13. Sonntag nach Trinitatis

Text: Lk 10,25–37
Thema: Wer ist nochmal mein Nächster?“
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

„Der Nächste bitte!“ Ob im Wartezimmer, auf dem Amt oder am Schalter, kaum ertönt die Aufforderung, „Der Nächste bitte!“, wissen wir meist genau, wer gemeint ist. Jeder sorgt sich darum, als Nächster zum Zuge zu kommen. Einzig ein Drängler könnte jetzt die schöne Übereinkunft stören.

„Wer ist denn mein Nächster?“ [Lk 10,29] hatte der Schriftgelehrte gefragt, wie wir es eben in der Schriftlesung hören konnten.

Hintergrund war eine Diskussion über die Frage, wie man recht leben soll. Damals lautet die Frage des Schriftgelehrten: „Was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?“ [Lk 10,25] Damit beginnt das Gespräch, das Züge einer freundlich geführten Auseinandersetzung hat. Der Schriftgelehrte. Er möchte den vermutlich missliebigen Rabbi, diesen Jesus aus Nazareth, auf’s Glatteis führen, möchte ihn am liebsten bloßstellen, auf dass er sich verheddern möge in den Stricken des Gesetzes und seiner Auslegung.

„Was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?“ [Lk 10,25] Bem Erben, wer wüsste das nicht, hängt alles von der gelungenen Beziehung zum Erblasser ab. Und wer außer Gott, könnte schon das ewige Leben vererben? Also muss sich ein Mensch fragen: „Bin ich mit Gott im Reinen, lebe ich nach seiner Weisung?“

Welche Kriterien für ein rechtes Leben nehmen wir zur Hand? Das ist eine spannende Frage, nicht zuletzt, weil sie uns über unser Verständnis des Lebens und unserer selbst Auskunft geben kann. Ist es „Hauptsache gesund“ oder „Oben ist besser als unten“ oder „Ehrlich währt am längsten“ oder…?

„Was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?“ hatte der Schriftgelehrte gefragt. Jesus antwortet mit einer Gegenfrage: „Wie liest du?“ [Lk 10,26] – gemeint ist: Wie liest du in der Schrift? Dem eigentlichen Wortsinn nach steht im Text: „Wie erkennst du wieder?“ – dich und den Menschen in Gottes Weisung. Als gebildeter Schriftgelehrter ist er um die Antwort nicht verlegen. Er zitiert zwei Stellen aus der Thora [Dtn 6,5; Lev 19,18], die wir als Doppelgebot der Liebe kennen [Mk 12,30f.]: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst“ [Lk 10,27]. Jetzt ist eigentlich alles gesagt, was zu sagen ist. Das Passwort zum ewigen Leben ist die Liebe. Die Bibel versteht es im Blick auf Gott so, nicht für sich allein zu leben, sondern im Herzen mit Gott verbunden. Sie sagt: „Lebe jeden Tag so, dass dir bewusst ist, du kommst von Gott, du lebst aus ihm und du wirst in ihn wieder eingehen. Bedenke, dass dein Leben ein Geschenk ist und vertraue darauf, dass du aus Gottes Händen nicht herausfallen wirst.

Das ist die Richtschnur. Sie ist im Kopf. Manches ist im Kopf – auch bei uns, auch bei nicht Schriftgelehrten. Aber das reicht dem Mann nicht. Er will’s ganz genau wissen. „Wer ist denn mein Nächster?“ [Lk 10,29], fragt er. Das ist die Frage, die die Verbindung von Kopf und Herz in Frage stellt: In der Vorbereitung lese ich, „der Nächste ist im Deutschen ein Superlativ“ [Predigtstudien, 120]. Stimmt. Und ich erfahre, dass das weder im Griechischen (pläsion) noch im Hebräischen (rea‘) so sei und auch nicht im Englischen (neighbour). Im Deutschen nehmen wir’s da offenbar ganz genau. „Der Nächste bitte!“ Näher als der Nächste geht nicht. Es gibt Situationen, in denen wir eine Rangordnung der Nächsten vornehmen. Beim königlichen Protokoll beispielsweise, da dürfte in den nächsten Tagen unsere Lernkurve steil ansteigen. Aber auch, wenn wir uns anlässlich einer Feierlichkeit über eine Tischordnung den Kopf zerbrechen, definieren wir nähere Nächste und fernere Nächste. Soll es das sein? Da werden wir es schwer haben, den Menschen zu finden, dem unsere Nächstenliebe gelten soll? Da dürften die Ausreden ins Kraut wachsen. „Was habe ich mit der zu tun?“ „Den kenne ich doch gar nicht.“ „Ich kann nicht jedem helfen.“ Ganz ehrlich, das denke ich auch manchmal, wenn ich, meist vor Weihnachtenn den zehnten Bettelbrief öffne.

Mir kommt vor, wir haben in unserer Gesellschaft die Sorge für den Nächsten weitgehend delegiert. Es ist eine Frage der Zuständigkeit geworden: Das Sozialamt, die Hilfswerke von Caritas bis Diakonie, die Ausländerbehörde … Institutionen statt Personen. Bei Jesus ist das ganz anders.

Er erzählt eine Parabel, also ein erzählerisch ausgeschmücktes Gleichnis. „Es war ein Mensch…“ [Lk 10,30] beginnt er. Jeder kann sich angesprochen fühlen, auch wenn es heißt, „der ging hinab“ [ebd.]. Ein Mensch auf dem Weg nach unten. Hier geht er von Jerusalem hinunter nach Jericho, aber kommt es darauf an? Es ist ein Weg nach unten auch im übertragenen Sinn. Schließlich liegt er bald da ausgeraubt, elend, nackt und bloß, wimmernd, halbtot. Ein Bild. Ein Bild für den ausgelieferten Menschen. Ich kann es mit eigenen Beobachtungen füllen.

„Der braucht Hilfe“. Jeder Erstretter, der an der Unfallstelle das Notwendige tut, ist dem Impuls gefolgt. Die beiden Vertreter des religiösen Establishments, die, die es eigentlich wissen müssten, versagen. Sie versagen die Hilfe, auf die es jetzt ankommt. Sie stellen, und das ist per se nicht kritikwürdig, ihren Dienst, zu dem sie als Priester oder Tempeldiener berufen sind, über alles andere. Ist es nicht trefflich, dass sie ihren Auftrag zuvorderst sehen? Schon, aber wo er zum ehernen Prinzip wird und das eherne Prinzip zum Feind des Lebens, da geht es in die Irre. Wo also die Frömmigkeit über alles und auch über das Wohl und Wehe des Nächsten geht, geht sie fehl? Gilt das auch umgekehrt?

Ein Gedankenspiel.  Wie wäre es, wenn die samaritanische Hilfsbereitschaft zum ehernen Prinzip gerönne, die Psychologen konstatierten ein Helfersyndrom, und darüber alles andere zurückstehen müsste? Kann das gutgehen? Aber das trifft nicht nur auf diesen Fall zu. Wie ist das denn, wenn dem Hobby alles untergeordnet wird, der Familie oder irgendeiner anderen Obsession? Wenn alles andere wichtiger wäre als der Dienst für Gott?

Das wäre eine andere Geschichte. „Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte es ihn“ [Lk 10,33]. Ausgerechnet ein Samariter! Gilt nichts hierzulande, gehört zu denen, die vom wahren Glauben abgefallen sind. Ausgerechnet der tut, was zu tun ist. Ausgerechnet er erkennt, wer sein Nächster ist, und überwindet die Feindschaft, die zwischen den Seinen und den Hiesigen herrscht. Er sieht den Menschen im anderen. Er sieht seine Not und er erbarmt sich. Jesu Zuhörer verstehen sofort: Wenn der Samariter schon hilft, dann müssen wir es doch erst recht tun. Hätten wir es getan?

In dieser so wohlbekannten Erzählung verdeutlicht Jesus in gekonnter Zuspitzung, wer mein Nächster ist. Er predigt eine Situationsethik, gar nicht abstrakt, sondern ganz konkret. Er erzählt eine Geschichte zum Hören, Lesen, Immer-Wieder-Lesen und Tun und Immer-Wieder-Tun. Nie sind wir fertig damit. Es ist ein Fass ohne Boden. Aber gerade da, im Sich-selbst-Verschenken, kommen wir zu uns. Wir Menschen sind so. Wir brauchen den Bezug und die Beziehung zum andern. Von ihr aus werden wir erst wir selbst. Und noch etwas ganz Einfaches: Es tut gut, Gutes zu tun. An Gelegenheiten ist kein Mangel. Auch Möglichkeiten sind uns gegeben. Kommt das Hirn zum Herz, wächst aus der Erkenntnis die Tat? Handle so wie jener Samariter, und du wirst leben! sagt Jesus. Ich glaube, ich habe ihn verstanden. „Wer ist nochmal mein Nächster?“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.