3. Sonntag nach Trinitatis
Text: Jes 40,1–11
Thema: Zwischen
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

»Das Dumme an Weihnachten«, sagte Jeremy James, »ist die Zeit dazwischen.« »Wozwischen?« fragte Mama – sie behängte gerade den Weihnachtsbaum mit Lametta. »Zwischen irgendwann und Weihnachten«, sagte Jeremy James. »Zum Beispiel zwischen heute und Weihnachten. Wenn nichts dazwischen wäre, hätten wir jetzt Weihnachten und ich brauchte nicht auf meine Geschenke zu warten.« [David Henry Wilson – Warten auf Weihnachten]

Zwischen. Das ist der Ort unseres Lebens. Man muss es nicht so fatalistisch sehen, wie Erich Kästner das tut: „Das ist das Verhängnis: / Zwischen Empfängnis / und Leichenbegängnis / nichts als Bedrängnis.“ Das Zwischen-Sein ist wohl auch ein Kennzeichen der Vergänglichkeit oder auch der Vorläufigkeit alles dessen, was ist. An Schwellen des Lebens angekommen, wo vorher und nachher den Unterschied macht, wird das Zwischen-Sein offensichtlich.

Am ersten Advent haben wir die Schwelle zum neuen Kirchenjahr überschritten. Weihnachten selbst markiert den Moment, in dem Gott Mensch wird. Er selbst begibt sich ins Zwischen. Im Kirchenjahr werden wir den Weg Jesu durch das menschliche Zwischen-Sein verfolgen und darin unser eigenes Zwischen-Sein reflektieren.

In Jesajas Versen aus dem 40. Kapitel entwirft er eine entsprechende Szenerie. Da ist das Volk, das im Exil darbt. Es fragt sich, wird das immer so weitergehen? Wann endlich haben Kummer und Not ein Ende? Wann haben wir genug bereut, dass uns alles wichtiger als Gott und seine Weisung? Und da malt der Prophet eine Zukunft, die auf dieses Volk zukommt. Ich lese die Verse 1-11:

Jes 40,1Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott. 2 Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist; denn sie hat die volle Strafe empfangen von der Hand des Herrn für alle ihre Sünden. 3 Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott! 4 Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden; 5 denn die Herrlichkeit des Herrn soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des Herrn Mund hat’s geredet. 6 Es spricht eine Stimme: Predige!, und ich sprach: Was soll ich predigen? Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. 7 Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des Herrn Odem bläst darein. Ja, Gras ist das Volk! 8 Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich. 9 Zion, du Freudenbotin, steig auf einen hohen Berg; Jerusalem, du Freudenbotin, erhebe deine Stimme mit Macht; erhebe sie und fürchte dich nicht! Sage den Städten Judas: Siehe, da ist euer Gott; 10 siehe, da ist Gott der Herr! Er kommt gewaltig, und sein Arm wird herrschen. Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her. 11 Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte. Er wird die Lämmer in seinen Arm sammeln und im Bausch seines Gewandes tragen und die Mutterschafe führen.

Noch weiter hat Jesaja den Bogen gespannt, in dem unser Dazwischen seinen Platz hat. Sehr nüchtern stellt er das Unbestreitbare fest: „Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. (7) Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt“ [Jes 40,6f.]. Was für den einzelnen zutrifft, gilt auch für das Volk. „Ja, Gras ist das Volk! (8) Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt“ [Jes 40,7f.]. Braucht es zu solcher Erkenntnis die Erfahrung, Spielball der Mächte zu sein, und dass es keine Sicherheit gegenüber der Willkür der Macht gibt? Noch sitzen Jesajas Leute im Exil. Aber am Horizont sammeln sich die, die schon bald Macht und Pracht des stolzen Babylon zerstören werden. „Ja, Gras ist das Volk!“ – auch das Volk von Babylon. Genugtuung wächst daraus nicht. Die Vergänglichkeit ist an jedem. Und angesichts dessen fragt der Prophet: „Was soll ich predigen?“ Was soll man sagen zu den Wendungen der Geschichte im Leben eines Menschen oder auch eines Volkes? Was kommt, geht auch wieder. Das ist es. Oder? Jesaja schließt den Gedanken mit einer Feststellung, die wie ein Anker wirkt: „Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich“ [Jes 40,8]. Die Worte der vielen vergehen, das Wort des Einen bleibt. Ja, so sagt es später Johannes, es wird Fleisch, nimmt Gestalt an in Jesus Christus.

Und welche Antwort hat der Prophet auszurichten? Was ist sein Predigtauftrag: „Tröstet, tröstet mein Volk!“ [Jes 40,1] Das ist es, was sie alle brauchen. Die Verschleppten und die Verirrten, die Verunsicherten und mit ihrer Vergänglichkeit Konfrontierten. Trost! Erleichterung von innen und von außen. Das Wort für „Trost“ beinhaltet beides: aufatmen lassen, beistehen und bereuen. Ist das nicht Trösten überhaupt: Zuwendung, Zuspruch, aber auch erleichterndes Handeln bis hin zur Änderung einer bedrückenden Situation? Zweimal ergeht die Aufforderung „Tröstet, tröstet!“ so wie Gott selbst wiederholt, ja immer wieder tröstet. Er ist tröstend treu – beide Worte stammen im Deutschen aus einer Familie. Der treue Tröster – das ist die erste gute Nachricht. Diese Stimme wird nicht verstummen, auch wenn nach wie vor das Gras verdorrt und die Blume verwelkt. Nichts muss schöngeredet werden. Auch nicht unser Kummer, auch nicht unsere Ängste und unser Leid. Das ist da und es gehört zu unserem Leben. Aber in dieses Leben hinein spricht Gott.

Klar und deutlich, leise wispernd und raunend, dem einzelnen ins Ohr oder allen auf den Kopf zugesagt. Gott spricht. Da ist nun seine Stimme zu hören, die den Propheten beauftragt: „Redet mit Jerusalem freundlich und prediget ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist; denn sie hat doppelte Strafe empfangen von der Hand des HERRN für alle ihre Sünden“ [Jes 40,2]. Das Doppelte ist der übliche Schadensersatz. Den hat Jerusalem, den hat das Volk des Herrn geleistet. Jetzt aber ist es genug mit Vorwürfen und Beschuldigungen. Sie sollen der Vergangenheit angehören. Vergebung ist angesagt, Vergebung, die alles neu macht.

„Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott! (4) Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden“ [Jes 40,3f.]. Wenn Gott seinem Volk voranziehen wird, um es aus der Gefangenschaft zu führen, wird ihm das Volk folgen, wie es seinem König folgt. Dem aber wird zur Thronbesteigung ein Königsweg gebahnt. Daran erinnert das Bild, das der Prophet vernimmt. Die Dimensionen sprengen den üblichen Rahmen. Es ist der Schöpfer selbst, dessen Weg bereitet wird. Alles wird anders: Das Krumme gerade, das Bucklige eben.

Hier sehe ich unsere Weihnachtswünsche wieder. Nein, das sind keine Schnellbahnstrecken oder Autobahntrassen, aber es ist bereiteter Boden und geklärtes Terrain, wo „alles in Ordnung ist“. Da soll es stimmen zwischen den Beteiligten und alles Krumme, soll zurechtgebracht und gerade sein. Aber wie soll das gehen? Und wieviel Schutt und Asche liegt zwischen den Völkern! Manchmal wirbelt einer mit durchsichtigen Absichten die alten Ressentiments auf, dann spüren wir, wie zerbrechlich auch unser Friede in Europa ist. In diesem Jahr ist das, was wir Frieden nannten in Feindschaft und Gewalt zusammengebrochen. Kaum ein Haus steht noch, kaum ein Leben ist noch unverletzt, wo der Krieg getobt hat. Das ist das düstere Gegenbild zu dem, was Gott verheißt.

„Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott“ [Jes 40,1] Wo unsere Stimmen brüchig und heiser werden, um schließlich zu verstummen, seine Stimme verhallt nicht! Sein Wort kommt in die Welt. So werden wir das an Weihnachten mit den Worten des Johannesevangeliums hören. Sein ewiges Wort wird Fleisch. Und Jesaja kündigt an: „Denn die Herrlichkeit des HERRN soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des HERRN Mund hat’s geredet“ [Jes 40,5].

Hilft uns das? Hilft das den Frierenden und Darbenden, hilft das denen, die gedungen wurden, um zu zerstören und dabei zu sterben? Hilft das den Flüchtenden und Entwurzelten, heilt das die verwundeten Seelen der Kinder und Verzweiflung der Trauernden?

Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich. [Jes 40,8]

Es gibt etwas, das ist größer als alles menschliche Wollen und Können. Das ist die Quelle des Lebens und zugleich der Grund unserer Hoffnung. Das ist Gott, der sich seinem armen Volk zuwendet: „Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte.“ [Jes 40,11] Das müsst ihr hören, das muss lauter klingen als der Donner der Kanonen. „Zion, du Freudenbotin, steig auf einen hohen Berg; Jerusalem, du Freudenbotin, erhebe deine Stimme mit Macht; erhebe sie und fürchte dich nicht! Sage den Städten Judas: Siehe, da ist euer Gott; 10 siehe, da ist Gott der Herr! [Jes 40,9f.]

Fürchte dich nicht! Den Ruf werden wir noch oft hören in den nächsten Wochen. Fürchte dich nicht! Wenn alles wankt und bricht, wenn die vermeintlichen Sicherheiten hinfallen, wenn die Zukunft die Gestalt einer Drohung annimmt, dann hören wir den Engel rufen: „Fürchtet euch nicht!“ Dann wärmen wir uns am Licht der Weihnacht, das uns verkündet: Gott ist für uns da!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.