an den biblischen „Taumelbecher“. Er macht die Runde unter denen, die den Zorn Gottes erfahren, die im Gericht stehen. Das abtrünnige Jerusalem muss aus dem „Kelch des Grimmes“ trinken [Jes 51,17] und Dietrich Bonhoeffer sieht ihn an Silvester 1944/45 auf sich zukommen, als er dichtet: „Und reichst du (Gott) uns den schweren Kelch, den bittern / des Leids gefüllt bis an den Rand, / so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern /

aus deiner guten und geliebten Hand.“  [EG 65,3]

Aber was hat Jesus getan? Wo ist schuldig geworden? Wo hat er den Vater verraten? Wofür soll er bestraft werden? Etwa für uns? Weil zutrifft, was Paul Gerhardt dichtet: „Ich, ich und meine Sünden, die sich wie Körnlein finden des Sandes an dem Meer, die haben dir erreget das Elend, das dich schläget, und das betrübte Marterheer.“ [EG 84,3]

Wie soll eine Welt, wie soll eine Menschheit, die nicht umkehrt, die nicht lernt, die immer wieder der Versuchung erliegt, das Lied vom Tod zu spielen, wie soll die mit Gott versöhnt werden? Welche Schwüre, will sie schwören? Welche Opfer, will sie bringen? Wie lupenrein müssen die Demokraten sein, dass man sich auf ihre demokratische Gesinnung verlassen könnte?

Die Jünger schlafen. „Und er kam zu seinen Jüngern und fand sie schlafend und sprach zu Petrus: Konntet ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen?“ [Mt 26,40]

Wissen sie überhaupt, worum es geht? Wissen sie, dass all das um ihretwillen geschieht? Um ihretwillen und aller Menschen willen. Eindringlich fordert Jesus sie auf: „Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt! Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach.“ [Mt 26,41]

Mehr können sie nicht tun. Mehr können auch wir in manchen Situationen nicht tun. Auch wenn wir hundertmal verächtlich auf Betschwestern und -brüder geblickt haben, jetzt, wo das Dunkel alles zu verschlingen droht, bleibt uns nichts andres als zu beten.

Vom Drama im Garten Eden bis zu dem in Gethsemane spannt sich ein Bogen, in dem das ganze Menschsein Platz findet. Seine Versuchungen, sein Scheitern, all die Rechnungen, die zu begleichen sind, all das Leid, das uns nun aus Mariupol und Kiew entgegenschreit, aber auch seine Größe, die einfache Menschenfreundlichkeit, die große Hilfsbereitschaft und einzelne, die über sich hinauswachsen. Hier im Garten zwischen Ölberg und Tempelberg, unten am Bach Kidron, deutsch „Schwarzbach“ oder „Dunkelwasser“, hier werden wir Zeuge eines Seelenringens.

„Zum zweiten Mal ging er wieder hin, betete und sprach: Mein Vater, ist’s nicht möglich, dass dieser Kelch vorübergehe, ohne dass ich ihn trinke, so geschehe dein Wille!“ [Mt 26,42]

Nach unserem Verständnis spricht hier der Sohn mit dem Vater. Der aber bleibt stumm. Was zu sagen war, hat er gesagt. Gott selbst muss das Opfer bringen, das kein Mensch, nicht einmal die Menschheit bringen kann. Er selbst muss das Kreuz tragen, das die Menschen immer wieder aufrichten, als seien sie die Handlanger des Todes. Er selbst muss durch Christus den Tod auf sich nehmen.

„Und er kam und fand sie abermals schlafend, und ihre Augen waren voller Schlaf. 44 Und er ließ sie und ging wieder hin und betete zum dritten Mal und redete abermals dieselben Worte.“ [Mt 26,43f.]

Ja, man möchte sich schämen, dass die Jünger dieser einfachen Bitte Jesu nicht nachzukommen vermögen, wüsste man nicht, dass man oft genug schlafend gefunden wurde, wo es darauf angekommen wäre, wach zu sein. Aber verdeutlicht dieses Ungenügen der Jünger nicht auch, dass nicht sie es sind, die das Heil wirken können? Und ein drittes Mal bittet Jesus den Vater: „Mein Vater, ist’s nicht möglich, dass dieser Kelch vorübergehe, ohne dass ich ihn trinke, so geschehe dein Wille!“ [Mt 26,42]

Aber in dieser Nacht schweigt der Vater. Kein Wort. Kein Trost, keine Zusage. Das tut weh; Schweigen tut weh. So weh, dass Jesus am Kreuz schreien wird: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ [Mk 15,34] Diese Nacht im Garten bleibt ohne Lichtblick. Da kündigt sich in der tiefsten Stunde kein heller Morgenschein an. Da ist nicht demnächst einfach alles wieder gut. So wird gar nichts gut. Im Gegenteil. Es wird immer schlimmer. Die Dinge nehmen ihren Lauf. Er hat es gewusst, von Anfang an.

Am meisten berühren mich diese acht Worte: „Nicht wie ich will, sondern wie du willst“ [Mt 26,39] Jesus unterwirft sich keiner Macht des Schicksals, er lässt den Willen des Vaters gelten. Ich wollte, ich wäre dazu bereit. Aber immer wieder ertappe ich mich, wie ich dagegen aufbegehre. Ich muss noch weite Wege gehen, womöglich bis zu meinem Bach Kidron, um so sprechen zu können. „Nicht wie ich will, sondern wie du willst“ [Mt 26,39]

Dann kam er zu den Jüngern und sprach zu ihnen: Ach, wollt ihr weiter schlafen und ruhen? Siehe, die Stunde ist da, dass der Menschensohn in die Hände der Sünder überantwortet wird. 46 Steht auf, lasst uns gehen! Siehe, er ist da, der mich verrät.“ [Mt 26,45f.]

Jetzt nehmen die anderen die Sache in die Hand. Und es kommt, was dann kommen muss: Am Ende steht der Tod. Die Jünger werden wach in einer neuen Wirklichkeit: Sie reiben sich die Augen und mögen sich fragen: Was wird aus uns und was wird aus dieser Geschichte Gottes mit den Menschen?

Seit jenem 24. Februar 2022 steigen solche Fragen auch in uns auf. Wenigstens wissen wir uns von guten Mächten geborgen, wenn wir auf Jesu Kreuz und Auferstehung sehen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.