15. Sonntag nach Trinitatis
Text: Lk 17,5–6
Thema: Stärke uns den Glauben
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Es war ein trüber Tag. Jedenfalls in meiner Erinnerung. Und das nicht erst am Nachmittag nach dem Anruf von Philipp, der mich aufforderte, den Fernseher einzuschalten. Was da zu sehen war, machte sprachlos. Die Bilder gehören seitdem zum Kanon der wichtigsten Bildbotschaften aller Zeiten. Zeitversetzt waren zwei Passagiermaschinen in die beiden Tower des World-trade-Centers geflogen. Die fassungslosen Augenzeugen sahen diese danach in sich zusammensacken und alles mit sich zu reißen und unter sich zu begraben. Der Anschlag galt den Vereinigten Staaten und der gesamten westlichen Welt. Das alles erinnern wir nach zwanzig Jahren, als wäre es gestern gewesen.

Seitdem gehört der Terror, der auch in die Herzen der europäischen Städte getragen wurde, sei es Paris, London, Madrid, Berlin, Nizza oder Wien, seitdem gehört der Terror zu den beängstigenden Zeiterscheinungen. Der Versuch, dem Terror den Garaus zu machen, ist im Desaster von Afghanistan an seine Grenzen gekommen. Wenn der Innenminister von 23 hierzulande verhinderten Anschlägen seit 9/11 berichtet, wissen alle, die Gefahr ist nicht gebannt.

Auch andere Sorgen beschäftigen uns, wenn wir auf die Welt und ihre Zukunft sehen. Das Klima, die Neuordnung, vielleicht auch Aufteilung der Welt zwischen Großmächten, von denen eine bis vor kurzem noch als Entwicklungshilfeland galt. Die Globalisierung und vieles andere mehr. Das beschäftigt uns. Dabei sind viele Zusammenhänge für den uneingeweihten Betrachter nicht zu durchschauen, manche sind so komplex, dass nur noch Spezialisten sie verstehen können. Je weniger wir wissen, desto größer sind Vermutungen und Ängste. Vernunft und Urteilskraft sind dann auf dem Rückzug.

Angst ist wahrhaftig genug in der Welt und vielleicht auch bei uns. Ich muss sie nicht weiter beschreiben. Viel wichtiger und näher dran an meiner Aufgabe ist es da schon, der Angst zu begegnen. Wir brauchen und suchen Bestärkung, Zutrauen – Glauben.

Unsere Kleinen brauchen das, wie sollten sie es sonst wagen, die Welt zu entdecken? Unsere Jugendlichen sind darauf angewiesen, die in der Schule beispielsweise die Erfahrung ihrer Möglichkeiten und Grenzen machen. Sportler können darauf nicht verzichten, denn auf – ich zitiere eine der beliebtesten Aussagen in diesem Zusammenhang – auf die „Einstellung“ kommt es an. Ganz besonders aber brauchen Patienten solche Bestärkung, solches Zutrauen und solchen Glauben, weil die Zuversicht eine der wichtigsten Gaben im Heilungsprozess darstellt. Selbst an der Börse ist es zu erkennen. Da haben wir immer gedacht, Geld regierte die Welt, und lernen nun ein um’s andere Mal, dass die Börse und damit das Geld selbst regiert wird. Von wem? Vom Glauben. „Der Markt hat kein Zutrauen“ – heißt es in den Nachrichten. Was das heißt, wissen alle Anleger, die Kleinen und die Großen. Es geht bergab. Der Kurs fällt.

Die vielgefragten Berater, jetzt heißen sie „Coaches“, beschwören landauf, landab das Credo: Nutze die Kraft des positiven Denkens. Dass es sie gibt, ist unbestritten. Dass sie wirkt, ist die Erfahrung von Vielen. So weit, so gut. Da brauche ich eigentlich gar nicht mehr viel zu sagen zu dem Bildwort, das heute als Predigttext vorgeschlagen ist. Sie finden es bei Lukas im 17. Kapitel, Vers 5 und 6:

Lk 17,5 Und die Apostel sprachen zu dem Herrn: Stärke uns den Glauben! 6 Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und verpflanze dich ins Meer!, und er würde euch gehorsam sein.

Was erwarten die Jünger von Jesus? Eine Trainer-Maßnahme? Glaubt an Euch, Jungs!? Da müsste er sie enttäuschen. Wenn er von Glauben spricht, meint er etwas anderes, nichts, was sie aus sich selbst hervorbringen, erzeugen könnten. Insofern kann solcher Glaube auch in keiner Weise eine Leistung sein. Die Jünger haben das erkannt, wenn sie bitten: „Stärke uns den Glauben!“ Wenn sie’s selber könnten, müssten sie so nicht bitten.

Jetzt aber kommt die Antwort. Etwas unglücklich ist die Übersetzung: „Wenn Ihr Glauben hättet“ – besser, näher dran wäre die Übertragung: „Wenn Ihr Glauben habt“. Also, wenn Ihr Glauben habt – und sei der auch nur so groß wie ein Senfkorn; und ein Senfkorn ist nun wirklich klein! – wenn Ihr Glauben habt, könnt Ihr damit Erstaunliches erreichen. Und Glauben so groß wie ein Senfkorn habt Ihr allemal! Also habt Mut! Das ist die Quelle Eurer Kraft. Mit dieser Kraft könnt Ihr mehr, als Ihr ahnt, mehr als Ihr Euch das vorstellen könnt. Was sonst könnte Menschen – ich denke an die Katastrophenhelfer in der Nähe und in der Ferne – weit über ihre eigentlichen Möglichkeiten hinaus durchhalten und weiterarbeiten lassen? Was sonst könnte Ihnen so viel seelische und körperliche Kraft geben?

Diejenigen, die sich mit der Entstehung und der Geschichte der biblischen Texte befassen, sind sich einig, Lukas nimmt hier Bezug auf ein ursprüngliches Jesuswort. Die drei sogenannten „synoptischen“ Evangelien, sie haben eine gemein-same Quelle von Jesusworten, verwenden dieses Bildwort zum Glauben. Allerdings sprechen Matthäus und Markus von einem Berg, den der Glaube versetzen könne. „Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so könnt ihr sagen zu diesem Berg: Heb dich dorthin! So wird er sich heben; und euch wird nichts unmöglich sein.“ [Mt 17,20] Das ist ja noch unwahrscheinlicher und übertriebener als die Vorstellung, es könne jemand einen Baum dazu veranlassen, sich selbst auszureißen und sich dann ausgerechnet ! ins Meer zu pflanzen. Aber genau das ist die Pointe des ursprünglichen Wortes.

Glauben – das hat mit Macht nichts zu tun – Glauben kann Wirkungen haben, die man eigentlich nur von übermenschlichen, von göttlichen Kräften erwarten kann. Da sichert die äußerste Übertreibung das bildhafte Verstehen und verhindert ein wörtliches Missverstehen. Demgegenüber wirkt die Version des Lukas abgeschwächt: Glauben kann Wirkungen haben, die man von menschlichen Kräften eigentlich nicht erwarten kann. Und der Glaube hat eine die Realität bestimmende Kraft.

Das wissen auch die Trainer, die Politiker und die Börsianer sowieso. Aber – und das wird nur durch den Zusammenhang klar, in dem unser kurzer Text steht – der Glaube, von dem Jesus spricht, kommt von demselben, auf den er sich richtet: Gott. Der Glaube an Gott, das heißt dieses Sich-auf-ihn-verlassen, bedeutet ja gerade ein Über-sich-hinausgehen und nicht lediglich ein Sich-auf-sich-selbst-besinnen. Dieser Glaube macht sich mit Gott vertraut, verbindet den Menschen mit Gott. Dort, in dieser Beziehung, schöpft der Gläubige Kraft. Es ist nicht seine Kraft. Es ist Gottes Kraft.

Das ist unsere Chance. Dass wir uns mit Gott verbinden, verbünden, wie es nachher in der Taufe geschehen wird, und in diesem Bund ganz neue auch ungeahnte Möglichkeiten finden. Angesichts der großen Aufgaben und der damit verbundenen Schwierigkeiten, die wir vor uns sehen, haben wir längst verstanden: „Mit unsrer Macht ist nichts getan.“ Das ist unsere Chance.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.