Trinitatis

Text: Röm 11,(32)33–36
Thema: Gott der Unverfügbare
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Einige Zeit vor den Umzügen war Millimeter-Papier hoch im Kurs. Sorgfältig wurden die Maße der nächsten Wohnung eingetragen, die der größten Möbelstücke ermittelt, nachgezeichnet und ausgeschnitten auf den freien Flächen der Wohnung hin- und hergeschoben. Was passt wie? Die Frage nach der Wirkung konnte nur mittels ausgeprägter Vorstellungskraft beantwortet werden. Ungefähr. Manchmal hat alles genau gepasst, mitunter gab es aber auch eine Überraschung, die die vorherige Planung zunichtemachte.

„Überraschung!“ Freudig angekündigt kann die Überraschung Freude machen. Muss aber nicht. Dann wird aus ihr eine unliebsame Überraschung. Wie kommt’s?

Vielleicht liegt es daran, dass wir uns die Dinge gerne zurechtlegen – wie auf dem Bogen Millimeter-Papier – und gut damit zurechtkommen, wenn unsere Erwartungen bestätigt werden. Ist dem nicht so, folgt die Enttäuschung auf den Fuß. Alle vorausgehende Berechnung ist Makulatur geworden.

Es gehört zur Eigenart des Menschen, dass er zu begreifen sucht. Erst buchstäblich und dann auch im übertragenen Sinn. Welt und Wirklichkeit erfassen. Gesetzmäßigkeiten, angenommene oder gar tatsächliche erkennen. Auf diese Weise Berechenbarkeit, Sicherheit und größten Gewinn schaffen. Ein großer Teil der Wissenschaften hat sich aus diesem Verlangen heraus entwickelt. Welche Kräfte wirken und wie das geschieht, fragt die Physik und entwickelt dazu Erklärungsmodelle. Was worauf wie reagiert, erforscht die Chemie und vermag solche Prozesse bis hin zu ihrer Planbarkeit zu erklären. Täglich erklären uns Meteorologen, wie das Wetter wird. Sie greifen dabei auf Berechnungsmodelle zurück, die auf Erfahrungen, Beobachtungen und deren physikalischen Erklärungen fußen. Die Vorhersagen sind immer besser geworden. Perfekt sind sie nicht, jeder von uns hat damit schon seine Erfahrungen gemacht, aber doch so gut, dass wir kritisch oder sogar ärgerlich vermerken, wenn der Wetterfrosch mal nicht recht hatte. Dann fällt die Wochenendparty ins Wasser, weil sich eine lokale Unwetterzelle gebildet hatte. Aha!

In solchen Momenten kommt es zu Kontingenzerfahrungen. Die Rechnung geht nicht auf. Das an sich Erwartbare tritt nicht ein, es kommt zu einer gänzlich anderen Wendung. So stehen wir am Krankenbett, haben die Prognosen der behandelnden Ärzte im Sinn, und erleben ziemlich unvorbereitet, dass es nun doch ganz anders kommt.

Reihenweise sind unser aller Planungen und Vorhaben an Drehungen und Wendungen der Pandemie gescheitert. Wir konnten’s nicht vorhersehen, konnten’s nicht planen, hatten’s nicht verstanden. Die Enttäuschungen waren groß.

Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass es solche Kontingenz-Erfahrungen auch zu unserer Freude gibt. Wir haben das Schlimmste angenommen und im Rahmen unserer Kenntnisse auch erwartet und es tritt nicht ein. „Glück gehabt“, sagen wir dann.

Unsere Reaktionen auf das Unberechenbare oder zumindest nicht gänzlich Berechenbare changieren zwischen Staunen und Wundern einerseits, und Erschrecken und Furcht andererseits. Diese beiden Grundhaltungen hat Rudolf Otto 1917 in seinem viel beachteten Buch „Das Heilige“ als urreligiöse Haltungen beschrieben.

Womit ich bei Paulus wäre, der im Brief an die Römer, dort das 11. Kapitel mit folgendem Hymnus abschließt: 

Röm 11,33 O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! 34 Denn »wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen«? (Jes 40,13) 35 Oder »wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass Gott es ihm zurückgeben müsste?« (Hiob 41,3) 36 Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.

Paulus hat eben noch allerlei Überlegungen angestellt, was es für das auserwählte Volk bedeute, dass nun auch die Heiden erwählt sind. Gott kann erwählen, wen er will und dabei auch unser menschliches Verständnis überschreiten. Die Erwählung der Heiden soll den längst Erwählten vor Augen führen: Es kommt auf das Verhältnis zu Gott an. Nicht die Einhaltung des Gesetzes, sondern die Gnade Gottes, aus der der Glaube wächst, macht gerecht. Paulus hält fest, bei der Erwählung Israels bleibt es und wie seine Rettung geschehen wird, das ist ein Geheimnis Gottes.

Selbst angestrengtes Nachdenken, Konstruieren und Rekonstruieren hilft nicht weiter. Es bleibt Spekulation. Wen Gott erwählt, können wir nicht errechnen. Anders, wem die Sonne im Leben scheint, wem es verhagelt wird, wessen Leben einen glücklichen Ausgang haben wird und wo das nicht der Fall sein wird, das ist uns verborgen. Oft genug verstehen wir es nicht und fragen ratlos nach dem Sinn.

Unsere üblichen Berechnungen dienen dem Ziel, gut durch’s Leben und ganz generell gut davonzukommen. Das gilt für alle möglichen Handlungsfelder vom Sport und der Gesundheit, vom Profit beim Wirtschaften und an der Börse bis hin zur öffentlichen Anerkennung. Wie komme ich gut durch und da an, wo ich hinwill?

Es ist das die säkulare Form der Überlegungen, die Paulus und seine Zeitgenossen auf religiöse Weise angestrengt haben. Luther fasst das Ganze später in einer Frage zusammen: „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“

Einen Unterschied zwischen beiden Herangehensweisen, der säkularen und der religiösen, sehe ich im Umgang mit dem Unverfügbaren. – Manche sprechen im Blick auf die Unberechenbarkeit auch vom „Zufälligen“. In heutiger Zeit hängt man weithin der Vorstellung an, das Unverfügbare mehr und mehr zurückdrängen zu können. Rechnung statt Hoffnung.

Ist das Leben so? Entspricht es tatsächlich unserer Erfahrung, dass wir alles im Griff haben und das Unverfügbare zu einer zu vernachlässigenden Größe geworden ist?

Wer von Gott spricht, an ihn als lebendigen Gott glaubt, holt das Unverfügbare in das Konzept seines Lebens. Gott selbst ist unverfügbar. Insofern ist er auch immer für Überraschungen gut. Der Versuch, ihn auszurechnen und kraft eigener Berechnung einzugrenzen, ist zum Scheitern verurteilt. Gott steht für das Ganze der Wirklichkeit. Dieses wird mit Gott aufgerufen. Mehr als alles. Ewig. Unendlich.

Was heißt das für uns, die wir an Gott glauben, nach ihm fragen, ihn benennen als Vater, Sohn und Heiliger Geist? Schluss mit dem Millimeter-Papier! Schluss mit den Berechnungen! Gottes Wege sind unerforschlich! [vgl. 11,33] Am Ende steht das Staunen: „O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!“ [11,33]

Dazu gesellt sich ein Anerkennen der eigenen Grenzen: „Denn »wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen«? (Jes 40,13) Oder »wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass Gott es ihm zurückgeben müsste?« (Hiob 41,3)“ [11,34f.],

gefolgt von einem Bekenntnis, in dem dann eine Zuordnung vorgenommen wird: „Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge.“ [11,36]

abgeschlossen durch einen Lobpreis: „Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.“ [11,36]

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.