Septuagesimae
Text: Jer 9,22–23
Thema: Allein Gott sei Ehre
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Draußen fahren die Limousinen vor. Bedienstete öffnen den Wagenschlag und geleiten die Herrschaften hinein. Von dort ist nur ein gedämpftes Murmeln zu hören – eine erlauchte Gesellschaft hat sich eingefunden. Es sind die Besten. Leistungsträgerinnen und Spitzenkräfte allesamt. Eine Festversammlung. Ist es Davos oder ist es die Gemeinschaft des Ordens Pour le Mérite? Sind es die Träger des Karls- oder des Nobel-Preises? Einerlei, sie alle erwarten eine Festrede, die so bedeutend ist, wie sie selbst – wenn das überhaupt im Bereich des Möglichen liegt – und über die man morgen sprechen wird. Langsam wird das Licht gedimmt, nur die Bühne tauchen starke Scheinwerfer in helles Licht.

Und jetzt? Ja, jetzt kommt ein Prophet. Er heißt Jeremia und hat vor ungefähr 2.500 Jahren in Israel gelebt. Prophet ist er nur widerwillig geworden, und weil man sich dagegen nicht wehren kann. Er selbst hatte Zweifel an seiner Befähi-gung, hielt sich selbst für zu jung, befürchtete möglicher-weise, es könne ihm an Autorität fehlen. Nun aber ist er der Prophet des Herrn.

Nun sehe ich ihn zur Festversammlung stoßen. Die wird sich vielleicht wundern, dass nicht einer von denen kommt, die so etwas einfach wunderbar machen, indem sie alle Er-wartungen befriedigen. Es gibt ja nun wirklich herausragen-de Lobredner. Die besten sind solche, denen selbst größtes Lob gebührt. Wieviel mehr wiegt ihr freundliches Urteil. Be-merken wir womöglich schon jetzt Unwillen in den Mienen der Anwesenden? Wer ist das denn? Man blättert unruhig im Programmheft, tuschelt hinter vorgehaltener Hand mit dem Nachbarn, runzelt die Stirn und hält den Atem an, als der Redner die Stimme erhebt: „So spricht der Herr“ [Jer 9,22]. Den Kundigen dämmert sofort, so spricht ein Prophet, einer, der ausrichtet, was Gott ihn sagen lässt. Ist’s jetzt aus mit der Behaglichkeit der Festversammlung und darf sie auf freundliche Bestätigung hoffen?

Was erwarten wir denn heute Morgen? Bestimmt nicht, dass einer uns aufschreckt oder unsere Kreise stört. So wird’s der Festversammlung in Israel, die ich mir vorstelle, auch gegangen sein.

„Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums“, [Jer 9,22] richtet Jeremia seinen Hörern aus. Aber genau das wäre doch so schön gewesen, so ein wenig wohltuender Lobhudelei, Schulterklopfen und gegenseitiger Bestärkung. Wir sind toll! Man könnte meinen, dass es ihnen gleichgültig ist, ob eine vielleicht sogar ausgeschlossene Öffentlichkeit sich dafür interessiert und sich der Bewunderung anschlösse. So sicher, so selbstsicher ist man inzwischen, dass man darauf nicht mehr angewiesen ist.

Die kundigen Hörer haben die Worte des Propheten gleich einordnen können. Das ist weisheitliche Rede. Wie üblich hat sie ihren Ausgangspunkt in einer höchst alltäglichen Beobachtung. Ja, tatsächlich, es gibt weise, starke und reiche Menschen, und, das ist damit auch gesagt, es gibt auch tö-richte, schwache und arme Menschen. Die Welt ist bunt, bunter jedenfalls, als es sich das in solch einer Festversammlung darstellt.

Nun nimmt das Prophetenwort die Realität der Weisen, Starken und Reichen in den Blick. Nein, keine Publikums-beschimpfung, in der man den Leuten vorwirft, dass sie Vorzüge haben und ihnen ihr Gegenteil als Vorbild hinstellt. Nichts spricht gegen Weisheit, Kraft oder Reichtum. Sich dessen zu rühmen, kritisiert das Prophetenwort, also nicht die Gegebenheit, sondern wie man mit ihr umgeht. Und hier ist es eine Form der Beschränktheit. Sie lässt den Weisen so töricht sein, seine Weisheit im Vergleich mit der Weisheit anderer als überlegen zu betrachten. Sie bringt den Starken dazu, sich im Vergleich mir Schwächeren seiner Stärke zu rühmen und ebenso den Reichen. Es sind Binnenwelten. Geschlossene Zirkel. Ihnen geht schon mal das Interesse am Zusammenhang mit dem Rest der Welt oder der Gesellschaft verloren. Die braucht man nur, um sich sagen zu können, ich bin besser.

Das Bedürfnis ist uns bekannt, vielleicht mehr als uns jetzt lieb ist. In der Welt der Rankings vergleichen wir und werden wir verglichen. Ein gutes Beispiel dafür – für die Abgeschlossenheit einer Gesellschaft und für selbstsüchtiges Lobhudeln – bietet derzeit das, was von der olympischen Idee übriggeblieben ist. An der Spitze zu stehen, das ist ein Anreiz für einen großen Teil unseres Bemühens. So beweisen und rühmen wir uns selbst.

Genau das kritisiert Jeremia.

Und dann fährt er fort: „Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der Herr“ [Jer 9,23]

Das ist ein Perspektivenwechsel. Statt auf den andern zu sehen, um sich mit ihm zu vergleichen und sich dann der eigenen Vorzüge rühmen zu können, zeigt sich Klugheit darin, Gott zu kennen. Wer aber kann schon von sich sagen, er kennte Gott? Ein Gelehrter vielleicht, ein Forscher, ein Heiliger? Nichts da. Jeder kann Gott kennen, der auf sein Handeln merkt. Jeremia wird keine Schwierigkeiten haben, der Festversammlung zu erklären, wo und wie sie Gott kennen lernen kann. Er wird sie daran erinnern können, wie barmherzig er sich immer und immer wieder seinem Volk gegenüber gezeigt hat. Wie er dem Recht zum Durchbruch verholfen und Gerechtigkeit hat walten lassen.

Und wir könnten uns daran erinnern, dass Gott uns bis in die tiefsten Tiefen des Lebens entgegengekommen ist, wie er uns überrascht hat mit seiner Gerechtigkeit, die, anders, als wir es gewöhnt sind, nichts gegeneinander aufrechnet, sondern trägt, was wir nicht tragen können und heilt, was wir nicht heilen können und schenkt, was wir uns nie und nimmer verdienen können.

Wir könnten uns an Momente tiefsten Glücks erinnern, in denen wir uns fühlten, als hätten wir Flügel und können uns von aller Erdenschwere lösen. Aber auch da, wo es uns hinabgezogen hatte und niederdrückte, dass es nichts zu geben schien, was uns hätte erleichtern können, und ganz unverhofft ein Licht, ein Laut, ein Lebewesen uns erreichte und wissen ließ, dass es nicht gar aus ist mit uns. Wir könnten uns an den oder die erinnern, in der uns der Ganz-Andere begegnete oder an Wort von IHM, das uns als Wispern oder als Zuruf erreichte, oder das wir von der S-Bahn aus im Vorbeifahren oder morgens als Losung lasen. Wir könnten uns auch an Momente erinnern, da es anders kam, als wir das eingefädelt, beabsichtigt und geplant hatten – „und siehe, es war sehr gut“ [1. Mos 1,31].

Es wäre schon klug, das zu sehen. Dann müssten wir uns nicht darin beweisen, besser oder gar die Besten zu sein, und es bliebe uns womöglich erspart, das Leben zu verfehlen bei dem Versuch, es nach unseren Vorstellungen zu optimieren.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.