5. Sonntag nach Trinitatis

Text: Lk 5,1–11

Thema: Im Auftrag Gottes

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

Jan Brueghel der Ältere: Seehafen mit der Predigt Christi

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Der Meister der Wimmelbilder, Jan Brueghel der Ältere, hat 1598 die vier Episoden dargestellt, von denen wir in der Lesung gehört haben[1]. Lukas hat sie zu einer Erzählung komponiert. Die erste Szene zeigt Jesus, wie er am See Genezareth predigt. Da so viele Menschen gekommen sind, bittet er einen Fischer, mit dem Boot ein Stück hinauszufahren, damit er von dort aus seine Predigt fortsetzte. Wir kommen zur zweiten Szene. Jesus fordert Simon auf: „Fahre hinaus“ [Lk 5,4]. Die Fischer, sollen, obwohl sie es zur besten Fangzeit schon mit mäßigem Erfolg versucht hatten, noch mal hinausfahren und die Netze auswerfen. Und tatsächlich werden die Netze voll. In der dritte Szene sehen wir, wie Simon Petrus vor Jesus auf die Knie fällt. Er bekennt seine Fehlbarkeit und wird von Jesus dazu berufen, „von jetzt an Menschen zu fangen“ [Lk 5,10]. Das Ganze endet, indem die Fischer die Boote an Land bringen, sie dort liegen lassen und Jesus folgen.

In Brueghels Bild sind alle vier Szenen auf einmal verarbeitet. Wer jetzt aber denkt, die Hauptfigur, Jesus, stünde dabei unübersehbar im Mittelpunkt, sieht sich eines Besseren belehrt. Jesus muss man suchen. Dann freilich findet man ihn. Mitten unter den Leuten. Mitten in den Szenen ihres alltäglichen Lebens. Nicht auf dem Sockel, ohne Gloriole, vielmehr einer wie Du und ich. Erst recht gilt das für Petrus, den wir im Gewimmel kaum ausmachen können. Aber der hat nach der durchgearbeiteten Nacht auch gar kein Bedürfnis nach Rampenlicht, eher schon nach einem schattigen Schlafplatz. Da könnte er von vollen Netzen träumen, die der nächtliche Fischzug freilich gerade nicht erbracht hatte. So viel vergebliche Liebesmüh! Da ist er uns ganz nah. Das kennen wir auch. Im Garten zum Beispiel. Die Vorarbeiten sind gemacht, der Rasen eingesät, jetzt muss er nur noch keimen. Aber er tut’s nicht. In der Schule, wo die Kunstlehrerin -was für ein Ausdruck! – auf das mit Mühe vollendete Bild schaut und sagt: „Versuch’s noch mal!“ Im Betrieb, wo man sich für das Jahr 2020 viel vorgenommen hatte. Neue Ideen, neue Konzepte warteten auf ihre Umsetzung. Und dann kam Corona um die Ecke. In der Familie. Den Kindern nur das Beste. Sie sollten’s guthaben. Besser als man selbst. Und jetzt laufen sie aus der Spur, haben das Maß und die Mitte verloren. Wäre ich jetzt niedergeschlagen oder wütend? Würde ich fragen: Warum muss mir das passieren? Wer steht mir bei?

Und dann kommt einer und sagt: „Versuch’s noch mal.“ Ja, was denn? Ich habe doch alles versucht! Hält der mich für blöd? Als ob ich nicht alles versucht hätte? Wären wir sonst im Dunkeln auf den See gefahren, wenn nicht die Erfahrung uns gelehrt hätte, dass die Dämmerung die beste Zeit ist, einen erfolgreichen Fischzug zu tun? Und jetzt noch mal die Plackerei und das am hellichten Tage, wo doch jedes Kind weiß, dass dann die Fische Nachtschlaf halten. Zwischen Petrus und diesem Jesus, den er erst eben kennengelernt hat, als er ihm zuhörte, geschieht etwas, was man schlecht erklären kann. Petrus jedenfalls lässt sich auf die Sache ein, mehr noch, er vertraut Jesus. Eigentlich hat’s keinen Sinn, „aber auf dein Wort, will ich die Netze auswerfen“ [Lk 5,5]. Sein Vertrauen ist größer als sein Wissen. Nicht nur, dass er mit seinen Leuten nun gleich einen fetten Fang machen wird, einen, von dem er sonst träumte, nein, diese Begegnung bedeutet ihm mehr. Wie könnte er sonst alles stehen und liegen lassen, sein bisheriges Leben – jetzt aus dem Stand – aufgeben, hinter sich lassen und aufbrechen in eine nun wirklich ungewisse Zukunft? Nüchtern betrachtet spricht dafür nichts. Nüchtern betrachtet, müsste er die Fische gewinnbringend verkaufen und darauf sehen, dass dieses einmalige Erlebnis sich wiederholen lässt.

Aber genau das geschieht nicht. So ernst, wie Petrus den Auftrag genommen hatte, „fahre hinaus, wo es tief ist“ [Lk 5,4], so ernst nimmt er den Ruf, den er hört: „Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen“ [5,10]. Da bleibt kein Platz für Zweifel. „Kann ich das?“ „Was soll aus mir werden?“ Es braucht auch keinen Theaterdonner, keine Light and Thunder Show – nein, so wie Brueghel das gemalt hat: Mitten im Leben, im alltäglichen Geschehen, spricht Gott dich an und nimmt dich in seinen Dienst. Ohne viel Worte ist Simon Petrus und seinen Freunden klar: Wo Gott mir begegnet, kann ich nicht so bleiben wie ich bin und nur meinen begrenzten Erfahrungen folgen. Wo Gott mir begegnet, da öffnen sich neue weitere Horizonte als ich sie bisher aus meinem Fischerkahn heraus wahrgenommen habe. Jetzt wirst Du Menschen-Fischer: Du wirst Netze auswerfen, die Beziehungen stiften und den Menschen Halt bieten und Zuversicht für ein fürsorgliches und heilsames Leben. Und du wirst ihnen ein Beispiel sein, wie das geht. Nicht mehr vom Brutto für dich, sondern mehr von dem, was dir gegeben und geschenkt ist, für deinen Nächsten. Du hast so viel bekommen, übervolle Netze, du kannst dich trauen zu geben. Tu’s!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


[1] Jan Brueghel der Ältere (1568-1625): Seehafen mit der Predigt Christi, 1598. Bestand der Alten Pinakothek, München.