3. Advent – 12.12.2021
Text: 1. Kor 4,1–5
Thema:  Gegen die Tribunalisierung des Lebens
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Den Predigttext zum dritten Advent lesen wir im ersten Brief an die Korinther im 4. Kapitel, die Verse 1-5:

1. Kor 4,1 Dafür halte uns jedermann: für Diener Christi und

Haushalter über Gottes Geheimnisse. 2 Nun fordert man nicht mehr von den Haushaltern, als dass sie für treu befunden werden. 3 Mir aber ist’s ein Geringes, dass ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Gericht; auch richte ich mich selbst nicht. 4 Ich bin mir zwar keiner Schuld bewusst, aber darin bin ich nicht gerechtfertigt; der Herr ist’s aber, der mich richtet. 5 Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist, und das Trachten der Herzen offenbar machen wird. Dann wird auch einem jeden von Gott Lob zuteilwerden.

Jedes Jahr fiebern die Köche der Spitzen-Gastronomie dem Erscheinen der einschlägigen Restaurant-Führer entgegen. Wie viele Sterne werden’s diesmal sein? Oder Hauben? Geht’s rauf oder geht’s runter? Aber auch Dienstleister, Lehrerinnen und Lehrer, Arztpraxen, Fitnessstudios, Hotels, Kaffeesorten, ja, selbst die stummen Zeugen der Geschichte, sogenannte Sehenswürdigkeiten entkommen der Bewertung nicht. Als Internet-Nutzerinnen werden wir immer wieder zur Bewertung aufgefordert. Offizieller Grund: Man möchte besser werden. Hintenrum spielen Werbung und Gewinn wohl auch eine Rolle.

Ganz offensichtlich ist das im Falle der Bundesliga. Der Platz im Ranking, auch Tabelle genannt, entscheidet über Marktwert und damit über die Einnahmen der Vereine. Im politischen Raum erlauben Wahlen uns Wählerinnen und Wählern mit der Vergabe unserer Stimme eine Bewertung der antretenden Parteien und Kandidaten vorzunehmen. Und der Blick auf die Kurse an der Börse will darin die Bewertungen des Marktes für die börsennotierten Unternehmen erkennen. Überall ist die Beschreibung von erwarteter Qualität, definierten Zielen und der Erweis vorzeigbarer Ergebnisse gefragt. Bilanzen und Bilanzierung lassen nicht nur Aktien fallen oder steigen, sondern auch die Herzen höherschlagen. Objektivier-bar soll’s sein und transparent, definiert und effizient, kalkulierbar und flexibel. Wer den Nützlichkeitsnachweis schuldig bleibt, verliert schnell seine Existenzberechtigung. “Für Ihre weitere berufliche Zukunft wünschen wir Ihnen alles Gute.”

Als Paulus den Korinthern schreibt, sind die Umgangsformen anders und die Beziehungen zueinander auch. Paulus, das macht er in seinem Brief an die Gemeinde zu Korinth deutlich, versteht sich als ein von Gott geschickter “Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse” [1. Kor 4,1]. Sein Auftrag gilt von der Berufung her bis ans Ende seines Lebens. Seine Gegner bestreiten deshalb auch nicht den Auftrag, sondern die Berufung des Apostels Paulus. So einer kann nicht von Gott berufen sein, mäkeln sie an ihm herum. Paulus spürt und weiß das.

Auf dieses Spiel will er sich nicht einlassen. Am Ende müsste er gegenüber seinen strengen Richtern jeden ihrer Kritikpunkte widerlegen und den Nachweis erbringen, dass er charakterlich geeignet ist. Aber als “Vater der Gemeinde” [s. 1. Kor 4,15] kommt es darauf nicht an. Sein Amt ist das des Haushalters. “Nun fordert man nicht mehr von den Haushaltern, als dass sie für treu befunden werden” [1. Kor 4,2], schreibt er. Das ist, die Geschichte wird es zeigen, viel, diese Treue zu halten. Dafür geht er ins Gefängnis, lässt sich beschimpfen und schmähen, ja, setzt sein Leben auf’s Spiel und verliert es. Viele werden daran scheitern, solch treue Haushalter zu sein. Das aber sehen die strengen Kritiker des Paulus nicht. Der aber versteht sich nicht als Angestellter der Gemeinde von Korinth oder gar deren erwartungsvoller Kritikerschar, er versteht sich als Angestellter Christi. Christus ist sein Herr. Ihm gegenüber ist er verantwortlich.

Von ihm ist er gesandt. Das ist der alles entscheidende und bewirkende Grund dafür, dass er Apostel ist und als Apostel arbeitet. Wenn ihn etwas stark sein lässt, dann ist es diese Sendung. Mögen die Kritiker kritisieren, mögen die Gegner sein Apostolat in Zweifel ziehen, das alles zählt nicht. “Der Herr ist’s aber, der mich richtet” [1. Kor 4,4].

Die Situation in Korinth Mitte des 1. Jahrhunderts n.Chr. lässt sich mit unserer heutigen nicht wirklich vergleichen. Und wer von uns wollte oder könnte den Vergleich mit Paulus anstreben? Unser Leben und unsere Lebensbezüge sehen anders aus. Andererseits haben sich die Menschen nicht so sehr verändert, dass sie ihre Eigenart, gerne über andere zu Gericht zu sitzen, abgelegt hätten.

Wer ins Visier der einschlägigen Foren gerät, könnte die Inquisition glatt für ein Kinderspiel halten. Da wird geurteilt und verurteilt, was das Zeug hält. Gut, früher am Gartenzaun beim harmlosen Plausch der Nachbarinnen war das auch so, nur die Reichweite war eine andere. So verlockend also das Rampenlicht der großen öffentlichen Bühne ist, so erbarmungslos leuchten seine grellen Scheinwerfer auch Unzulänglichkeiten und Unsicherheiten aus.

Damit nicht genug. Längst stehen wir alle als Angeklagte vor Gericht. Dazu müssen wir nicht mal zu den „alten weißen Männern gehören“, denen ohne jede Differenzierung solche Übel wie Rassismus, Kolonialismus oder Sexismus zugerechnet werden. Ein allgegenwärtiges Gericht kennt die Schuldigen der Klimakatastrophe ebenso, wie die der Konsumgesellschaft. Und ehe wir uns versehen, sind wir selbst die Angeklagten. Odo Marquard hat das schon 1987 die „Tribunalisierung des Lebens“ genannt. Ihr entkommt nur, wer den Seitenwechsel vom Angeklagten zum Richter schafft, oder, so formuliert es der Philosoph vom „Gewissen haben“ zum „Gewissen sein“.

Spätestens jetzt möchte ich Paulus’ Einspruch hörbar machen. Er hat ein vollständig anderes Konzept im Umgang mit dem Phänomen menschlicher Richterattitüde. “Mir aber ist’s ein Geringes, dass ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Gericht; auch richte ich mich selbst nicht” [1. Kor 4,3]. Für mich, so erklärt er damit, sind Eure Daumenzeichen nach oben oder unten, für mich ist aber auch der Spiegel zerfleischender Selbstkritik nicht maßgeblich. Paulus distanziert sich von den energieraubenden Konflikten in Korinth, indem er sie in das Licht des Jüngsten Gerichts rückt. Damit vertraut er nicht einfach nur dem Mantel der Geschichte, der sich über die Niederungen des Alltags legen wird. Er schiebt das Problem nicht einfach auf die Zeitschiene, sondern überlässt die Lösung einer anderen Instanz: Gott. Paulus verlässt sich darauf, dass vor Gott andere Werte zählen als in den zerstörerischen Auseinandersetzungen zwischen Menschen. Gott wird das “Trachten des Herzens offenbar machen” [1. Kor 4,5]. “Oh Schreck, auch das noch! Dann wird alle Niedertracht offenkundig werden!” Solche Furcht ist, wenn wir Paulus folgen, unbegründet. Das liegt weniger an den offenbarten Herzen als an dem, der sie ansieht. Denn dessen Schlussfolgerungen fasst Paulus zusammen: “Dann wird einem jeden von Gott sein Lob zu Teil werden” [1. Kor 4,5].

Paulus’ Einspruch ist nichts anderes als die Botschaft von der Freiheit eines Christenmenschen. Sie ist begründet im Vertrauen auf die Gnade Gottes. Die zeigt sich, davon ist der Apostel felsenfest überzeugt, in Jesus Christus. Diese Botschaft hat er selbst empfangen, sie ist das Fundament seines Apostelamtes: “Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; und dass er begraben worden ist; und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift; und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen” [1. Kor 15,3ff.]. Auf diesem Grund steht, glaubt und lebt Paulus. Von da aus erträgt er die Anfeindungen aus Korinth und manche Widrigkeiten seines Apostellebens. Von da aus hört er den Freispruch im alltäglichen Gericht.

Das stellen wir der Tribunalisierung des Lebens gegenüber und all den kleinen und großen Richterlein, die besser wissen und urteilen und richten. Was verrichten sie? Was verrichten wir, wenn wir die unsichtbaren Roben angelegt haben? Nichts Gutes, schwant mir, denn gerecht werden wir einander so nicht. Ich lasse mir von Paulus sagen: Nur einer kann’s richten: Der Herr. Der Gekreuzigte ist Weltenrichter. Der sein Leben geopfert hat, wird das Urteil fällen. Er, der mit unseren Fehlern so sicher fertig wird wie mit unseren vermeintlichen Guttaten [Bonhoeffer], ist selbst das Geheimnis der Versöhnung.

Ob das stimmt? Ob das die Wahrheit ist? Wir werden es nur erfahren, wenn wir, wie die drei Weisen aus dem Morgenland, unserem Herzen trauen, dem Wort folgen, wie sie dem Stern, vor dem (Richter-)Thron des Herodes nicht stehen bleiben und den Weg bis zur Krippe gehen. Wenn wir uns nicht schrecken lassen vom Elend, nicht narren lassen von der Niedrigkeit, können wir das Geheimnis seiner Nähe entdecken. Das aber wird uns stark machen dem Richten zu widerstehen und im letzten Gericht zu bestehen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.